Bad Kissingen: Kurort der Kaiserin

„Unser Altstädtle ist herzig, aber das gibt’s öfter. Den Regentenbau aber gibt’s nur einmal.“  Der studierte Diplomingenieur und pensionierte Lehrer Gerhard Wulz schlüpft schon mal in die Rolle von Max Littmann, dem dieses Wahrzeichen von Bad Kissingen zu verdanken ist. Die Leistung des Architekten, der „in zweieinhalb Jahren das ganze Ensemble aus dem sumpfigen Boden gestampft hat“ und der alles „bis hin zur Türklinke und zur Heizkörperverkleidung“ penibel geplant hat, sei gar nicht hoch genug einzuschätzen, ist Wulz überzeugt – und ganz Bad Kissingen ist es mit ihm.

100 Jahre ist es  her, dass der ambitionierte Regentenbau von Prinzregent Ludwig von Bayern eingeweiht wurde, und sein Innenleben ist heute noch so bewundernswert wie sein neobarockes Äußeres. Herzstück des Ganzen ist der holzgetäfelte Max-Littmann-Saal, laut Wulz „einer der schönsten Konzertsäle in Deutschland, auf jeden Fall einer mit der besten Akustik“. Die US-amerikanischen Soldaten, die Bad Kissingen im Zweiten Weltkrieg eingenommen hatten, hatten dafür wenig Sinn. Sie nutzten den Saal zwei Jahre lang als Sporthalle. 1960 aber saß noch einmal ein König in der Königsloge, Bhumibol von Thailand war mit Königin Sirikit zu Gast bei Bundespräsident Lübke, der in Bad Kissingen kurte. Lang ist’s her, dass die Mächtigen und die Berühmten, die Reichen und die Schönen sich in der Stadt an der fränkischen Saale die Klinke in die Hand gaben. Allein 15 Mal war der Eiserne Kanzler, Otto von Bismarck, hier. Viktor von Scheffel kam, Gioachino Rossini und Theodor Fontane, Kaiserin Sisi und Zar Alexander von Russland. Einmal im Jahr, am Rakoczi-Fest lassen die Kissinger, die alten Zeiten wieder aufleben. Dann schlüpfen die Bürger in die Kostüme berühmter Kurgäste – und Gerhard Wulz gibt den Max Littmann
Dann belebt sich auch die Wandelhalle,  mit ihren 90 Metern Länge und 40 Metern Breite „die größte in Europa, wenn nicht gar der Welt“ (Wulz). Hier sollten auch die Kurgäste von heute mit dem Glas in der Hand auf und ab gehen,  „wandeln“, wie es sich für eine klassische Trinkkur gehöre. In Bad Kissingen sprudelt das Heilwasser aus sieben unterschiedlichen Quellen, eine davon, die nach der Verlegung der fränkischen Saale im Bachbett entdeckt wurde, ist nach dem ungarischen Freiheitshelden Ferenc II. Rakosci benannt. Zwar waren, so Wulz, „weder er noch sein Pferd“ im Kurort, aber sein rebellischer Geist habe wohl die Namensgeber inspiriert, die gleich noch das Ross Pandur zum Namenspaten einer Quelle machten. Inzwischen ist der adlige Rebell in Bad Kissingen angekommen, ohne Pferd  – als Bronzefigur. Im Lehnstuhl vor dem Eingang zur Wandelhalle schaut er nun dem Treiben im Kurort zu. Er sieht die Brunnenfrauen kommen, die täglich die Hähne polieren, aus denen sie das Heilwasser zapfen, je nach Krankheit aus unterschiedlichen Quellen. „Bluthoch- oder  Niedrigdruck?“ fragen sie, „sprudelnd oder still?“ Die Kurgäste stehen mit ihren nummerierten Gläsern an, die sie sich an der „Bar“ abgeholt haben. Gegen rheumatische Beschwerden und  bei Erkrankung der oberen Luftwege, bei Erschöpfungszuständen und Blutarmut soll das kochsalzhaltige Heilwasser helfen. An den Geschmack – ein bisschen nach Maggi, noch mehr nach Dose – muss man sich allerdings erst gewöhnen. 
Sisi, die als Kaiserin von Hohenems im Hotel Viktoria abstieg, hatte wohl kein Problem damit. „Bad Kissingen hat sie gesund gemacht“, sagt Wulz.  Mit Wandeln gab sich die hyperaktive Kaiserin nicht zufrieden. Am liebsten wanderte sie hinauf auf den Altenberg. Der steile Anstieg fiel ihr nicht schwer, weiß die Marketingfrau Kathrin Betzen, die ein paar Frühaufsteher zu Sisis Lieblingsplatz begleitet. Ihr Gefolge freilich habe Mühe gehabt, der Kaiserin zu folgen, die „nach und nach alles von sich warf“. Die Hofdamen mussten die Kleidungsstücke auffangen oder einsammeln. Noch härter traf es den Vorleser, der mit der eiligen Sisi Schritt halten musste. Von oben hatte der kaiserliche Kurgast den besten Überblick über den Kurort, den damals noch nicht die Bausünden der Neuzeit verunzierten. Und im weiß-blauen Sonnensalettl aus dem Jahr 1848 konnten auch die Hofdamen verschnaufen. Gegenüber dem Altenberg liegt die Burgruine Bodenlauben, 1220 von Otto von Botenlauben als Wohnsitz für sich und seine Gemahlin Beatrix von Courtenay erwählt. Die Gräfin  wurde durch die „Schleiersage“ unsterblich. Bei einem Spaziergang, so wird erzählt, wurde Beatrix‘ Schleier vom Wind verweht und sie gelobte, am Fundort ein Kloster zu gründen. So entstand das Kloster Frauenroth in der Rhön, wo das Paar auch begraben liegt. 
Es gibt viele schöne Geschichten rund um Bad Kissingen, auch ein paar nicht so schöne. Wie die von Max Kissinger. Der jüdische Kaufmann und Maßschneider hatte auf dem Marktplatz ein großes Modehaus. 1935 wanderte er nach Palästina aus, wo er auch gestorben ist. Sein Neffe Heinrich habe ihn gerne besucht, wird in Bad Kissingen erzählt. Auch Heinrichs Eltern verließen 1938 Deutschland – in Richtung Amerika. Aus Heinrich wurde Henry Kissinger. Der spätere US-Außenminister und Friedensnobelpreisträger kam zwar oft nach Deutschland, aber nie wieder nach Bad Kissingen. Womöglich war er auch nie da – und alles andere ist nur eine Legende. 
Und dann wäre da noch das Steigenberger Hotel, das seit Jahren leer steht, weil  sich der Freistaat Bayern wegen einer vom Brandschutz geforderten millionenschweren Modernisierung aus dem Pachtvertrag zurückgezogen hatte. Als „brennende Wunde im Fleisch Bad Kissingens“ sieht Oberbürgermeister Kay Blankenburg das Hotel, für dessen Zukunft sich Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer persönlich einsetzen wolle. Wie andere Kurorte auch kämpft das Traditionsbad mit einem angestaubten Image. Eine neue Kampagne soll da kräftig durchpusten und die Kur wieder gesellschaftsfähig machen. Kurdirektor Frank Oette, seit einem knappen halben Jahr im Amt, sieht nicht nur ein „enormes kulturhistorisches Potenzial“ in dem einst kaiserlichen Kurort, er will die Kur auch „emotional aufladen“. Bad Kissingen sei eine Stadt im Um- und im Aufbruch, betont er und dass man sich „imagemäßig verjüngen“ müsse, um „auch Menschen in der Mitte ihres Lebens“ anzusprechen.  Ein Imagefilm, der mit mystischen Bildern arbeitet, soll die Botschaft transportieren und zeigen, dass eine Kur in Bad Kissingen „mehr ist als Wassertrinken in der Wandelhalle“. „Wir sind am Anfang eines guten Weges“, gibt sich der Kurdirektor zuversichtlich. Schließlich erweise sich Gesundheit immer mehr als „gesellschaftlicher Megatrend“.  
Als „ChronoCity“,  Pilotstadt für Chronobiologie, soll Bad Kissingen sich mit einem Angebot positionieren, das den natürlichen Lebensrhythmus berücksichtigt. „Der Mensch funktioniert eben nicht wie eine Maschine“, erklärt OB Blankenburg und verspricht „Frühaufsteherzimmer“,  „Late-Checkout“  und andere Erleichterungen für all jene, deren Uhren anders gehen als es in unserer durchrationalisierten Welt die Norm ist. So soll sich Bad Kissingen als „Stadt des  guten und gesunden Lebens“ wieder einen Namen machen. Das „herzige Altstädtle“ trägt dazu ebenso bei wie der 100-jährige Regentenbau oder der ausgedehnte Park, in dem schon am frühen Morgen hartgesottene Kneippianer beim Wassertreten anzutreffen sind. Hatte doch schon Theodor Fontane das „Zusammenwirken vieler Dinge“ in Bad Kissingen gerühmt:  Quellen,  Landschaft, Architektur,  Wein, gutes Essen und das freundliche Wesen der Franken.  
Info: Bayerisches Staatsbad Bad Kissingen, Kur- und Tourist-Information, Am Kurgarten 1, 97688 Bad Kissingen, Tel. 0971/8048-211, http://www.badkissingen.de 

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