Algarve: Mit Genuss durch die Geschichte

Von dieser Tour kommt niemand hungrig zurück. Die Olhao Food Tour ist weit mehr als ein kulinarischer Spaziergang. Joana mit den blitzenden Augen und dem neckischen Pferdeschwanz verspricht neben dem Gaumen- auch einen Augenschmaus  – und viele neue Erkenntnisse. Ich bin an der Algarve, doch nicht da, wo es die meisten Touristen hin zieht, weil die Felsformationen am Strand so spektakulär sind. Hier rund um Olhao ist das Land flach, die Strände sind den vorgelagerten Inseln vorbehalten. Und zwischen dem Festland und den Inseln breitet sich eine Lagunenlandschaft aus, die sich mehrmals täglich verwandelt, je nachdem ob Ebbe oder Flut ist, der Naturpark Ria Formosa mit seinen Sandbank-Inseln, ein ebenso fragiles wie zauberhaftes Ökosystem.

Ein Krimi als Reiseverführer

Hergelockt hat mich ein Krimi, geschrieben von dem deutschen Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt unter dem Pseudonym Gil Reibeiro: „Lost in Fuseta“. Schmidt schildert darin eindringlich den Reiz dieser Lagunenlandschaft, das Licht über dem Atlantik, die Liebenswürdigkeit der Portugiesen, die originelle Architektur der Dörfer und die Abgeschiedenheit der Inseln. Seine Krimis– inzwischen hat er Band 3 der Reihe um den Austausch-Ermittler Leander Lost veröffentlicht – verführen dazu, Reisepläne für die Gegend um Fuseta zu schmieden. Und Joanas Food Tour hilft dabei, sich in die portugiesische Gastfreundschaft, in Küche und Kultur einzufühlen.
Zuerst ein bisschen Geschichte. Die Fischer von Faro, erzählt Joana, kamen im 14. Jahrhundert hierher, um drohenden Steuern zu entgehen, und sie fanden da, wo nichts war außer Sand einen perfekten Handelsplatz. Schließlich mussten alle Boote hier durch, um nach Faro zu kommen. Außerdem gab es in der Nähe eine Quelle: Olhao, das große Auge. So kam der Ort zu seinem Namen. Aber über drei Jahrhunderte erlaubten die Behörden keine Steinhäuser, nur Holzhütten, die sie zwischendurch niederbrennen ließen. Auch diese Übergriffe sorgten dafür, dass die Bewohner zusammen hielten – und ihre Unkalkulierbarkeit prägt bis heute die Architektur des Städtchens, weil die Bewohner ihre Steinhäuser einfach da hinstellten, wo früher die Hütten waren.

Im Labyrinth der Gassen

Es gab keinen Plan vom Reißbrett und so könnte man im Labyrinth der Gässchen tatsächlich verloren gehen.  Es sei denn, Joana ist dabei. Sie lotst ihr Grüppchen nicht nur von einem Genuss-Erlebnis zum nächsten, sondern auch zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Örtchens. Zu der Freiluftgalerie hinter der Fischdosenfabrik, wo schwarz-weiße Wandmalereien vom Alltag der Fischer erzählen. Zu den Skulpturen, die Legenden verkörpern, die sich um Olhao ranken. Wie die vom Helden Arraúl, die mit seinen Händen die Barriere der Inseln geschaffen hat, um die Landschaft vor dem Untergang zu bewahren. Oder die von der schönen verzauberten Maurin Floripes, die in Vollmondnächten Fischer dazu verführen will, ihr ins Wasser zu folgen – bis heute umsonst. Joana kennt sich aus in der Geschichte Olhaos, aber die 34-Jährige ist natürlich auch in der Gegenwart zu Hause.

Der alte Mann und die Fischerei

Sie kennt die Fischer, die auf dem Fischmarkt ihren Fang des Tages verkaufen. Den alten Joao, etwa, der zahnlos grinst, wenn er die Frische seiner Fische demonstriert. 73 Jahre hat er inzwischen auf dem Buckel, mit sieben hat er mit dem Großvater als Fischer angefangen. Es waren harte Zeiten damals, aber das Meer versprach reiche Ernte. Und man ging sorgsam um mit den Gaben der Natur, warf so wenig weg wie möglich. Das ist Joana auch heute wichtig: „Wir essen alles vom Fisch,“ sagt sie und dass die ganze Region so fruchtbar sei, dass „wir nichts importieren müssen“. Die Stände auf dem Obst- und Gemüsemarkt stellen den ganzen Reichtum zur Schau: kleine, sattrote Erdbeeren, zuckersüß, honiggelbe Mispeln, Papayas und Blaubeeren, Tomaten in allen Größen und Formen, bunte Paprika…

Männerrunden am Tresen

Fatima, grauhaarig und mütterlich, presst in ihrem kleinen Laden Alquimia da Terra den Geschmack der Algarve in Säfte. Dazu gibt es Mandel-Feigen-Sterne – süß und knusprig. Wir schlendern vorbei an Tischen, an denen alte Männer mit Sagres, dem portugiesischen Bier, anstoßen. In diese Männerrunden verlieren sich kaum Frauen. So war es immer schon, sagt Joana. Die Fischer mit den von Sonne und Wind gegerbten Gesichtern treffen sich auf ein Bier und eine Runde Petiscos, die portugiesischen Häppchen – und zum Reden. Als wir uns am Tresen eines der Bistros ein Tellerchen mit Carne de vinha d’alhos holen, Fleischstückchen in traditioneller Rotweinmarinade,  machen die Männer freundlich Platz und nicken uns zu. Schon auffallend, wie freundlich alle hier sind, wie gern sie lachen und von sich erzählen.

Der Dosenfisch und seine Geschichte

Und sie haben einiges zu berichten. Wie Sara in der Fischdosenfabrik Manna. Ihr Großvater hat das Unternehmen 1954 gegründet. Da war er nicht der einzige, der mit Fisch in Dosen Geld verdienen wollte. 37 solcher Fischdosen-Fabriken gab es in Olhao, zu viele für den kleinen Ort. Die Fabrik mit dem schönen Namen „Manna“ hielt sich, auch weil man sich immer wieder neu erfand. 1954 etwa mit einer Sardinenpaste, 1986 mit einer Paté aus Thunfisch und 2018 mit Sardinen in „organischem Olivenöl“. 30 Sorten produziert die Firma heute, von den früher 300 Mitarbeitern blieben 90. Auch das eigene Magazin für Dosenfisch ist längst Geschichte. Im kleinen Museum erfahren die Besucher auch auf alten Fotos, wie es früher einmal war in Olhao.
„Wir wollen unsere Traditionen mit unseren Kunden teilen,“ sagt Joana, die vor zwei Jahren mit ihrem Partner Antonio die Food Tour gegründet hat – in Faro. Inzwischen stehen fünf Orte auf der Liste der beiden. Olhao ist Joana besonders wichtig – ihr Vater kommt von hier.

Einführung in die mediterrane Küche

Die Tour ist auch eine Einführung in die heute so aktuelle „mediterrane Küche“. Dabei, so die Jungunternehmerin, „berühren wir in Portugal das Mittelmeer nicht einmal“. Doch die Essenz der mediterranen ist auch das Herz der portugiesischen Küche: Brot, Wein und Olivenöl. Im Fischrestaurant von Joao – ja, hier heißen viele so – steht das alles schon auf dem Tisch. Der Besitzer Joao Bento, ein drahtiger Mann in den Vierzigern, war Boxweltmeister im Leichtgewicht. Er führt nicht nur das Restaurant, er betätigt sich auch als Bildhauer und an der Ausbildung benachteiligter Kinder.
Beim Essen – der Fisch ist überaus köstlich, der Wein süffig – schweift der Blick über die weite Lagunenlandschaft unter dem Himmelsblau.

Hier haben viele Menschen Wurzeln geschlagen

Ich kann mir vorstellen, dass die Menschen, die hier Wurzeln geschlagen haben, ihre Heimat immer in sich tragen. So wie Antonio, Joanas Geschäftspartner. Er hat in Los Angeles gelebt, in London und Barcelona. Aber er wollte immer zurück an die Algarve, Al Garbe, den Westen, wie die Araber diesen südwestlichen Zipfel Portugals nannten, den sie vom elften bis zum 13. Jahrhundert beherrschten.
Unser letzter Stopp ist das Eiscafé „Selvi Gelati“, 1951 war es die erste Eisdiele in Olhao. Wir schlecken ein Dom-Rodrigo-Eis aus viel Eigelb, noch mehr Zucker und Mandeln. Dann schlendern wir noch einmal durch die engen Gässchen Olhaos, wo die Bewohner sich abends am Grill treffen, um zu essen, zu trinken und zu reden. Man schottet sich nicht ab in diesem Städtchen; die Gassen, durch die sich kein Auto zwängen kann, sind so etwa wie das erweiterte Wohnzimmer, ein Treffpunkt der Nachbarschaft. Irgendwie schade, dass wir nicht dazu gehören.

Kurz informiert

Anreisen Eurowings fliegt von Düsseldorf, München oder Stuttgart nach Faro. Der günstigste Preis sind 29,99 Euro: www.eurowings.com
Wohnen In dieser Ecke der Algarve gibt es noch kaum Hotelkästen, auch keinen Overtourism. Dafür z. B. einen Campingplatz mitten in Fuseta. Oder kleine feine Hotels wie das Casa Modesta in Moncarapacho (DZ mit Frühstück 180 Euro): www.casamodesta.pt Ein Tipp für Familien ist das Feriendorf in Luz de Tavira mit Pool und Kinderspielplatz am Ria Formosa Nationalpark. Das Häuschen mit Küche und Wohnzimmer gibt‘s ab 55 Euro: www.pedrasdelrei.com
Food Tour Die Food Tour von Joana Cabrita Martins kostet 87 Euro pro Person (Minimum zwei, Maximum zwölf Teilnehmer): www.eatingalgarvetours.com
Lesen Alle drei Krimis von Gil Ribeiro – „Lost in Fuseta“, „die Spur der Schatten“ und „Weiße Fracht“ –  spielen in diesem Winkel der Algarve, und sie machen Lust auf die Gegend. Im Mittelpunkt steht der deutsche Austausch-Ermittler Leander Lost, ein Mann mit Asperger-Syndrom. Erschienen sind die Romane im Verlag Kiepenheuer & Witsch: www.kiwi-verlag.de 
Informieren Im Reisbüro oder im Internet unter www.visitportugal.com/de
Die Reportage entstand auf Einladung von KIWI und Pura Communications.

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