Im Land, wo die Zitronen blüh’n

Goethe ist wieder mal an allem schuld. Daran, dass Italien zum Sehnsuchtsland der Deutschen wurde. Daran, dass die Amalfiküste mit ihren Zitronenhainen, den steil aus dem blauen Meer aufragenden Felsen und den pastellfarbenen Häusern, die sich daran klammern, von Touristen überrollt wird. Daran, dass jeder die Zeile über das Land, wo die Zitronen blüh’n, kennt, aber nicht ahnt, was dahinter steckt.

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?

Wer sich auf eine Führung in der Zitronenplantage Aceto einlässt, wo die gelben Früchtchen nachhaltig produziert werden, erkennt schnell, dass Zitronenbauer ein Knochenjob ist. Denn Salvatore Aceto, genannt Toto, der vor ein paar Jahren vom gut bezahlten Wirtschaftsprüfer auf hart arbeitenden Zitronenbauer umgesattelt hat, lässt seine Besucher buchstäblich spüren, was „vertikaler Anbau“ heißt. Es geht steil bergauf und später wieder ebenso so steil bergab, teilweise über schlüpfrige Stufen. Wie die Frauen, die bei den Zitronenbauern traditionell die Lasten trugen, die Höhenunterschiede mit 60 Kilo schweren Körben auf dem Rücken bewältigt haben, mag man sich da gar nicht vorstellen.

Für den Alten sind die Zitronen wie seine Kinder

Doch bevor es auf Tour geht, macht der 55-Jährige mit dem markanten, braun gebrannten Gesicht unter dem Käppi klar, was ihm wichtig ist: „Wir behandeln unsere Zitronen wie kleine Wunder“, sagt er und dass man immer die Sterne im Blick haben sollte aber mit den Füßen auf dem Boden bleiben. Während der Sohn redet, hört Vater Luigi genau hin. Listig funkeln die Augen im sonnengegerbten Gesicht. Der Alte ist in den Achtzigern, knorrig wie ein in die Jahre gekommener Zitronenbaum, und er arbeitet immer noch mit.
Für Luigi sind die Zitronen wie seine Kinder. Er hätte es nie verwunden, wenn die Familie die Plantage aufgeben hätte müssen. Auch deshalb kam der erfolgreiche Sohn zurück, gab sein neues Leben auf, den Reichtum, das Ansehen. Um was zu finden? Glück, sagt Toto, Zufriedenheit, Naturnähe. „Hier bin ich mein eigener Herr und ich erlebe jeden Tag ganz bewusst.“

Die Zitronengärtner arbeiten wie Chirurgen

Wie sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater nutzt er hölzerne Spaliere, durch die Zitronenbäume in Laubenform wachsen. Seine Zitronen sind doppelt so groß wie andere Früchte dank des Mikroklimas an der amalfitanischen Küste, aber auch dank der Steinmauern der Terrassen, in denen die Wärme gespeichert wird.  Stirn runzelnd mustert Toto die Hänge gegenüber. „Die haben schon aufgegeben,“ erklärt er. Jetzt pflegt niemand mehr die Zitronen und keiner kümmert sich um die einst kunstvoll errichteten Trockenmauern. Wenn die ins Rutschen kämen, wäre das eine Katastrophe, prophezeit Toto, der sich inzwischen auch als Landschaftspfleger fühlt.
Der ehemalige Wirtschaftsprüfer weiß, dass er in einem gefährdeten Paradies lebt. Deshalb hegen und pflegen er und seine Mitarbeiter die kostbaren Pflanzen. Manche der Zitronenbäume sind 300 Jahre alt, andere gar 500 Jahre. „Keiner wird aufgegeben,“ sagt Toto bestimmt. Um die Stämme zu erhalten, arbeiten die Zitronengärtner wie Chirurgen, schneiden sorgfältig aus, was krank ist und pfropfen junge Pflanzen auf. An manchen Bäumen finden sich duftende Blüten gleichzeitig mit grünen Früchtchen und großen sonnengelben Zitronen.

Bei diesen Zitronen schmeckt auch die Schale

Seine Zitronen seien die beste Medizin, sagt Toto, ungespritzt und ungewachst. „Wir brauchen kein Krankenhaus“. Nur das mit dem Geld, das könnte besser laufen. Denn die so sorgsam gepflegten und mit der Schere geernteten Zitronen bringen zu wenig ein. Der ökologische Anbau, für den er sich entschieden hat, ist aufwändiger als der konventionelle, bei dem viel zu viel Chemie eingesetzt wird. Dafür kann Papa Luigi lustvoll in eine Zitrone beißen. Ja, auch die Schale schmeckt – und ist mit ihrer leichten Süße eine gute Ergänzung zur Säure der Frucht.
Rund 800 Tonnen Zitronen pro Jahr erntet die Familie auf ihren Hängen. Einen Teil davon verkaufen die Acetos „aber ohne Zwischenhandel, den habe ich als erstes abgeschafft“, sagt Toto. 35 Prozent verarbeiten sie in ihrer kleinen Fabrik zu Limoncello, dem für die Gegend so typischen Zitronenlikör, der nach dem Duft der Almafitana schmeckt. Auch eine Art Zitronen-Bailey kommt aus dem Hause Aceto, Zitronenmarmelade, Zitronenbonbons, Honig mit Zitronenaroma, ja selbst Zitronenseife. Diversifizierung ist wichtig, davon ist Toto Aceto überzeugt.

Die mit der Hand geernteten Zitronen schmecken auch  als Limoncello.

Touristen sind im Zitronenhain willkommen

Noch sei die Plantage nicht über dem Berg, aber er sehe „Licht am Ende des Tunnels“ – auch dank der vielen Touristen, die er durch seine Zitronenhaine führe.
Vor allem die Deutschen kämen in Scharen. „Sie wollen nicht mehr nur Sehenswürdigkeiten abhaken, sondern interessieren sich fürs wirkliche Leben“, ist der Zitronenbauer überzeugt. Und dieses Interesse hilft seiner Familie da zu überleben, wo andere Urlaub machen: Im Land, wo die Zitronen blüh’n.
Info: Lemon Gardens S.A.S. di Aceto Marco & C, Via Salita Chiarito, Amalfi, E-Mail: info@amalfilemon.it, www.amalfilemon.it
Wer im Zitronenhain campen oder ein Ferienappartmentmieten mieten will: agriturismoilcampanile.com

Es gibt bisher keine Kommentare.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.