Münchner Nachtseiten

War da was vor 50 Jahren in München? Das Münchner Stadtmuseum sammelt noch Erinnerungen an die Olympischen Spiele vor 50 Jahren, die so heiter begannen – mit einem farbenfrohen Olympiadackel als Maskottchen, weißblauer Lebensfreude und Bilderbuchwetter.

Schürze der Olympia-Hostessen

Doch die Erinnerung daran wird für immer überschattet vom Überfall eines palästinensischen Terrorkommandos auf das Quartier der israelischen Mannschaft und das Blutbad am Flughafen Fürstenfeldbruck. Auch wenn die Spiele weitergingen – „The games must go on“, verkündete IOC-Präsident Avery Brundage –  in München gelang kein Sommer-Märchen für die Erinnerung.

Eine Stadt im Aufbruch

Doch für München waren diese Sommerspiele der Aufbruch in eine neue Zeit – nicht nur im Olympischen Dorf mit dem ikonischen Zeltdach über dem Olympiastadion. Die ganze Stadt wurde umgemodelt. Von den Um- und Neubauten damals profitieren die Münchner noch heute. Und sie fanden zu einer Zeit statt, in der scheinbar die ganze Stadt im Aufbruch war.

Das TamS enstand in den 1970igern als Szene-Theater

Die Studentenrevolten der 1968er hatten auch München verändert. Schwabing war ein geheimnisvoller Ort, sagt etwa Zeitzeuge Michael Popp im „Zeitzeugenportal“. Er studierte zu der Zeit Kunstpädagogik an der Kunstakademie, einer „Insel der Seligen“. Das als spießig geltende München ist dabei, seine Biederkeit abzustreifen, die außerparlamentarische Opposition (Apo) definiert sich durch oft groteske Happenings gegen Nazi-Verkrustungen. Revolutionäre Ideen schwappen von Berlin nach München, neue Formen des Zusammenlebens werden ausprobiert: Kinderläden, Kommune, freie Liebe. Szene-Theater entstehen wie das TamS, das Theater am Sozialamt, in einem ehemaligen „Tröpflesbad“ – auch nach über 50 Jahren eine Münchner Institution.

Freie Liebe und Kaviar

Uschi Obermaier und Rainer Langhans gründen die Highfish Commune in Schwabing und werden zum „schönsten Paar der APO“ hochgejazzt. Das Fotomodell wird zum Gesicht der Roaring Sixties und der freien Liebe. Sie geht mit Mick Jagger Kaviar essen, schläft mit Keith Richards und verführt Jimi Hendrix, der womöglich in Schwabing seine erste Gitarre zerstört.

Plakat für das Stones-Konzert in der Olympiahalle, zu sehen im Stadtmuseum

Mit 50 Live Clubs explodiert  das Nachtleben in München geradezu. Am Elisabethmarkt öffnet mit dem „Blow Up“ die erste Großraumdisco, im „Crash“ in der Lindwurmstraße wird ein Rekord im Dauertanzen aufgestellt. Im Theater an der Brienner Straße feiert das Musical Hair das Wassermannzeitalter, Discoqueen Donna Summer singt „Aquarius“ und quartiert sich in München ein.

Streifzug durch die Münchner Nacht

Noch bis zum 7. Januar kann man sich im Stadtmuseum auf einen Streifzug durch die Münchner Nacht machen. Die Ausstellung „Nachts. Clubkultur in München“, die Fotografien aus 80 Jahren Clubkultur zeigt, erweckt auch die popkulturelle Blütezeit der 1970iger Jahre zu neuem Leben. Einer der damals prägenden Stars ist Freddie Mercury, der Frontman von Queen, der zwischen 1979 und 1985 sporadisch in München wohnte.

Mercury-Kostüm im Hardrock Café

Wer sich auf seine Spuren begibt, kommt dem Star, der 1986 an Aids gestorben ist, sehr nah. Grundlage des geführten Spaziergangs ist das Buch „Mercury in München. Seine besten Jahre“. Autor Nicola Bardola – graue Haarpracht, breites Gesicht  – hat dafür mit zahlreichen Zeitzeugen gesprochen und listet 48 Orte auf, die für den Sänger von Bedeutung waren wie die damaligen Musicland-Studios im Keller des Münchner Arabellahauses aber vor allem die vielen Clubs, in den Mercury seine Homosexualität ausleben konnte.

Enge Freundschaft mit Barbara Valentin

Dabei war er womöglich auch bisexuell, wie Bardola andeutet. Zumindest habe ihn eine enge Freundschaft mit Barbara Valentin verbunden, mit der er auch eine Wohnung teilte. Da passt es, dass neuerdings ein farbenfrohes Porträt der Schauspielerin an einer Garagenwand am Holzplatz zu finden ist, direkt gegenüber dem in ein Denkmal umgewandelten Klohäuschen „Le Pissoir“, auf dem auch Freddie Mercury prangt – neben Rainer Werner Fassbinder und einem Jugendbild von Albert Einstein.

Porträt von Barbara Valentin

Das Porträt am inzwischen Denkmal geschützten Pissoir soll nicht der einzige Erinnerungsort an Freddie Mercury bleiben, wenn es nach Herbert „Herbi“ Hauke geht. Der Finanzberater, Pop-Enthusiast und leidenschaftliche Sammler von Star-Memorabilien denkt an eine Statue des Sängers am Gärtnerplatz. Kennengelernt hat Hauke den Sänger schon am Beginn seiner großen Karriere, wie er gern erzählt.

Verwandlung zur Kunstfigur

Als erstes sei ihm der Überbiss des „schmächtigen Kerlchens“ aufgefallen: „Ich hab‘ ihn angeschaut und gedacht, geh‘ zum Zahnarzt.“ Das war, bevor sich Freddie Mercury mit Schnauzer und Muskelpaket zur Kunstfigur der Schwulenszene wandelte und seine Sexualität in jeder Hinsicht exzessiv auslebte. Die Münchner Clubs wie das Pimpernell, der Ochsengarten, das Henderson oder die Paradiso Tanzbar boten ihm und seiner Entourage dafür reichlich Gelegenheit.

Freddie Mercury als Porträt auf dem Klohäuschen Le Pissoir

In seinem Rockmuseum hatte Herbi Hauke auch Erinnerungsstücke an Queen gezeigt. 17 Jahre lang galt das Museum im Olympiaturm als höchstes Rockmuseum der Welt. Im Januar 2022 war Schluss damit, die Ausstellungsfläche wurde für Präsentationen zum Olympia-Jubiläum gebraucht. Womit wir wieder bei diesen Spielen wären, die München für immer verändert haben.

Kurz informiert

Ausstellung.  Das Münchner Stadtmuseum am St. Jakobs-Platz widmet sich noch bis 31. Dezember einer Olympischen Spurensuche.    Bis 7. Januar lädt die Sonderausstellung „Nachts. Clubkultur in München“ zu einem Streifzug durch 80 Jahre Münchner Nachtleben ein. Das Tagesticket fürs gesamt Haus kostet 7 Euro, für Besuchende unter 18 Jahren ist der Eintritt frei: https://www.muenchner-stadtmuseum.de/
Buch.  Nicola Bardolas Buch „Mercury in München -Seine besten Jahre“ ist bei Heyne hardcore erschieren
Freddie-Mercury-Tour. Wer sich mit einem erfahrenen Tourguide auf die Spur von Freddie Mercurys Münchner Jahren begeben will, sollte gut zu Fuß sein. Die Tour dauert rund drei Stunden, wobei viele Anekdoten und einige „Einkehrschwünge“ für Abwechslung sorgen. Durchgeführt wird sie ab vier Buchungen. Kosten 39 Euro: https://muctours.de/services/musiktouren

Disco-Kugel am Weihnachtsbaum des Ibis Style München Perlach

Wohnen. Das neue Ibis Style München-Neuperlach erinnert mit dem Design-Thema „Disco“ an die 1970iger Jahre. Trotz des stylischen Ambientes kann man hier preiswert und zentrumsnah (U-Bahn vor der Haustür) wohnen: https://all.accor.com/hotel/8666/index.de.shtml

Hinweis.  Die Reise wurde unterstützt vom Ibis Style München Neuperlach .

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