Partisanen: Ein vergessenes Stück Geschichte

„es könnte ein dorf sein 
mit hacken und spaten, mir wohlbekannt. 
aber des nachts kommt meine mutter.
sie weist ins tal. 
das alles gehört uns nicht,
sagt sie.“
Maja Haderlapp

Er empfängt mit einem Gläschen „Widerstandsgeist“, einem besonderen Lebenselixier. Zdravko Haderlap, Künstler, Regisseur, Choreograph, Kulturvermittler, ist auf den Hof seiner Vorväter zurückgekehrt – als Bergbauer mit Parisanen-Käppi. Doch den Widerstandsgeist, der sein ganzes Leben und auch seine künstlerische Arbeit mit dem viel diskutierten Tanztheater Ikarus geprägt hat, den hat der mittlerweile 51-Jährige nicht aufgegeben. Vor acht Jahren hat er die a-Zone als „kreativen Motor für die Regionalentwicklung“ gegründet und seither blüht am abgelegenen Vinklhof im Lepena-Tal, dort wo der Huflattich blüht, neben der Landwirtschaft auch die Kunst.
Für die tänzerische Annäherung an den Roman „Engel des Vergessens“ seiner Schwester Maja Haderlap (Bachmann-Preisträgerin 2011), die er 2013 gemeinsam mit rund 60 Mitwirkenden aus der Region gewagt hat, wurde der Querkopf sogar mit dem „Outstanding Artist Award“ für innovative Kulturarbeit ausgezeichnet. Dabei legen die Haderlaps den Finger in die Wunden, die hier im Grenzgebiet zu Slowenien noch lange nicht verheilt sind. Majas Ich-Erzählerin konfrontiert die Leser mit Folter und Mord, mit der Verschleppung in Vernichtungslager und dem verzweifelten Kampf der Partisanen. Und auf der Literaturwanderung mit dem Bruder wird eine Geschichte lebendig, die den meisten von uns fremd ist. Auch deshalb hat Zdravko die Aufnahmeleitung für den Dokumentarfilm „Der Graben“ übernommen, der im ORF lief. War doch seine Kindheit überschattet von den Erfahrungen seiner Familie: Die der Großmutter, die auf 32 Kilogramm abgemagert, aus dem KZ Ravensbrück befreit wurde, die des Großvaters als Deserteur, die des Vaters, der sich als Bub den Partisanen anschloss und von den Nazis gefoltert wurde und später seine Kinder terrorisierte. Das alles, so meint der Mann mit den blauen Augen und den grauen Locken, dürfe nicht in Vergessenheit geraten. Seine Literaturführungen sind deshalb immer auch eine Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg, der in diesem Grenzgebiet erst am 17. Mai endete und der sich tief in das kollektive Gedächtnis der Menschen hier eingegraben hat.
Während der Wanderung durch düstere Wälder und blumenübersäte Wiesen mit immer neuen Ausblicken auf die wuchtigen Felsstöcke der Karawanken erzählt Zdravko nicht nur vom Kampf der slowenischen Partisanen, sondern auch von einer „Re-Nazifizierung“ in Kärnten, die dafür sorgte, dass den slowenischen Opfern der Nazizeit erst spät Gerechtigkeit widerfuhr. „Man hat hier Pseudo-Mythen entwickelt“, sagt Haderlap bitter, „Kärnten über alles“. Die Slowenen wurden diskriminiert, bildeten eine Art Parallelgesellschaft. Österreich habe nie offiziell eingeräumt, dass vor allem die Kärntner Slowenen, die als einzige im „Deutschen Reich“ einen bewaffneten Widerstand organisiert hatten, maßgeblich zur Entstehung der Zweiten Republik beigetragen haben. Denn für den Staatsvertrag, der am 15. Mai 1955 geschlossen wurde, wurde eben dieser Widerstand der Kärntner Slowenen als wesentlicher Beitrag zur Niederringung des Nazi-Regimes ins Feld geführt.
Auch das will Zdravko vermitteln, während er seine Gruppe entlang von malerischen Bachläufen und hinauf über wilde Waldsteige führt, vorbei an „Tatorten“ aus Kriegs- und Nachkriegszeiten.  Da wurden in einem Austragshäusl mitten am Berg Bauer und Bäuerin und der Großvater von Nazischergen ermordet und das Haus niedergebrannt. Dass heute in den Ruinen Blumen blühen, ist dem Lehrer und Schriftsteller Valentin Polansek zu verdanken, der die Morde dem Vergessen entrissen hat. Er habe durch seine Romane den Slowenen „Sprache und Selbstwertgefühl“ zurückgegeben, lobt Zdravko, und die Gedenkstätte bis zu seinem Tod 1985 gepflegt. Fast zu jedem Haus hat er eine Geschichte, die meisten sind tragisch. Wie die des verlassenen Peternel-Hofes, wo der nicht mehr erwartete Heimkehrer von seiner Frau und deren Kumpanen kurzerhand erschlagen wurde, nachdem er Krieg, Gefangenschaft und ein Minenräumkommando überlebt hatte. Das Verbrechen blieb lange ungesühnt und wurde erst Jahre später aufgeklärt. Wie vieles wohl in dieser weltentlegenen Gegend, wo Mut und Wut dicht beieinander lagen und wo der Krieg ganze Familien auseinandersprengte.
Im Peršman-Hof, um den herum die Obstbäume in voller Blüte stehen, wird offenbar, dass auch der Widerstand seine Schattenseiten hatte. Das 2012 eingerichtete Museum erinnert an ein Massaker, dem elf Menschen zum Opfer fielen, darunter sieben Kinder, das Jüngste gerade mal acht Monate alt. Kurz vor Kriegsende feierten die Partisanen hier schon ihren Sieg, als eine Spezialeinheit von Nazi-Söldnern sie aufspürte. Die bewaffneten Kämpfer ließen alles stehen und liegen und die Familie und die Kinder ungeschützt zurück. Im Kugelhagel der Söldner starben die Hofbauern Ana und Lukas Sadovnig, die 80-jährige Altbäuerin Franziska, die Schwester des Bauern, Katarina Dobravc, die Kinder Viktor, Franziska, Bogomir, Albina und Filip Sadovnik und die beiden Nachbarskinder Adelgunde und Stanko Kogoj. Der Hof und die Wirtschaftsgebäude wurden niedergebrannt.
Dass es gegen die an dem Massaker beteiligten Soldaten nie zu einem ordentlichen Gerichtsverfahren kam, ist nur ein Teil der Geschichte. Der andere erzählt von den drei überlebenden Kindern, die durch die Politik noch einmal zu Opfern gemacht wurden, weil ihnen die Opferrente verweigert wurde. Die zynische Begründung: Die Kinder waren zu jung, um im Widerstand zu kämpfen, deshalb stünde ihnen auch kein Geld zu. Man kann Zdravko ansehen, wie sehr ihn diese Geschichte immer noch aufwühlt. Wie furchtbar er es findet, dass die Partisanen ihre Unterstützer im Stich ließen, um ihr eigenes Leben zu retten.
Und doch ist er überzeugt davon, dass der slowenische Widerstand wichtig und richtig war. Auf dem Weiterweg weist er auf einen Felsbrocken, über den spärlich Wasser rinnt. „Klassisches Partisanengebiet“ sei das hier, sagt er, „mit Grotten und Höhlen. Alles voll mit Technik Bunkern, Stabsbunkern, Erdbunkern und Kurier Bunkern“. Die Informationen seien von Kindern und Jugendlichen in Tagesmärschen weitergetragen worden, und unter der Ojstra „gab es sogar eine ganze Druckerei in einem Bunker, in der eine eigene Zeitung hergestellt wurde“.
Handke lässt Zdravko hier vorlesen. In „Immer noch Sturm“ hat der im nahen Griffen geborene Sohn einer Kärntner Slowenin und eines deutschen Wehrmachtssoldaten der eigenen Familiengeschichte nachgespürt und den slowenischen Partsanen ein literarisches Denkmal gesetzt.
Vielleicht hilft der berühmte Name dabei, dieses Stück auch europäischer Geschichte der Vergessenheit zu entreißen. Zdravko Haderlap ist überzeugt davon, dass die Zeit reif ist, um „nach zwei Generationen Schweigen“ den einzigen bewaffneten Widerstand innerhalb des Dritten Reiches wieder ins Bewusstsein zu rücken. Besser als Handke könne das Florian Lipus, Sohn einer Magd, die im KZ ums Leben kam, Kindersklave, Lehrer und slowenischer Schriftsteller. Aus seinem Buch „Boštjans Flug“, von der FAZ als Sprachkunstwerk gerühmt, erfährt die Gruppe, dass „in den Bergen mit der Schönheit kein Staat zu machen war“, so Zdravko. Und doch umgibt die Wanderer hier pure Schönheit: Grüne Wiesen, gesprenkelt mit bunten Blumen, blühende Obstbäume, schneebedeckte Gipfel, dunkle Wälder, murmelnde Bächlein. Wer von oben, vom Berggasthof Riepl, den auch so ein Widerspenstiger führt, hinunterschaut, dem geht die Seele auf. Und wenn Wirt Edi Walisch ihm dann auch noch eines seiner berühmten Pilzgerichte auftischt, dann sind Leib und Seele gleichermaßen beglückt.

Info:
Anreisen. Über die A8 (München-Salzburg) weiter über die A10 (Tauernautobahn) bis Villach, dann auf der A2 (Südautobahn) Richtung Wien bis zur Abfahrt Grafenstein (Exit 298, Klopeiner See) und auf der Bundesstraße Richtung Klopeiner See.
Wohnen. In der Gegend gibt es etliche Hotels und Pensionen. Zum Ferienmachen bietet sich der Klopeiner See an. Das Hotel Sonne in St. Kanzian etwa hat einen eigenen Seestrand mit See-Sauna: Westuferstraße 17, 9122 St.Kanzian /Klopeinersee, Tel. 0043/4239/2337, E-Mail sonne@sonne.info, http://www.sonne-klopeinersee.at/
Wenige Zimmer gibt es auch im Berggasthof Riepl bei Edi Wallisch: Koprein-Petzen 6, A-9135 Koprein Petzen, Tel. 0043/4238/25050, E-Mail:  alpengasthof_riepl@gmx.at
Literaturwanderung. Über Zdravko Haderlap, Lepena 19,A-9135 Bad Eisenkappel, Tel. 0043/4238/8495, Handy 0043/699/10717634, E-Mail: zdravko@aon.at, http://www.haderlap.at/
Informieren. Tourismusregion Klopeiner See – Südkärnten, Schulstraße 10, A-9122 St. Kanzian am Klopeiner See, Tel. 0043/4239/2222, E-Mail: info@klopeinersee.at, http://www.klopeinersee.at/

 

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