Azoren: Paradiesischer Außenposten Europas

Von wegen Azorenhoch! Diese neun Inseln mitten im atlantischen Ozean, geformt von den Launen der Natur, liegen eher in einer brodelnden Wetterküche mit ziemlich launischen Köchen. Wir kriegen hier jedenfalls alle Wetter mit: Regen, Nebel, Sturm, Sonnenschein und ein wild bewegtes Meer. Das heißt, dass unser kleines Kreuzfahrtschiff, die MS Hamburg, wegen Sturmwarnungen öfter mal eine andere Route fährt als geplant.

Kein Hoch für die Azoren

Gleich zu Beginn fällt die Insel Sao Jorge den über vier Meter hohen Wellen zum Opfer. Dafür haben wir mehr Zeit für die Hauptinsel Sao Miguel und ihre Hauptstadt Porta Delgado.

Sehenswert ist die Altstadt von Ponta Delgada

Guide Frederic Horman – schlank, dunkelhaarig -, macht uns wenig Hoffnung auf Wetterbesserung. Gerade mal zwölf komplett wolkenlose Tage gäbe es auf Sao Miguel, sagt der 27-Jährige. Kein Wunder bei 88 Prozent Luftfeuchtigkeit. Und das Azorenhoch? Frederic, der im Alter von fünf Monaten aus Venezuela auf die Inseln kam und sich hier zu Hause fühlt, lacht. Das legendäre Hoch sei verantwortlich fürs schöne Wetter im gut 1000 Kilometer entfernten Europa, erklärt er. Auch wegen des feuchtwarmen Klimas waren die Azoren früher die Kornkammer Portugals, heute ist der Tourismus der wichtigste Wirtschaftszweig für die rund 250.000 Einwohner. 2021 kamen 1,4 Millionen Touristen, in diesem Jahr könnten es noch mehr werden – auch dank der Kreuzfahrtschiffe, die vermehrt Porta Delgada anlaufen.

Die Azoren werden immer mehr zum Ziel von Kreuzfahrten.

Krippe in der Hexenküche

Sao Miguel gilt als die grüne Insel. Die unglaubliche Vielfalt der Pflanzen lässt sich am besten im 200 Jahre alten Terra Nostra Garten in Furnas mit seinen Baumfarnen und Kamelienbäumen, den Ananasgewächsen und Tulpenbäumen bewundern. Unter dem Herrenhaus kann man im eisenhaltigen, golden schimmernden Thermalsee baden gehen. Überhaupt blubbert es in Furnas an einigen Stellen wie in einer Hexenküche, und zwischendurch stinkt es höllisch nach Schwefel.

In Furnas blubbert und wabert es wie in einer Hexenküche.

Schließlich befinden wir uns mitten in einem Krater mit einem eigenen Mikroklima und heißen Mineralquellen. Da mutet die Weihnachtskrippe schon ziemlich exotisch an. Aber natürlich: Auch wenn hier so einiges eher wie ein Hexentanzplatz aussieht – es ist die Zeit kurz vor Weihnachten. Und die Azoren, die zu Portugal gehören, sind zu 98 Prozent katholisch.

Weltreise-Feeling auf dem Schiff

Auf dem Schiff merkt man allerdings (noch) nichts von Weihnachten. Die Gäste freuen sich, hier noch einmal vor dem deutschen Winter Sonne und Wärme tanken zu können. Viele sind Stammgäste oder waren schon auf anderen Kreuzfahrtschiffen unterwegs. Auf der Mein Schiff oder der Aida. Warum jetzt die Hamburg, die gerade mal Platz für 400 Gäste bietet? Weil ein kleineres Schiff viel überschaubarer ist, sagt ein älterer Mann aus Norddeutschland. Und seine Frau lobt die familiäre Atmosphäre an Bord. „Hier sind wir keine Nummern!“. Eine ältere Dame ist so begeistert von der Seereise, dass sie bis zum Schluss dabei bleibt.

Das Essen an Bord schmeckt auch bei rauer See.

Die Azoren sind nur eine Etappe einer langen Fahrt, die weiter in die Antarktis und nach Südamerika führt. Diese lange Reise gefällt auch der Crew. Gaetano, der philippinische Kellner mit den markanten Gesichtszügen, schätzt das Weltreise-Feeling ebenso wie Randi, der Videofilmer aus Yogyakarta in Indonesien. Der 32-Jährige ist seit sieben Jahren auf Schiffen unterwegs, war aber meist in der Karibik. Sein erstes Mal auf der MS Hamburg habe ihm dagegen ganz neue Seiten unserer Welt erschlossen, sagt Randi – auch die Azoren.

Walrücken im grauen Meer

Die Nacht wird ruckelig, keine guten Aussichten für die Walbeobachtung am nächsten Vormittag in Horta auf der Insel Faial, der blauen Insel. Gisela Dionisio, Tiago Lima und José Nun Pereira von der Atlantic Naturalist Association wollen trotz der hohen Wellen mit dem Zodiac rausfahren.

Drei engagierte Meeresbiologen: José, Tiago und Gisela.

Die drei sind Meeresbiologen und engagierte Klimaschützer. Gisela kommt aus Lissabon, lebt aber die meiste Zeit des Jahres in Horta „wie im Paradies“. Ihre Forschungsarbeiten werden von den Geldern der Touristen, die auf eine Walbeobachtungstour gehen, unterstützt. Zwei Mal pro Woche fahren sie derzeit raus aufs Meer, in der Hauptsaison zwei Mal am Tag. Heute freilich ist außer einem grauen Walrücken und spielenden Delphinen wenig zu sehen. Zu grau ist das Meer, zu hoch schlagen die Wellen. Immer wenn wir eine Fontäne sehen, die ein Wal ausstößt, ist das Tier hinter der Welle. Und wenn wir den Wellenberg überwunden haben, versteckt er sich schon wieder hinter dem nächsten. Nur die Möwen lassen sich von dem anlocken, was ein seekranker Mitfahrer dem Meer „opfert“. „Dies hier ist Natur“, sagt José, „kein Zoo oder Delphinarium“. Und das ist auch gut so.

Peter’s Café Sport ist ein weltbekannter Seglertreff.

Legendärer Segler-Treff

Die Weltumsegler, die sich seit über 100 Jahren im legendären Peter‘s Café Sport zu einem Gin Tonic treffen, lassen sich von Sturmwarnungen die gute Laune nicht verderben. Auch auf dem Schiff verdunkeln die grauen Wolken nicht die Stimmung. Dafür sorgt schon Chefkoch George Podder – rundes Gesicht, lachende Augen – aus Mumbai. Der 63-Jährige hat bei Carnival Cruises als Schiffskoch angefangen. Seit 23 Jahren ist er Plantours-Koch. Auf der MS Hamburg befehligt der stets gut gelaunte Podder 14 Köche und zahlreiche Hilfskräfte. Beim Galadinner zeigen Köche und Kellner, was sie drauf haben. Und selbst ein bayerisches Büfett mit Bier, Spanferkel und Weißwürsten meistert die Brigade locker.

Chefkoch George Podder und sein Gehilfe freuen sich über das Spanferkel beim bayerischen ‚Büfett.

Wein in Lava-Mauern

Pico, die graue Insel, steht nicht auf unserem Programm. Aber das stürmische Wetter hat Ausflugsmanager Daniel Schütz gezwungen umzuplanen. Also Pico statt Graciosa. Weil wir mit der Fähre auf die Insel fahren, müssen wir früh aufstehen. Es lohnt sich: Die karge Insel, auf der bis 1984 Walfang betrieben wurde, zeigt, wie es Menschen auch bei widrigen Umständen geschafft haben zu überleben. Zwischen Mauern aus Vulkangestein wächst Wein – am Boden entlang. Der Garten Misterio Sao Joa erinnert an den Vulkanausbruch von 1718, der einen Teil des nahen Dorfes zerstörte. Es regnet, Nebelfetzen hängen am Pico, dem mit 2350 Metern höchsten Berg der Azoren, von dem die Insel ihren Namen hat.

Wilde Wasser und Felslabyrinthe bei Cachorro

Wir fahren durch eine Urlandschaft mit Lorbeer, Baumheide, Wacholder. So hat es hier wahrscheinlich schon vor Tausenden von Jahren ausgesehen. Am Strand, wo die „Sommerhäuser“ der Portugiesen in einer spektakulären Vulkanlandschaft stehen, brechen sich die Wellen im Felslabyrinth. Und ausgerechnet auf dieser teilweise so unwirtlichen Insel steht der zweitälteste Drachenbaum der Welt – den ältesten reklamiert die Kanareninsel Teneriffa für sich. Gleich daneben bilden viele Drachenbäume ein natürliches Labyrinth. Sie stehlen dem Weinmuseum im Kloster fast die Schau.

Im Wald der Drachenbäume.

Es waren Mäusebussarde, keine Habichte

Pico mit seinen zwei Gesichtern, dem grünen und dem grauen, könnte sinnbildlich für die Azoren mit ihren Sonnen- und Schattenseiten stehen. Lektorin Dr. Ursula Blanchebarbe – klein, leise Stimme -, Kunsthistorikerin im Ruhestand, begleitet diese Reise und wirft an diesem Nachmittag einen Blick in die Geschichte des Archipels, der vor über 700 Jahren von Portugiesen besiedelt wurde. Dabei weist sie auch darauf hin, dass die älteste Erwähnung der Azoren auf einer Landkarte von Abraham Ortelius stand, dem Spross einer Augsburger Familie, die nach Antwerpen ausgewandert war. 1595 war das. Schon früher hatten die Inseln den portugiesischen Namen „Ilhas dos Acores“ bekommen, Habichtinseln. Dass es Mäusebussarde waren und keine Habichte, die damals die Entdecker über den Inseln kreisen sahen, änderte nichts mehr am Namen dieses „paradiesischen Außenpostens Europas“, wie die Lektorin den Archipel nennt. Jeden Morgen erfahren die Mitreisenden, was sie zu erwarten haben. Dann ertönt von der Brücke nach einem Gong die sanfte Stimme von Dr. Ursula Blanchebarbe.

Nebelverhangen präsentiert sich Terceira

Viel Geschichte auf Terceira

Auch dass auf Terceira, der lila Insel, 400 Jahre lang die Hauptstadt der Azoren lag, weiß die Lektorin. 55.000 Einwohner leben heute auf der nach Sao Miguel und Pico drittgrößten Azoreninsel. Luis Daniel – grauhaarig, Brille -, Lehrer, Verleger und Reiseleiter, weiß noch mehr: Dass Terceira als dritte (terceira) Insel entdeckt wurde und ursprünglich Ilha de Jesus Christo hieß. Dass die Insel bis heute Stützpunkt der US Army ist und dass die Luftbrücke nach Berlin über Terceira führte. Dass die auf dem Reißbrett entworfene und im Stil der Renaissance erbaute Hauptstadt Angra do Heroismo Unesco-Welterbe ist.

Im Schlund des Vulkans

Doch auch die Natur hat sich auf der Insel ausgetobt. Wo sonst kann man in den Schlund eines Vulkans hinabsteigen?

Ein aufregendes Erlebnis ist der Abstieg im Vulkan Algar do Carvao.

Ohne Fahrstuhl in die Tiefe geht es im Algar do Carvao. 200 Stufen führen hinunter zu einem kleinen Vulkansee, vorbei an von Moos und Farnen überwucherten Basaltwänden, bläulich schimmernden Felsen, an tropfenden Stalagtiten. Eine Wunderwelt, auf die durch den offenen Vulkanschlot fast mystisches Licht fällt. Und dann noch die Biscoitos, vom Meerwasser und den Vulkanen geformte Naturbecken, in denen das Wasser aufschäumt – wie in einer Badewanne.

Von den Bergen ans Meer

Terceira ist unsere letzte Azoreninsel. Auch für die nächste Station hat Daniel Schütz – groß und hager – umplanen müssen. Santa Maria entfällt. Die MS Hamburg nimmt Kurs auf Porto Santo, Madeiras kleine Schwester.

Porto Santo wird die nächste Station.

Man glaubt Schütz gern, wenn er sagt, dass „Excursions-Manager“ einer der stressigsten Jobs an Bord ist. Oft müsse er über Nacht „alles ummodeln“. Und doch liebt der 48-Jährige seinen Job, die verschiedenen Länder, die Häfen, die neuen Herausforderungen. „Dieses Fernweh“ hat den Tiroler aus St. Anton aufs Meer gelockt. „Stillstand ist nicht meins“, sagt der ehemalige Golfclub-Leiter und Golflehrer. Er liebt die Abwechslung „von den Bergen ans Meer“. Am 21. Dezember wird er in Buenos Aires ins Flugzeug steigen und zu Weihnachten in St. Anton sein. „Schon ein Privileg.“ Die 162 Mitglieder der Crew, die aus der ganzen Welt kommen, sind für ihn wie eine Familie, ganz anders als auf einem der großen Kreuzfahrtschiffe. „Mit vielen Menschen kann man sehr einsam sein“, sagt Schütz.

Paradies von Menschenhand

Porto Santo dann ist eine Welt für sich, ganz anders als die Azoren. Die älteste Insel im Nordatlantik hat zu wenig Regen und kaum Wasser. Wüstenartig wirkt die Landschaft zwischen den Bergen. Mittendrin hat Carlos Alfonso, ein Mann mit Visionen, mit der Quinta das Palmeiras eine Art Garten Eden geschaffen – mit Hibiskus und Engeltrompeten, Palmen und Lilien, mit Kois im Teich, farbenprächtigen Papageien in Volieren, mit Enten und Schwänen unter Wasserfontänen.

Genug Wasser für die Kois gibt es in der Quinta das Palmeiras

Die 4500 Einwohner leben direkt oder indirekt vom Tourismus, sagt Ruth Bechofner – burschikos, kurzhaarig -, die vor 30 Jahren aus dem schweizerischen Lauterbrunnen auf die Insel kam und seither die insulare Leichtigkeit des Seins genießt – und den familiären Zusammenhalt. Touristen kommen vor allem der goldenen Strände wegen, die auch im Dezember noch zum Baden einladen.

Viele Vorräte an Bord

Selbst versorgen kann sich die trockene Insel nicht. „Alles, was wir brauchen, muss importiert werden“, weiß Ruth Bechofner. Frisches Obst und Gemüse kann die MS Hamburg hier nicht zukaufen. Für 44 Tage hat das Schiff die meisten Grundnahrungsmittel an Bord.

Sashi aus Mumbai ist dafür verantwortlich, dass genügend Vorräte an Bord sind.

Sashi aus Mumbai – schmales Gesicht, Dreitagebart – ist für die Vorräte verantwortlich. Vieles geht inzwischen zur Neige. Kein Wunder bei dem Verbrauch! 1000 Eier am Tag, 90 Liter Bier, 30 Liter Eiscreme… Der Inder muss gut planen, erlebt aber auch immer wieder Überraschungen. Etwa, wenn besonders trinkfreudige Gäste an Bord sind und die für 44 Tage gebunkerten 500 Flaschen Champagner nicht reichen. Dann kann der so gleichmütig wirkende „Provision-Manager“ schon mal in Stress geraten: „Ich bin ja kein Zauberer“.

Nächstes Ziel sind die Kanaren

Zauberhaft ist diese Schiffsreise dennoch. Denn die ganze internationale Crew legt sich ins Zeug, dass sich die Gäste an Bord wohl fühlen können. Und am Abend sorgen Künstler wie die Musicalsängerin Friederike Linsmeier oder die polnische Band Ocean‘s Four für Unterhaltung. Das verspricht noch eine interessante Kreuzfahrtwoche in der Inselwelt der Kanaren.

Sonnenuntergang bei Ajuy auf Fuerteventura

Kurz informiert

Die MS Hamburg erreicht die Azoren auf wechselnden Routen von Südamerika, den großen Seen in Nordamerika oder von Deutschland kommend. Im nächsten Jahr wäre das im April. Preisbeispiel: Vom 6. bis 18. April 2023 findet die Osterkreuzfahrt von den Azoren nach Hamburg statt. 13 Tage ab 1981 Euro inklusive Flug und Verpflegung:
www.plantours-partner.de, Tel. 0421/173690.

Hinweis. Die Reise wurde unterstützt  von plantours.

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