Großes Theater in Triest

Ein heißer Sommertag in Triest. Kaum ein Lüftchen. Am Horizont im himmelblauen Meer dümpelt eine Mega-Yacht. Die „Sailing Yacht A“ sei von der italienischen Finanzpolizei an die Leine gelegt worden, sagt Marlina Tedeschi, die 33-Jährige mit den braunen Locken und den dunklen Augen. Rund 530 Millionen Euro soll der russische Oligarch Andrej Melnitschenko für das 143 Meter lange und 25 Meter breite „Spielzeug“ bezahlt haben.

Aus dem Schatten von Venedig

Triest. Hafenstadt, Grenzstadt, Stadt des Forschung und der Literatur. Stadt des Lichts und der Schönheit. Schmelztiegel der Kulturen. Einst Tor zur Welt für die Habsburger. Karl VI. hatte die Stadt 1719 zum Freihafen gemacht, seine Tochter Maria Theresia baute ihn aus. Aus ganz Europa kamen die Kaufleute, brachten ihre Kultur, ihre Religion, ihre Tradition mit. Die Stadt blühte auf, schälte sich aus dem Schatten von Venedig.
Marlina Tedeschi, die ihren Bachelor in Architektur gemacht hat, weiß, wie sehr die Habsburger-Zeit ihre Stadt geprägt hat.
Damals gönnte sich Triest sogar einen eigenen Canal Grande, wenn auch nur 300 Meter lang. Unter Maria Theresia wurde er da ausgehoben, wo früher die Salinen waren.

Nur 300 Meter lang ist der Canal Grande in Triest

Theatralik an der Piazza

Drumherum entstanden die schönsten Paläste, steinerne Zeugen des Bürger- und Händlerstolzes. Fast theatralisch kommt diese prunkvolle Architektur daher, inszeniert auf einer grandiosen Piazza wie auf einer Bühne. Man zeigte, wer man war und was man hatte. Das galt auch für die Religionen, die sich in Triest ihre Gotteshäuser bauten. Die jüdische Synagoge ist eine der größten in Europa, die serbisch-orthodoxe Kirche Sankt Spiridon bringt ein Stück Orient in die Stadt, und in der katholischen Kirche Sant‘Antonio Taumaturgo, die aussieht wie ein griechischer Tempel, finden auch Gottesdienste auf slowenisch statt, erzählt Marlina.

Prachtvoll in Szene gesetzt: das Rathaus von Triest

Stadt der Widersprüche

Wie viele Triestiner hat die sie italienische und slowenische Wurzeln. Marlina spricht beide Sprachen, das ist ihr wichtig – auch wenn die Slowenen unter den rund 200 000 Einwohnern in der Minderheit sind. Triest ist auch eine Stadt der Widersprüche. Nicht alles ist Harmonie, das liegt an der Geschichte. Wollte Mussolini die Slowenen ausrotten und mit ihnen ihre Sprache, machten Titos Schergen kurzen Prozess mit allen, die für sie italienische Faschisten waren.
Das sind Erinnerungen, die bis heute das Zusammenleben vergiften. Triest gehöre nicht zu Italien, behaupten gar einige Aktivisten, die sich für einen unabhängigen Stadtstaat engagieren. Dass Triest wieder an seine frühere Identität als Vielvölkerstadt anknüpfen kann, hofft auch der junge Journalist Giovanni Tomasin, der für die Traditionszeitung „Piccolo de Sierra“ schreibt. Denn durch die Öffnung nach Osten sei die Stadt in die Mitte Europas gerückt.

Die Stadt am Meer sieht sich in der Mitte Europas

James Joyce auf der Ponterosso

Stadt der Spiegel wird Triest auch genannt. Hinter all diese Spiegelbilder zu blicken, ist kompliziert. Die Stadt will erlaufen, erforscht werden – am besten mit einem kundigen Führer. Wie wäre es mit James Joyce? Auf der Ponterosso, die über den Canal Grande führt, steht das bronzene Ebenbild des irischen Autors. In seinem Schatten hat es sich eine Bettlerin bequem gemacht. Joyce würde es nicht stören, war er doch selbst immer in Geldnot. Rund zehn prägende Jahre hat er mit seiner Gefährtin Nora in Triest verbracht und zwei Kinder gezeugt.

Im Rücken der Joyce-Statue hat sich eine Bettlerin nieder gelassen.

Hier hat er als Englischlehrer in der Berlitz School sein Geld verdient (und viel davon gleich wieder ausgegeben, in Buchläden, Kneipen und Bordellen). Hier hat er mit dem älteren Italo Svevo, den er noch als Ettore Schmitz kennenlernte, eine ungewöhnliche Männerfreundschaft gepflegt. Leopold Bloom, die Hauptfigur seines Hauptwerks „Ulysses“, trägt deutliche Züge des italienischen Autors.

Unter Spionageverdacht

„Meine Seele ist in Triest“, hat Joyce rückblickend gesagt. Dabei fingen die Probleme schon bei seiner Ankunft an, wie Marlina auf der Ponterosso erzählt. Weil er für sich und seine Freundin Nora Barnacle 1904 erst noch eine Unterkunft suchen will, lässt Joyce die 20-Jährige allein am Bahnhof zurück. Nora kann kein Italienisch, sie fühlt sich verloren in der fremden Stadt. Es dauert Stunden, bis ihr Freund zurückkommt. Er ist in einer Bar in eine Schlägerei mit betrunkenen englischen Matrosen geraten und war verhaftet worden – unter dem Verdacht der Spionage. Erst nach Stunden kam er durch die Vermittlung des englischen Konsuls frei und konnte Nora abholen. „So nahm das Abenteuer Triest seinen Anfang“, sagt Marlina und nimmt uns mit auf einen Stadtrundgang auf den Spuren des Literaten.

Hier zwischen Bordellen und Kneipen war James Joyce zu Hause

Im Cavana Viertel

Dahin, wo die Berlitz-Schule war und wo sich die vielen Buchgeschäfte befanden, in denen Joyce sich mit Büchern versorgte – gerne auf Pump. Denn sein Gehalt als Englischlehrer reichte kaum für den Lebensunterhalt. Oft konnte das Paar die Miete nicht bezahlen und musste die Wohnung wechseln. In 14 Jahren haben Nora und James es auf zwölf Wohnungen gebracht. Die meisten klein und in herunter gekommenen Häusern im Cavana Viertel. An diesem Sommerabend sitzen Hipster und top-gestyle junge Frauen vor trendigen Bars, flanieren Paare durch die von mittelalterlichen Häusern gesäumten Gassen.

Zwischen Bordellen und Theater

Doch zu Joyce‘ Zeiten war das Viertel verrufen, weiß Marlina, auch wegen der vielen Bordelle. „Orte der Unsicherheit“ nannte sie Joyce.

Typisch Joyce: Das Zitat findet sich am Eingang zum Museum

Wahrscheinlich aus eigener Erfahrung, soll der umtriebige Autor doch an Syphilis erkrankt gewesen sein. In der Via Diaz, wo Nora und er zeitweise wohnten, war er auch nah dran an der Rotlicht-Szene, unter anderem an einem winzigen Bordell mit dem bezeichnenden Namen Metro Cubo, Kubikmeter. Neben einem windschiefen, schäbigen Haus wird auf einer leuchtend roten Fassade an Joyce erinnert. Das Viertel inspirierte ihn, womöglich mehr als seine Heimatstadt Dublin, meint Marlina. Als Schriftsteller sei Joyce damals noch ganz am Anfang gestanden. Und weil er die Oper liebte, habe er sich auch als Tenor am Theater Verdi versucht.

Auch für Kaffeehäuser interessierte sich der Dichter – er liebte Süßes

Die Faszination von Ulysses

22 Plätze listet der James-Joyce-Stadtplan auf, darunter allein zehn Wohnungen aber auch ein Café und eine Konditorei – der Schriftsteller mochte Süßes – sowie das Joyce-Museum in der Via Madonna del Mare. Kurator Riccardo Cepach – Strubbelhaare, wuchernder Bart, Lachfalten – sieht sich als „Connaisseur von Joyce“ nicht als Wissenschaftler und ist glücklich über die persönlichen Dokumente und die Bücher mit Widmungen, die er in dem kleinen Museum zeigen kann. Die Erinnerungsstücke an James Joyce teilen sich den Platz mit Exponaten zu seinem Freund Italo Svevo.

Als junger Mann präsentiert sich James Joyce im Museum

„Diese Beziehung ist zentral“, sagt Ricardo. „Die Freunde würdigten sich gegenseitig, gaben einander Halt.“ Über Joyce (und Ulysses) könnte Cepach stundenlang erzählen. Mit 14, sagt er, habe er das Buch zum ersten Mal gelesen, dann noch einmal, als er an der Universität war, und heute lese er es immer wieder. Er liebe die „umwerfenden Charaktere“ im Buch, aber auch die Schilderungen, die an Triest erinnern. Immerhin habe Joyce hier „Die Dubliners“ und „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ vollendet und erste Ansätze zu Ulysses ersonnen.

Fremd in Triest

„Joyce hat ein Triest beschrieben, das nicht mehr existiert“, bremst der Journalist Tomasin die wachsende Begeisterung für den irischen Autor. Schon nach dem 1. Weltkrieg habe sich die Stadt verändert, sei italianisiert worden.

Plazza dell Unita d’Italia, der Platz der italienischen Einheit

Das hat auch Joyce gespürt. Gerade mal neun Monate blieb der Schriftsteller 1919 da, wo er einst seine Seele verortete und wo er sich nun fremd fühlte. Nur sein Bruder Stanislas harrte in Triest aus und wurde auch hier begraben.

Ein Abend auf Schloss Duino

Es ist Abend geworden in Triest, und die Stadt leuchtet. An der Molo Audace, die 200 Meter in den Golf von Triest hinein führt, hinaus ins Weite, haben sich Touristen versammelt, um den Sonnenuntergang zu genießen. Wir tun das von einem Ausflugsschiff aus, das uns zum Schloss Duino bringt. Der einstige Stammsitz der Herren von Duino ist heute im Besitz der Familie von Thurn und Taxis. Aussichtsreich thront das Schloss auf einem Felsen. Kein Wunder, dass sich hier gekrönte Häupter wie Kaiserin Sisi samt kaiserlichem Gatten und Künstler wie Mark Twain oder Eleonora Duse die Klinke in die Hand gaben. Und Rainer Maria Rilke hat hier mehrere seiner Duineser Elegien verfasst – betört von dem Blick auf die Bucht von Sistiana und den Golf von Triest.

Ausblick von Schloss Duino im Abendlicht

Kurz informiert

Anreisen. Mit dem Auto über München, Salzburg, Villach und Slowenien nach Triest.
Mit dem Zug zum Hauptbahnhof Trieste Centrale
Mit dem Flugzeug zum Aeroporto Friuli Venezia Giulia. Von dort fährt der Zug ins Zentrum.
Wohnen. Wunderschön gelegen ist das Savoy Excelsior Palace Hotel mit Blick auf den Golf von Triest und in unmittelbarer Nähe zum Stadtzentrum, Riva del Mandracchio 4, E-Mail: reservations.savoiaexcelsior.ts@starhotels.it, https://collezione.starhotels.com/de/our-hotels/savoia-excelsior-palace-triest/ , DZ ab 332 Euro

Joyce-Weg. https://itinerari.comune.trieste.it/de/das-triest-von-joyce/. 
auch zu Italo Svevo gibt es einen eigenen Stadtrundgang:  https://itinerari.comune.trieste.it/letterari/la-trieste-di-svevo/
Informieren. Promo Turismo FVG, Via Locchi 19, 34143 Triest, E-Mail: info@promoturismo.fvg.it, http://www.promoturismo.fvg.it

Hinweis.  Die Recherche wurde unterstützt von Promo Turismo FVG

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