Portugal – aus Tradition zum Erfolg

Sonnengelb blüht der Ginster am Straßenrand und rot der Mohn, am Horizont drehen sich Dutzende von Windrädern. Grün und hügelig ist die Landschaft im Zentrum Portugals. Hier, wo auf Schiefer und Granit ausgezeichnete Weine gedeihen, wo Palmen neben Pappeln wurzeln und Obstbäume neben Kiefern, fährt man im wahrsten Sinn des Wortes durch blühende Landschaften. Und doch sind die Reisenden irritiert. Angesichts all der leeren Autobahnen und Straßen, die diese Landschaft durchschneiden, der nagelneuen Malls und der ausufernden Neubaugebiete. Denn in den Ortszentren bröckeln die Fassaden, die Läden stehen leer und die Gassen teilen sich alte Leute mit Straßenkötern. Was ist los in Portugal?
Graca Ribeira, die weltgewandte Unternehmensberaterin aus Lissabon, die das Haus ihrer Großeltern in einem der kleinen Dörfer als „turismo rural“ vermietet, kann sich vorstellen, woran es liegt: „Viele Portugiesen haben keine Achtung vor dem Alten,“ sagt sie, „interessant ist für sie nur, was neu und modern ist“. Auch dass ein Großteil ihrer Landsleute über ihre Verhältnisse lebt, ist ihr bewusst, „weil die Banken den Leuten das Geld nachschmeißen“. Und das bei einem Mindestlohn von 500 und einem Durchschnittslohn von 800 Euro. Die neuen Häuser stammten meist von Rückkehrern, die in Angola oder Brasilien, oft auch in Deutschland ihr Glück gemacht hatten. „Damals waren es oft ungelernte Arbeiter, die auswanderten“, erinnert sich die studierte Biologin. Heute aber führe die hohe Arbeitslosigkeit dazu, dass hochqualifizierte junge Leute die Heimat verließen, weil der Staat keine entsprechenden Jobs schaffe. „Ein Aderlass, der Portugals Zukunft gefährdet“, urteilt Graca. Auch der Geschäftsführer des trendigen Restaurants Salpoente in Aveiro, wo man im sorgsam restaurierten Salzstadel den „besten Kabeljau Portugals“ bekommt, ist besorgt: „Wir sind noch mittendrin in der Krise“, glaubt der smarte Mitdreißiger. Das Salpoente immerhin hat sich dank des innovativen Küchenchefs Duarte Eira und des Engagements des jungen Management-Teams als eines der besten Restaurants im Herzen Portugals etabliert.
Auch solche Erfolgsgeschichten gibt es hier – und meistens stehen private Initiativen dahinter. Zum Beispiel hinter der Burel-Fabrik in Manteigas in der Sera Estrela. Da, wo Portugal schroff ist, wo die Berge in den Himmel zu wachsen scheinen und wo auf den kargen Wiesen wie eh und je die Schafe weiden. Ihre Wolle sicherte lange Zeit die Existenz der Menschen im Tal, wo sich die Textilfabriken aneinander reihten. Die meisten sind inzwischen Geschichte. Aber diese hier hat überlebt, dank Isabel Costa, Managerin einer Supermarkt-Kette und in Lissabon zuhause. Zusammen mit ihrem Mann João Tomás, einem Anwalt, der hoch droben auf dem Berg das alte Sanatorium zu einem luxuriösen Refugium für Naturbegeisterte umgebaut hat, hat Isabel im portugiesischen Hinterland ein neues Zuhause und eine neue Aufgabe gefunden.
Sie kaufte die alte Fabrik samt Inventar, auch den Musterkarten, um in alter Tradition gewalkten Wollstoff zu produzieren, den Burel – wobei Portugals ältester handgemachter Stoff völlig neu und vielfarbig interpretiert wird. Das, was derzeit 17 Frauen und Männer in dem alten Gebäude fertigen – Decken und Stoffe aber auch Taschen, Schals und Schuhe in lebhaften Farben und oft frechem Design – vermarktet Isabel auf Messen und Modeschauen. Natürlich ist Burel auch in Joãos Hotel, dem Casa das Penhas Douradas allgegenwärtig. Und: Microsoft Portugal hat die Wände seines Lissabonner Büros mit bunten Burel-Platten isolieren lassen. All das erfahren Besucher in der Burel-Fabrik, wo sie bei einer Führung durch die Räume den komplizierten Weg der Wolle zum Burel-Stoff verfolgen und die alten Maschinen bewundern können.
An die alte Tradition der Wollindustrie möchte auch Francisco Afonso anknüpfen, der in Covilha aus der ererbten Textilfabrik aus dem 17. Jahrhundert ein Kulturzentrum gemacht hat, das New Hand Lab. War doch Covilha einst „das Manchester Portugals“ – noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in der Stadt 60 Fabriken. Wegen dieser Tradition sind im New Hand Lab auch noch 200 Arbeiter mit der Garnherstellung beschäftigt, fabriziert Francisco hier ganz individuelle Decken aus Kaschmir und Mohair. Aber in den hohen, lichten Werkhallen rattern keine Webstühle mehr. Maler und Fotografen, Musiker und Textildesigner, Architekten und Filmemacher sind eingezogen und arbeiten oft Hand in Hand. Auch Miguel Gigante, der mit seinem Burel-Design europaweit Furore macht, hat hier sein Atelier.
Auf alten Stühlen und auf Bänken sitzen originelle Stofftiere. Geschaffen hat sie Paola, Franciscos quirlige Frau, die an der Hochschule Chemie unterrichtet. „Hier inspiriert jeder jeden“, sagt sie und lacht. Und Francisco schwärmt von der gegenseitigen Hilfe, die auch in gemeinsame Projekte mündet. 2014 etwa haben alle Künstler zusammen einen alten VW Käfer aus dem Jahr 1954 „bestrickt“ und so in ein kunterbuntes Kunstobjekt verwandelt.
Durch die hohen Fenster scheint die Sonne, man blickt hinaus auf den Hof und einen denkmalgeschützten Fabrikkamin. In einer Ecke des Gebäudes haben Paola und Francisco ihr eigenes Reich samt blühendem Garten. Unter der alten Fabrik tost der Carpinteira-Bach, und in schwindelerregender Höhe über dem tief eingeschnittenen Gelände streckt sich eine ultramoderne Fußgängerbrücke – wie ein Symbol für das moderne Portugal.
Carla Maseira will beides verbinden: Das Moderne mit dem Alten. Das Örtchen Sortelha ist wie geschaffen dafür, ein Dorf wie aus der Zeit gefallen: mittelalterliche Steinhäuser umgeben von einer Stadtmauer. Katzen huschen durch die besonnten Gassen, vor einer Türe sitzt ein alter Mann und flicht Körbe aus einem Art Riesenfedergras. Nur das Auto nebendran erinnert daran, dass dies kein Freiluftmuseum ist, sondern ein lebendiges Dorf. Damit das auch so bleibt, hat Carla („Man muss Leben in die historischen Dörfer bringen“) das Projekt Entrelacos übernommen, eine Stipa-Gigantea-Manufaktur. Im ersten Stock eines der alten Häuser machen Frauen nun das, was der alte Mann auch tat: Sie flechten die Halme des Riesenfedergrases – aber nicht zu Körben, sondern zu Sitzkissen, Matten, ja selbst zu Wandbildern. Ein Hotel habe für die Innenausstattung einen Großauftrag erteilt, erzählt Carla stolz. Im Keller lagert in großen Bündeln der „Rohstoff“ für die Manufaktur. Um ihn zu gewinnen bedarf es keines großen Aufwands und schon gar keiner langen Transportwege. Das sattgrüne langstielige Riesen-Federgras wächst in dicken Büscheln direkt vor der Stadtmauer.

Info:
Wohnen. Hotel Moliceiro in Aveiro, freundliches, familiäres Stadthotel am Kanal: Rua Doutor Barbosa de Magalhães 15, 3800-154 Aveiro, http://www.hotelmoliceiro.pt/ Zimmer mit Frühstück ab 99 Euro.
Casas do Coro in Marialva. Außergewöhnlich: das halbe Dorf ist ein Hotel, Zimmer und Suiten in restaurierten Steinhäusern und an die Landschaft angepassten modernen Bauten, edel eingerichtet mit allem Komfort. E-Mail: info@casasdocoro.pt, http://www.casasdocoro.pt/
Casa das Penhas Douradas in Manteigas, cooles Designhotel ganz oben auf dem Berg mit fantastischer Aussicht und feiner, regional inspirierter Küche: Penhas Douradas, 6260-200 Manteigas, E-Mail: mail@casadaspenhasdouradas.pt, http://www.casadaspenhasdouradas.pt/, DZ mit Frühstück ca. 115 Euro.
Essen. Restaurant Salpoente, Canal de São Roque 82/83, 3800-256 Aveiro, E-Mail: salpoente@salpoente.pt, http://salpoente.pt/, raffiniert interpretierte traditionelle Küche, Spezialität Kabeljau.
Restaurant Dom Pedro, Rua do Corro, 6320-536 Sortelha, http://www.sortelha.sabugal.pt/, schmackhafte, regionaltypische Speisen in historischen Mauern.
Anschauen. Burel-Fabrik, TrendBurel, Lda Amieiros Verdes, 6260-028 Manteigas, E-Mail: isabel.costa@burelfactory.com, www.burelfactory.com,  Produkte gibt’s im Fabrikladen, im Hotel Casas das Penhas Douradas und im Burel Shop in Lissabon, Rua Serpa Pinto, 15 B, Chiado – Lisbon
New HandLab. Fábrica „António Nunes de Sousa & Filhos / António Estrela & Co“, Ponte dos Costas, Travessa do Ranito, Covilhã, https://www.facebook.com/new.hand.lab.covilha
Informieren. Turismo Portugal Centro, Casa Amarela-Largo de Sta. Christina, 3500-181 Viseu- Portugal, E-Mail: info@visitcentro.com, http://www.visitcentro.com/de/

Es gibt bisher keine Kommentare.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.