Heidis verwandelte Welt

Heidi, das kleine Mädchen aus den Schweizer Bergen hat Karriere gemacht. Johanna Spyris Kinderroman soll nach der Bibel und dem Koran das am häufigsten übersetzte Buch der Welt sein. Das erklärt auch den Andrang im Heididorf, wo verschleierte Frauen aus Saudi Arabien und Japanerinnen im knappen Outfit aufeinander treffen, Opas und Enkel, Mountainbiker und Rollstuhlfahrer. „In diesen Räumen durfte ich wieder Kind sein“, notierte ein alter Heidi-Fan im Gästebuch. Was die Alten an ihre Kindheit erinnert, ist den Kindern von heute fremder als – sagen wir mal – Tolkiens Auenland. Auch das macht den Reiz des kleinen Hauses aus, das ganz ohne Mitmachstationen auskommt. Dafür kann man im „Museum“ Ausschnitte aus alten und neuen Heidi-Filmen angucken und im Museumsladen Souvenirkitsch kaufen: Heidi auf T-Shirts und Tassen, auf Taschentüchern und Baby-Lätzchen, auf Schlüsselanhängern, Zuckertüten und Milchbecherdeckeln. Draußen steht das Heidi zwischen Geißenpeter und Alm-Öhi – als Bronzefigur. Vielleicht hätte es sich auch im Schlaffass zu Hause gefühlt, das neuerdings in Jenins steht, gleich neben dem Weinberg. Rotkariert sind die Betten überzogen und aus dem Fenster schaut man direkt in die Berge. Nebenan im Wohnfass ist der Tisch fürs Frühstück gedeckt. Andy Hartmann (35) und seine Frau Miriam (29) haben die originelle Unterkunft in die Bündner Herrschaft gebracht und dafür ihre Ersparnisse investiert. Weil der smarte Marketingmann von der Idee überzeugt ist, hat er sich gleich die Vertriebsrechte für die Schweiz und Liechtenstein gesichert. Die passionierte Reiterin Miriam hat so ein Schlaffass auf der Country-Messe „Americana“ in Augsburg gesehen und es kurz entschlossen erworben. Neun Monate später standen die beiden Fässer in Jenins. Die Familie im nahen Bauernhof kümmert sich um die Gäste, am Hof gibt’s auch alles, was man fürs Frühstück oder ein Fondue braucht. Natürlich auch den Wein. Die ersten Gäste seien begeistert, sagt Andy Hartmann und dass man auch spezielle Angebote für Familien habe – mit Eintritt ins Heididorf. Darüber denkt Bernd Greisinger erst gar nicht nach. Der einstige Börsenstar und Fondsmanager des Jahres 2003, der über den Madoff-Skandal stolperte, hat sich in Jenins sein eigenes Museum gebaut, eine unterirdische Fantasy-Welt. „Wer nach Mittelerde will, muss nach Jenins“, sagt der 48-jährige Familienvater – und meint das ganz ernst. Denn Greisinger, der sich selbst als der größte Sammler von Tolkiens Mittelerde sieht, hat Hunderttausende von Euro in Bücher, Büsten und Bilder investiert, die einen Bezug zu J.R.R. Tolkien, dem Vater der Fantasy-Literatur haben oder zu den Filmen von Peter Jackson. Erstausgaben des „Herrn der Ringe“, des „Hobbit“ und – für Greisinger besonders wichtig – des „Simarillion“ sind dabei, Übersetzungen der Tolkien-Bücher auf Isländisch und Esperanto, Original-Gemälde, die Fantasy-Künstler für die Buchtitel malten, ein von Jackson redigiertes Drehbuch aber auch typische Merchandising-Figuren von Gollum, der Elbin Galadriel oder dem Zauberer Gandalf. Natürlich auch von Bilbo und Frodo. Für die Hobbits hat Greisinger schließlich auch eine Original-Hobbitwohnung in die Bündner Herrschaft gestellt – mit einem runden Eingangstor aus Eiche wie in Peter Jacksons Film, mit dem Original-Leuchter aus Tolkiens Wohnung und mit Küche und Bad. Eine richtige kleine Wohnung eben. Er könnte sie an Hobbit-Fans vermieten, sagt Greisinger. Immerhin hat er schon mehr als zwei Millionen Euro in diese Fantasy-Welt unter seinem großzügigen Dreifamilien-Haus investiert. Doch Geld, das er in Hülle und Fülle zu haben scheint, interessiert den Ex-Börsenstar nicht mehr. Lieber führt er als Herr der Fantasy Besucher durch sein Museum, schreibt ihnen auf Elbisch kluge Sprüche in die Tolkien-Bücher, die er zum Verkauf anbietet und reist den Objekten seiner Begierde bis nach Neuseeland hinterher. „Das Museum ist der Knaller“, sagt der Macher mit unverhohlenem Stolz, „was wir hier für 50 Franken bieten, ist den Eintrittspreis mehr als wert.“ Den riesigen Balrog, den zottigen Baumbart und den Drachen Smaug hat der Mailänder Tolkien-Fan Ivan Cavini geschaffen, der auch das Museum designt hat. Drei Jahre dauerte der Innenausbau, fünf Jahre hat Greisinger selbst an der Verwirklichung seiner Fantasy-Welt gearbeitet, einer Mischung aus Archiv, Kitsch und Erlebniswelt, die er als Gesamt-Kunstwerk sieht. Die vier Studenten aus Genf, die gerade eine Tour hinter sich haben, sehen das genauso. „Danke für die großartige Führung“, schreiben sie ins Gästebuch und dass sie bald wiederkommen werden, um Freunden „dieses Wunder“ zu zeigen. Vielleicht werden sie ja dereinst Mitglieder des „Seryn Ennor“, der Freunde von Mittelerde, die sich regelmäßig in Greisingers unterirdischem Partyraum treffen. Dem Heidi würd’s wohl unter den mächtigen Fantasy-Figuren grausen. In der Hobbit-Wohnung aber würde es sich fühlen wie bei Klara in Frankfurt. Fehlte nur noch, dass Fräulein Rottenmeier zur Türe herein käme. Doch das Frl. ist ja nun wirklich out.

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