Azoreninsel San Miguel: Natur unter Dampf

Da hat uns Thomas Hickling doch was Schönes hinterlassen: Der Mann, der im 18. Jahrhundert mit Orangen reich geworden war, hatte sich in die Gegend von Furnas auf Sao Miguel verliebt. Geld spielte keine Rolle und so kaufte er da, wo das Wasser warm aus der Erde sprudelte, 18 Hektar Grund und ließ sich ein Sommerhaus hinstellen, das fortan den Namen Yankee Hall trug. Das private Thermalbad war sein ganz besonderer Luxus.
Heute steht das riesige Becken zu Füßen des herrschaftlichen Hauses allen Besuchern des Parks von Terra Nostra zur Verfügung, der als einer der schönsten Gärten weltweit gilt. 

Zu verdanken ist das der Ehefrau des Marques da Praia e Montfort, der nach Hicklings Ableben dessen kleines Paradies erworben hatte. Die Marquesa verwandelte den Garten mithilfe von Gartenarchitekten in einen romantischen Park mit geheimnisvollen Grotten und Efeu überwucherten Mäuerchen, während der Gatte das Sommerhäuschen des Vorgängers hochherrschaftlich um- und ausbauen ließ. Seit Jahrzehnten schon gehört das Ganze zum Hotel Terra Nostra. 1990 nach einem langen Dornröschenschlaf holten die Besitzer Experten aus den Londoner Kew Gardens, die der grünen Oase ein neues Gesicht gaben. Heute wandeln die Besucher auf moosweichen Wegen übers Wurzelgeflecht der alten Bäume, schreiten über einen Teppich von Rhododendrenblüten und schauen von Steinbalkonen aus auf Teiche voller Seerosen. Es plätschert, rieselt, rinnt. Gelbes, schwefelhaltiges Wasser mischt sich in den Bächen mit ordinärem H²O. Im großen Bassin ist das goldbraune Wasser badewannenwarm, ein leichter Schwefelgeruch liegt in der Luft und wetteifert mit dem Duft der Blüten. 
Ganz Furnas scheint eine Hexenküche. Nicht nur rund um den Lagoa das Furnas, den trügerisch blau schimmernden Kratersee, wo ein Fischerpärchen dicke Karpfen aus dem Wasser zieht. Rius, unser schlaksiger Guide, schüttelt den Kopf ob soviel Sorglosigkeit. „Der See ist eutroph“, sagt er, „völlig überdüngt“. Diese Fische sollte man nicht essen. Hier im „Vorhof zur Hölle“ brodelt die Erde, und die schlauen Azoreaner nutzen die unterirdischen Hitzewallungen auf ihre Art. Kurzerhand wandelten sie ein Stück Ufer in eine Freiluftküche um, indem sie runde Löcher ausbetonierten. Da hinein kommt jetzt ein Kessel mit dem typisch azoreanischen Eintopf Cozido, ein Sattmacher aus Rind-, Lamm- und Hühnerfleisch, Blutwurst, Karotten, Kartoffeln, Kohl und Süßkartoffeln. Über einander geschichtet gart das Ganze sechs Stunden vor sich hin, ehe der Topf von zwei athletischen Männern aus dem Erdofen gehoben wird – zum Gaudi der Touristen, die  zahlreich herangekarrt werden und das Ereignis mit Kameras und Handys fotografieren. Auf den Tisch kommt der Cozido dann im Restaurant von Terra Nostra. 
Nach solch üppigem Essen tut ein Verdauungsspaziergang not – zum Pero Botelho etwa, dem Teufelskrater, wo dicke Schwaden über brodelnden Wasserlöchern wabern und es knistert und knackt, dass einem angst und bange wird. Dabei verbirgt sich dieser schwefelgesättigte Höllenschlund hinter Bergen von bunten Blüten und entlässt ein harmlos plätscherndes Bächlein. Überall quillt es in dieser Gegend der berühmten Caldeiras aus der Erde, mal schwefelig gelb, dann eisenhaltig rotbraun. „Hier braucht man nur rumzulaufen und Wasser zu trinken“, erklärt Rius, „das ist gesund“. Die weißen Häuser des Örtchens stehen harmlos inmitten der Naturgewalten, die sich an den merkwürdigsten Orten Bahn brechen. Da ringelt sich neben einem Laternenmast ein Dampfwölkchen, dort schwillt unter einer geparkten Limousine ein dunkler Schwaden. Eine Natur unter Dampf.
Sie hat diese größte der Azoreninseln geprägt. Hat die hohen Berge hervorgebracht, die schwarzen Strände und die blauen Augen der Kraterseen. Besonders schön aber auch besonders scheu ist der Lagoa de Fogo, der Feuersee auf 600 Meter Höhe, der sich allzu oft in dichte Nebelschleier hüllt. Ihn sonnenbestrahlt zu sehen grenzt an ein Wunder, sagt Rius und strahlt mit der Sonne um die Wetter. Denn noch vor ein paar Minuten waren Berge und See hinter einer dunklen Wolkenwand verborgen. Jetzt klicken rundum die Kameras, um den seltenen Anblick festzuhalten. Natürlichen Ursprungs ist auch der Wasserfall Caldeira Velha, der zu einem heißen Bad im Zauberwald einlädt, wo Riesenfarne auf einem Teppich von samtgrünem Moos wuchern. Das Becken unter dem Wasserfall ist von Menschenhand – wie auch die dunkelgrauen Trockenmauern, die in der Ebene die Landschaft durchziehen und die auf den Bergen von zartblauen Hortensienhecken ersetzt werden.
Seit über 500 Jahren leben Menschen hier auf der Insel mitten im Meer, 256 000 sind es derzeit. Die kleine, kuschelige Hauptstadt Ponta Delgado hat gerade mal 65 000 Einwohner, weniger als Kühe auf den Wiesen von Sao Miguel grasen. Die Rinderzucht ist das Haupteinkommen der Insel. 500 Millionen Liter Milch werden pro Jahr produziert und von der EU mit Subventionen unterstützt. „Die Azoren produzieren nicht, was gut ist für das Land, sondern was gut auf dem Markt ankommt“, erklärt Rius. Der studierte Biologe, der inzwischen auf Tourismus umgesattelt hat und an der Fakultät für Tourismus als Dozent arbeitet, weiß, wie gut sich die Insel anpassen kann. Lange Zeit waren Orangen der Exportschlager, dann folgten Tee und Tabak, jetzt setzt man auf Rindvieh und Touristen. Und fährt dabei nicht schlecht, wie Rius meint: „Wenn es eine Gegend in Europa gibt, die sich über die EU nicht beklagen kann, sind es die Azoren.“ Die solide ausgebauten Straßen, die neuen Hotels, die Marina in Ponta Delgado zeugen von gut angelegten Geldern. Die Löhne seien zwar etwas niedriger als im Heimatland Portugal, weiß Rius, den es der Liebe wegen aus Porto nach Sao Miguel verschlagen hat. Dafür zahlten die Insulaner weniger Steuern und die Arbeitslosenquote sei mit zehn Prozent eher gering. Was dazu führe, dass immer mehr Auswanderer, die in den Vereinigten Staaten ihr Heil gesucht hatten, zurück kämen. „Der amerikanische Traum ist ausgeträumt“, meint Rius. Umso stolzer ist er auf seine Wahlheimat, wo sein zweijähriger Sohn auch aufwachsen soll: „Es geht uns gut. Es gibt keine wirkliche Armut, gute Schulen, Krankenhäuser, sogar eine Universität“ – und eine Natur, die Dampf macht. 


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