Algarve: Vor dem Winterschlaf

Über der roten Erde, auf der runde Büsche hocken wie große grüne Schildkröten, kreisen die Geier. Es ist Herbst an der Algarve. Die Touristen packen allmählich ihre Sachen zusammen, die Zugvögel kommen, um sich hier vor ihrem Flug übers Meer noch einmal auszuruhen. „Bald gehört die Algarve wieder uns,“ sagt Michael mit einem breiten Grinsen.
Ein paar Monate werden er und alle anderen Portugiesen die spektakuläre Küstenlandschaft für sich haben, ehe die Touristensaison beginnt und Michael wieder die Wanderschuhe schnürt, um als Wanderführer Urlauber auf die Berge oder über die Klippen zu führen, oder sie im Jeep über holprige Schotterstraßen durch die schönsten Landschaften seiner Heimat zu kutschieren.

Heimweh nach der Sonne über der Algarve

22 Jahre schon arbeitet der 44-Jährige mit dem dunklen Teint und den braunen Augen im Tourismus und das mit scheinbar nicht nachlassender Begeisterung. In dieser Zeit hat sich der gelernte Maschinenschlosser nicht nur fünf Sprachen angeeignet, sondern auch viel Wissen über das Land, das er liebt. Dabei wurde Michael in Recklinghausen geboren. Sein Vater arbeitete 30 Jahre bei Opel, und jetzt als Rentner will er nicht zurück nach Portugal. Auch die Schwester und die beiden Brüder, alle drei in Portugal zur Welt gekommen, haben in Deutschland Karriere gemacht. Doch Michael fehlte die Sonne, er hatte Heimweh nach einer Welt, die er nur aus den Ferien kannte.
Das Leben als Wanderführer und Jeepfahrer gefällt dem Vater einer elfjährigen Tochter. „Ich verdiene mein Geld beim Spazierengehen,“ lacht er. Große Ansprüche habe er nicht, fügt er hinzu. „Ich bin glücklich.“ Das können nicht alle Portugiesen von sich sagen. Seit der Rezession spart der Staat an den Renten, am Kindergeld. Sogar christliche Feiertage wurden in dem katholischen Land gestrichen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch, und die Landflucht lässt ganze Regionen veröden. Auch im Hinterland der Algarve verfallen alte Bauernhäuser. Vor allem die jungen Leute wandern ab. Warum für wenig Geld hart arbeiten, wenn man im Tourismus schnelles Geld verdienen kann?

Der Strand gehört den Surfern und den Spaziergängern

Denn Portugal gehört zu den Gewinnern der diesjährigen Tourismussaison. An der Algarve war in der Hochsaison kaum mehr ein Bett zu bekommen, die Restaurants hatten Mühe, alle Gäste unterzubringen, und an den Stränden wurde es eng. Jetzt ist alles anders. Zwar parken noch einige Busse am Cabo da Sao Vicente, dem südwestlichsten Zipfel Europas, wo der rotweiß-gestreifte Leuchtturm so fotogen ist. Zwar machen Petra und Wolfgang Bald aus Nürnberg noch immer gute Geschäfte mit dem Slogan „Letzte Bratwurst vor Amerika“ und dem dazu gehörigen Zertifikat, und der kühle Wind bringt dem Pulloververkäufer nebenan noch ein paar Kunden ein. Aber der Strand von Ko Lama, wo die Steine so schön bunt sind als hätte ein Designer sie angestrichen, gehört den Wellenreitern und den Spaziergängern. Auch an der Praia do Amado, wo das Meer sich weiß schäumend an den steilen Felsen bricht, parken die Wohnmobile der Surfer. Jetzt im November müssen sie sich das Meer nur mit den Fischern teilen, die sich an den steilen Klippen abseilen und später mit ihrer Beute auf dem Rücken und dem Seil um den Bauch wagemutig wieder hoch hangeln.
Es ist ruhig geworden an der 500 Kilometer langen Westküste Portugals. Der Freizeitpark Zoomarine Algarve schließt in der nächsten Woche, auch viele Hotels machen zu. In den Restaurants ist jetzt wieder reichlich Platz. Wo sich sonst die Touristen drängten, sitzen jetzt alte Männer in der Sonne und lassen die Zeit verstreichen.

Im November kommt auch die Natur zur Ruhe

Michael freut sich auf den ruhigen Winter, auch wenn er gerne mit den unterschiedlichsten Gruppen wandert, etwa auf die Rocha de pena, 478 Meter hoch und im Frühjahr, wenn Mimosen und Pfingstrosen blühen, Orchideen und Mandelbäume, das „Gartencenter“ Europas. Im November scheint auch die Natur zur Ruhe zu kommen. Vereinzelte Blüten wie hingetupft im von der Sonne braun gebrannten Gras, ein paar Vögel in den Bäumen, rundum Stille. Der Weg führt mitten hinein in die Bergnatur und Michael erzählt, welche Schätze sie birgt. Der größte für Portugal ist die Korkeiche. Das Land besitzt ein Drittel der Korkeichen des Mittelmeers und exportiert Kork im Wert von 900 Millionen Euro. 40 Jahre braucht Korkeiche Zeit, bis der Kork richtig gut ist. Erst nach 25 Jahren kann der Baum das erste Mal „geschält“ werden, und die erste und zweite „Ernte“ sind noch nicht von bester Qualität. Ausreichend für Korkgranulat, das zum Beispiel für viele Champagnerkorken verwendet wird, die allerdings mit einer Platte aus guter Kork-Qualität veredelt werden. Die typische Pilzform dieses Korkens entstehe durch den Druck in der Flasche, weiß Michael. Und auch, dass Kork nicht nur für Korken verwendet wird, sondern auch im Flugzeugbau oder für modische Accessoires. US-Präsident Obama habe bei seinem Besuch Geschenke aus Kork erhalten und der präsidiale Hund, ein portugiesischer Wasserhund, ein Halsband aus Kork.
Am Wegrand blühen noch ein paar verspätete Blumen, eine kleine Katze versteckt sich im hohen Gras, die Strahlen der Abendsonne vergolden die braunen Disteln und bringen die Grasspitzen zum Schimmern. Michael wandert mit seinem Grüppchen in den Sonnenuntergang.

Kurz informiert

Anreisen. Direktflüge an die Algarve zum Flughafen Faro bietet z.B. Air Berlin an. Mit Tap Portugal geht es über Lissabon nach Faro.
Wohnen. An der Algarve gibt es jede Menge Strandhotels, aber auch im Hinterland kann man gut unterkommen. Schön gelegen ist das Hotel Porto Bay Falésia, das z.B. Thomas Cook im Programm hat: www.portobay.com/
Bei Thomas Cook Signature kosten z.B. sieben Übernachtungen im DZ mit Frühstück in dem Viersterneplus-Hotel, inklusive Flug, Rail & Fly und Transfers ab 444 Euro pro Person – in der Nachsaison.
Essen & Trinken. An der Algarve kann man wunderbar Fisch essen. Der Eintopf „Caldereida“ z.B. besteht aus mehreren Sorten Fisch und Meeresfrüchten. Tipp: Das Fischrestaurant Evaristo direkt am Meer: www.evaristo.pt/
Essen wir die Einheimischen kann man auch im Hinterland, empfehlenswert für Leute, die nicht jeden Tag Fisch essen wollen, ist frango piri piri, Hähnchenteile mit scharfer Sauce. Eines der angesagtesten Restaurants dafür ist das Ramirez in Guia: www.restauranteramires.com Fein schmeckt das Hühnchen aber auch im Sol da Serra in Marmelete.
Die „letzte Bratwurst vor Amerika“ am Stand von Petra und Wolfgang Bald am Cabo des Sao Vicente kostet 3.50 Euro inklusive des Zertifikats. Allerdings ist der Stand seit Anfang November und bis 21. März geschlossen: www.letztebratwurst.com
Jeep-Tour. Die siebenstündige Jeep-Tour (9 bis 16 Uhr) zur Westküste kostet  52 Euro: http://www.algarvepromotion.pt/de/144/portitours.aspx Die Jeep-Tour kann bei Neckermann oder Thomas Cook dazu gebucht werden.
Informieren. Turismo de Portugal, Zimmerstr. 56, 10117 Berlin, Tel. 030/2541060, Internet: www.visitportugal.com/de/destinos/algarve, www.visitalgarve.pt/

 

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