Ein Gespür für Schnee

Radiobeitrag im BR5

Mit dem Gespür für Schnee ist es so eine Sache: Es scheint vor allem Frau Holle abzugehen, wenn wir an die Kapriolen der letzten Wochen denken. Kein Schnee vor Weihnachten, Massen Schnee über die Feiertage, Frühlingstemperaturen und Tauwetter Anfang des Jahres. Da muss man sich schon fragen, wo der gute alte Winter geblieben ist. Oder gab’s den womöglich auch früher nicht und wir idealisieren nur die Erinnerung? Wie auch immer: Ohne Schnee kein Wintersport. Was also tun? Lange Zeit standen Schneekanonen im Kreuzfeuer der Kritik. Die ist inzwischen etwas leiser geworden, weil die Wiesen auf künstlich beschneiten Hängen immer noch besser gedeihen als auf aperen Abfahrten und weil manche Skigebiete nur überleben konnten, weil sie eben beschneit werden konnten.

Doch können Beschneiungsanlagen die einzige Antwort auf die Winter-Kapriolen sein? Da gehen die Meinungen auseinander, wie die touristische Runde erfuhr.
Thomas Lingg, Geschäftsführer der Imbergbahn in Oberstaufen, ist sich durchaus bewusst, dass die Allgäuer Landschaft eines der Verkaufsargumente ist. Deshalb plädiert er auch dafür, mit diesem Pfund sorgsam umzugehen. Ein endloser Ausbau des Skigebiets kommt für ihn nicht infrage. Aber ohne Beschneiung sieht er in schneelosen Zeiten das Wintergeschäft in Gefahr. Seit 1949 gibt es den Winterbetrieb an der Imbergbahn und 2002, als er die Geschäftsführung übernahm, war die traditionsreiche Bahn Insolvenz gefährdet. „2005 haben wir sie komplett neu ausgerichtet (aus dem längsten Einersessellift wurde die kürzeste Kabinenbahn Deutschlands) und auch durch kluges Schnee-Management deutlich Gäste dazugewonnen“. Wobei das eher niedrig gelegene Skigebiet davon profitiere, dass es große Grasflächen habe und die Pisten auf der Nordseite lägen. Beschneit werde erst ab vier Grad minus, betont Lingg, weil die Effizienz dann am größten ist. Nur vor der Hauptsaison liefen die Schneekanonen auch schon mal bei minus zwei Grad. Schließlich wolle man den Wintergästen ermöglichen, sich im Schnee zu bewegen. Das müsse nicht immer Skifahren sein, auch Winterwandern und Schneeschuhgehen erfreue sich wachsender Beliebtheit. Aber auch dafür brauche man Schnee.
Auf dem Pitztaler Gletscher ist es eigentlich immer weiß. Und doch geht es auch da nicht ohne „ausgeklügeltes Schneemanagement, wozu in geringem Maße auch die Produktion von Kunstschnee gehört“. Marcus Herovitsch, Marketingleiter der Pitztaler Gletscherbahn, ist überzeugt davon, dass dieses „Schneemanagement“ dabei hilft, „dem Gletscherschwund entgegen zu wirken“. Und das Pitztal fährt mit dem Snowmaker noch stärkere Geschütze auf als die üblichen Schneekanonen. Die Wunderwaffe aus Israel, die eigentlich für die Kühlung der Bohrköpfe in den Goldminen Südafrikas entwickelt wurde, produziert auch bei Plusgraden Schnee. Dabei, so versichert Herovitsch, müssten dem Wasser keinerlei chemische Zusätze beigemischt werden. Zu Schneekristallen gefriere es, weil es einem Vakuum ausgesetzt werde. Dabei entstehe echter Schnee, der auf sensible Flächen verteilt werden könne. Weil der Energieverbrauch von Seilbahnen groß ist, will man auf dem Gletscher ein Photovoltaik-Werk errichten, das dann mindestens ein Drittel des Bedarfs abdecken könnte.
Mit „Snowfarming“ sorgt Davos seit 2008 für weiße Loipen. Nuot A. Lietha, spricht von einer über 80-prozentigen Erfolgsquote des „sehr ökologischen Schneesammelns“. Die Schneekanonen würden nur bei optimalen Temperaturen angestellt, so könne man in 53 Stunden 4300 Kubikmeter Schnee produzieren – auf Halde. Das Depot auf einer Loipe in einem Waldstück werde mit Sägemehl abgedeckt, eine zusätzliche Kühlung sei nicht notwendig, versichert der Schweizer. Man habe auch schon mit Gletscherfolie experimentiert, die habe aber wegen der niedrigen Lage des Depots nicht funktioniert.
Natürlicher als der Schnee aus Schneekanonen soll das sein, an dem in Hochgurgl geforscht wird. Eine künstliche Wolke soll Schnee produzieren, der nicht nur fluffig wie Pulverschnee sondern auch wasser- und energieschonender herzustellen ist. Zentraler Baustein ist eine Art Wolkenkammer, die es ermöglicht, dass Wassertropfen, Wasserdampf und Eiskristalle gleichzeitig nebeneinander ko-existieren“, so Michael Bacher, Leiter des Projekts. Aus einem Kubikmeter Wasser könnte man so bis zu 15 Kubikmeter Schnee produzieren – rund sieben Mal mehr Schnee als mit konventionellen Geräten. Allerdings bisher nur im Labor. Für die Experten in der Runde ist die Schneewolke deshalb noch kein Thema. Interesse an einer ausgereiften neuen Technologie, die noch dazu lockeren Schnee produziert, hätten aber alle.
Stefan Witty, Geschäftsführer der Internationalen Alpenschutzkonvention Cipra und selbst begeisterter Skifahrer, sieht grundsätzlich den Wasserverbrauch für Kunstschnee kritisch. Speicherteiche, gibt er zu bedenken, seien ein Eingriff in die Landschaft. Und durch teure Investitionen für künstliche Beschneiung stiegen die Preise für die Liftkarten, so dass sich immer weniger Menschen Skifahren noch leisten könnten. Die Cipra, so Witty, sieht deshalb in der Beschneiung das falsche Mittel und würde sich andere Konzepte wünschen. Man müsse sich davon verabschieden, 100 Tage Schnee zu haben. Stattdessen sollten die Alpenorte mit Reizklima, Ruhe und Ausstieg aus dem Alltag werben.
„Wir haben zumindest in Österreich keinen Plan B zum Skifahren“, widerspricht Franz Schenner vom Netzwerk Winter. Er ist überzeugt davon, dass Winter wie dieser immer wieder kommen und deshalb müsse man in puncto Beschneiung noch viel forschen. „Wir werden in naher Zukunft bei Plusgraden schneien und die Natur schützen“, ist Schenner überzeugt. Die Menschen müssten Skifahren wollen. Denn die Bergbahnen könnten nur überleben, wenn sie auch Skipässe verkaufen könnten. Das Teuerste, so der engagierte Ski-Lobbyist, „ist nicht der Schnee. Das sind leere Betten und Arbeitslose.“ Ohne Tourismus, assistiert Thomas Lingg aus Oberstaufen, würden die Bergtäler veröden. „Das Allgäu wäre das Armenhaus Bayerns.“
Einig war sich die Referentenriege, dass die Ansprüche der Wintersportler in den letzten Jahren immer höher wurden. Auch was den Schnee angeht. Die meisten erwarteten perfekt präparierte Pisten mit kompaktem Schnee. Lockerer Neuschnee, der schnell verspurt wirkt, sei weniger gefragt. Trotzdem hat Davos das erste „Langsamskigebiet der Schweiz“ ausgewiesen, wie Nuot A. Lietha berichtet. Eine Piste wie früher, die nicht täglich platt gewalzt wird und deshalb zur Entschleunigung beitrage. Das käme vor allem der älteren Generation entgegen, so die bisherige Erfahrung. Auch Stefan Witty hat den demographischen Aspekt in die Diskussion mit eingebracht. Für ältere Skifahrer, meint er, wären viele Pistenkilometer und gigantische Skikarusselle nicht mehr so wichtig. Auch darauf sollten sich die Skigebiete einstellen statt immer weiter aufzurüsten.

 

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