Auf dem Malerweg zu Canaletto

Ein spitzgiebeliges Haus in Naundorf in einem gepflegten Garten. Das Tor ist verschlossen. Auf den ersten Blick deutet nichts darauf hin, dass dies hier ein Museum ist, ein Malerhaus. Dann öffnet Juliane Gatomski – dunkle Locken, dunkle Augen, blasses Gesicht – die Tür zu einem wahren Schatzkästlein. Denn drinnen sieht es so aus, als sei der Hausherr, der Maler Robert Sterl, gerade mal ausgegangen. Ein Blumenstrauß auf dem Tisch, Bilder an den Wänden. Malerutensilien im Atelier.

So wohnlich sieht es im Robert-Sterl-Haus aus.

Ein Haus mit Geschichte

1919 kam der Künstler, damals 52 und Professor an der Kunstakademie Dresden, in das Örtchen oberhalb der Elbe, um Ruhe zu finden. „Er war nicht mehr ganz gesund“, sagt
die Hausherrin und Museumsleiterin Gatomski, „aber jeden Tag ist er mit dem Zug nach Dresden gefahren“. 1931 starb der Künstler, der sich vom Spätromantiker zum Impressionisten entwickelt hatte. Seine Frau überlebte ihn um 18 Jahre; und nach ihrem Tod hütete die Haushälterin Helene Landgraf das Haus „wie einen Schrein“. Hatte doch Robert Sterl im Testament festgelegt, Haus und Grundstück in eine Stiftung zur Unterstützung junger Künstler zu überführen. Als das Haus Ende 1970 umgenutzt werden sollte, konnte Landgraf mit einem Freundeskreis die Pläne vereiteln.

So sah der Maler seine Frau Helene

Künstlerleben in der Zeitkapsel

Seit 1981 ist es Museum und lädt zu einer Reise in ein Künstlerleben ein, das hier wie in einer Zeitkapsel bewahrt wird. Ein Jahr schon ist Kunsthistorikerin Juliane Gatomski Hüterin von Haus und Kunst. Gut 1000 Gemälde, rund 2000 Zeichnungen und 100 Skizzenbücher gehören dazu, weiß die 37-Jährige. Sie ist gut informiert über den Hausherrn, weiß, wie er gemalt hat und wo er seine Modelle fand. Dass er mit der Staffelei hinausging in die Natur und „en plein air“ malte, im Freien. Dass er auch Sozialkritisches malte wie „Die Steinbrecherin“, die ihr Baby mit in den Steinbruch genommen hat.

Die Steinbrecherin zeigt einen Arbeitsalltag auf der Schattenseite.

Grabmal im Garten

Draußen im Garten blüht es frühlingshaft, eine Idylle über der Elbe. Versteckt in den Büschen ein Grabmal. Hier sind Robert und Helene Sterl begraben. Vom Garten aus führt ein steiler Weg hinunter an die Elbe. Ihn ist Robert Sterl immer gegangen, um mit der Bahn nach Dresden zu fahren. Von hier aus geht es mit der Wehlener Fähre über die Elbe zum Ausgangspunkt des Malerwegs.

Hier geht’s lang

Steiler Anstieg zum Malerweg

Alles fängt ganz harmlos an, entlang der Elbe zwischen blühenden Obstbäumen und Magnolien. Bis ein Steig ins Elbsandsteingebirge abzweigt – steil und glitschig. Die Steine sind unregelmäßig, mal klein wie Pflastersteine, mal eher massig und von Moos überzogen. Dazwischen Wurzelgeflechte. Wer hier rauf will, muss gut zu Fuß und bei Atem sein.

Zwischendurch mal kurz durchschnaufen.

In der Sächsischen Schweiz

Die zwei Schweizer Maler Anton Graff und Adrian Zingg, die 1760 malend durch das Elbsandsteingebirge wanderten und für die spektakuläre Landschaft mit ihren schroffen Felsgebilden den Begriff „Sächsische Schweiz“ prägten, mussten sich ganz ohne Wegweiser in der rauen Natur zurecht finden. Bald schon folgten andere Künstler dem Weg von Dresden ins Elbsandsteingebirge.

Acht Etappen  auf dem Malerweg

Diese historische Route wurde 2006 rekonstruiert nach alten Reisebüchern, Gemälden und Skizzen. Auf acht Etappen kommen die Wandernden unserer Zeit zu landschaftlichen Höhepunkten, die Maler wie Caspar David Friedrich, Johann Alexander Thiele oder Ludwig Richter inspiriert haben. Schautafeln und Bilderstelen laden dazu ein, Kunst und Natur zu vergleichen. Vieles erkennt man wieder: Die schroffen Felstürme, die rissigen Zyklopensteine, die grün bepelzten Felswände, die Höhlen.

Caspar David Friedrich und die Landschaft

Und doch entspricht die Landschaft nicht eins zu eins dem Bild, das die Künstler von ihr schufen. Caspar David Friedrich (1774 – 1840) etwa, der wie kaum ein anderer diese romantische Natur porträtiert hat, hat sie nicht abgebildet, sondern aus verschiedenen Skizzen zusammengesetzt. Auch das wohl berühmteste Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“ ist eine solche Komposition – und der Fels, auf dem der Wanderer steht, eher unspektakulär.

Hier läuft man buchstäblich durch ein Gemälde

Melancholisch seien die Gemälde des Malers, sagt Susanne Reichelt, die studierte Dolmetscherin, die Gäste durch Dresdens Kunstlandschaft führt und eine Ausbildung zur Nationalpark-Führerin gemacht hat. Und sie zitiert den zutiefst spirituellen Maler, für den die Natur göttliche Schöpfung war: „Der Maler sollte nicht nur malen, was er vor sich sieht, sondern was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er zu malen, was er vor sich sieht.“

Andrang an der Bastei

Heute malen kaum mehr Besucher diese fast mystische Landschaft, obwohl nahezu jeder Ausblick ein Gemälde wert wäre. Statt Staffelei und Malerutensilien tragen sie Handy oder Mini-Kamera bei sich. Eingefangen wird die Landschaft am liebsten von der berühmten Bastei aus, wohin man auch ohne schweißtreibenden Fußmarsch gelangt. Zwar ist zurzeit wegen Bauarbeiten ein Teil der Bastei gesperrt, und auf der Basteibrücke drängen sich Menschen, um den Ausblick auf den Lilien- oder den Königstein doch noch abzulichten.

Die Basteibrücke ist einfach zu erreichen.

Aber nur ein paar Meter weiter ist es vorbei mit dem Menschen-Gewimmel. Runter nach Rathen geht’s über Hunderte von Stufen. Und immer wieder fällt der Blick auf gefallene Bäume, von Moos ummantelt, auf Wurzeln, die sich in die Felsen krallen, auf hellgrüne Blaubeersträucher und düstere Höhlenöffnungen.

Pläne für die Felsenbühne

Die Felsenbühne, wohl eine der schönsten Naturbühnen Deutschlands, fügt sich mit einem Neubau samt Grasdach fast nahtlos in diese Natur. Intendant Manuel Schöbel ist sichtlich stolz auf die Dächerlandschaft in Grün über dem Gebäude aus Lärchenholz, in dem sich Räume für 200 Mitarbeiter finden. „Es ist eine Freude“, sagt der grauhaarige Mann mit der Corona-Maske unterm Kinn. Er kann die Eröffnung der Bühne im Juni kaum erwarten. Mit der West Side Story und dem Fliegenden Holländer wolle man zeigen, „dass wir hier eine ernst zu nehmende Bühne auch für Musicals haben“. 1800 Zuschauerinnen und Zuschauer haben im Halbrund um die beeindruckende Naturbühne Platz.

Die Felsenbühne fügt sich in diese dramatische Landschaft.

Es könnte schon stimmen, dass Carl Maria von Weber hier seine Wolfsschluchtszene im Freischütz gesehen hat. „Wunderbar wirket auf mich die freie Natur“, hat der Komponist geschrieben, und: „Das Anschauen einer Gegend ist mir die Aufführung eines Musikstücks.“ Der Musiker Weber würde sich nur einreihen in die Künstlerschar, die im Elbsandsteingebirge ihre Inspiration gefunden haben.

Bernardo Belotto in Pirna

Bernardo Belotto gehörte nicht zu ihnen. Aber der Künstler, der unter dem Namen Canaletto weltberühmt wurde, ist aus dieser Gegend nicht wegzudenken. Schon gar nicht in diesem Jahr, in dem nicht nur Dresden sondern auch Pirna den 300. Geburtstag des Malers feiert. Elf Stadtbildansichten verdankt Pirna dem Venezianer, der den Künstlernamen seines Onkels übernahm. Der Marktplatz von Pirna, eine der bekanntesten, sieht noch heute (fast) so aus wie zu Zeiten des Malers. Als Hofmaler Augusts III., dem Sohn von August dem Starken, arbeitete der junge Canaletto in königlichem Auftrag und wohnte in Dresden.

So hat wohl auch Canaletto das Rathaus von Pirna gesehen

Skulpturen-Dialog zu Ehren des Meisters

Warum er nach Pirna kam, weiß auch Stadtführer Wilfried Geyer nicht. „Aber vermuten kann man“, meint der grauhaarige Guide, der nach eigenen Worten „dem Charme der Stadt schon vor einer Weile erlegen“ ist. Womöglich habe dieser Charme auch den Maler überzeugt oder Canaletto sei auch hier als Festungsmaler tätig gewesen. Wie auch immer: Pirna feiert „Canaletto 300“ mit einer Sonderausstellung im Stadtmuseum und dem Skulpturensommer in den Bastionen. Zu Ehren des großen Malers sollen ab Ende Mai barocke Originale aus der Dresdner Zwingerbauhütte in den Dialog mit zeitgenössischen Kunstwerken treten. Geschaffen wurden die Skulpturen zur Hochzeit Augusts III. mit Maria Josepha von Österreich.

Auch Notos kommt aus der Zwingerbauhütte.

Die barocken Schwergewichte von Dresden in die Bastionen von Pirna zu schaffen, war Schwerstarbeit. Dass sie sich gelohnt hat, hofft die Kuratorin: „Wir wollen den Blick, den Canaletto auf die Landschaft und auf die Skulptur gehabt hat, ein bisschen abbilden“, sagt Christiane Stoebe.

Bilder von der Festung

Landschaft hat der Venezianer auch auf der Festung Königstein erlebt, die 200 Meter hoch über der Elbe thront. Hierher war er mit der Kutsche gekommen und in einem kleinen Zimmer in der Kaserne abgestiegen, um fünf Gemälde von Königstein zu malen, darunter auch eine Außenansicht, die heute in Washington hängt. Drei der Gemälde sind in hinterleuchteten Großfotos im Königsformat zu sehen. Denn auch hier auf dem Königstein wird der 300. Geburtstag des Malers gefeiert.

Mit Puppen wird auf der Festung das höfische Leben inszeniert.

Ein Schornsteinfeger als Eroberer

Wer gut zu Fuß ist, kann auch über eine Etappe des Malerwegs hierher kommen – von Pfaffenstein aus. Dabei muss man sich nicht so anstrengen, wie 1849 Sebastian Abratzky. Der Schornsteinfeger war durch den Abratzkykamin zur Festung hinauf geklettert, um sich das Eintrittsgeld zu sparen. Abratzky war übrigens bis zum Ende des 19. Jahrhunderts der erste und einzige Eroberer der als uneinnehmbar geltenden Festung. Heute öffnet sich allen, die oben ankommen, ein fantastischer Panoramablick auf die Elbe, den Lilienstein und das Elbsandsteingebirge. Schön wie ein Gemälde – wenn denn das Wetter mitmacht.

Leider eingetrübt: Blick vom Königstein auf die Elbe

Kurz informiert

Malerweg. 116 Kilometer lang, acht durchgängig ausgeschilderte Tagesetappen mit Schautafeln, Rastplätzen und Einkehrmöglichkeiten: saechsische-schweiz.de/malerweg/wanderweg-malerweg/wanderweg-profil.html
Robert-Sterl-Haus. Robert-Sterl-Str. 30, 01796 Struppen. Eintritt 5 Euro, ermäßigt 3,50 Euro: www.robert-sterl-haus.de
Felsenbühne Rathen. Die Festspielsaison wird am 5. Juni mit einer großen Gala eröffnet. Auf dem Spielplahn stehen von Mai bis September vier Premieren: West Side Story, Das kalte Herz, Jedermann und Der Fliegende Holländer: www.landesbuehnen-sachsen.de/felsenbuehne-rathen/
Festung Königstein. Eintritt 13 Euro, ermäßigt 10 Euro: www.festung-koenigstein.de
Wohnen. Das Elbsandsteingebirge ist gut erschlossen mit Hotels und Pensionen. Ganz neu und schön gelegen ist z.B. das Hotel Bei.Gretel in Struppen, DZ mit Frühstück ab 219 Euro: www.bei-gretel.de

Angenehmes Ambietene in schöner Natur: Bei.Gretel

 

300 Jahre Canaletto.
Pirna. Die Sonderausstellung im StadtMuseum „Canalettos Blick“ wird am 8. Mai eröffnet. Der Skulpturensommer beginnt am 28. Mai.
www.pirna.de/pirna-erleben/kultur/canaletto-300/
Dresden. In der Gemäldegalerie Alter Meister wird am 21. Mai die Ausstellung „Zauber des Realen. Bernardo Bellotto am sächsischen Hof“ eröffnet: https://gemaeldegalerie.skd.museum/ausstellungen/zauber-des-realen/
Festung Königstein. Am 23. und 24. Juli findet zum Jubiläum ein Canaletto Fest statt u.a. mit Sonderführungen zum Leben und Arbeiten Canalettos auf der Festung, Orgelkonzerten und mehr: www.festung-koenigstein.de/de/veranstaltung/canaletto-fest.html
Informieren. Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen mbH, Bautzner Straße 45/47, 01099 Dresden, Tel. 0351/491700, info@sachsen-tour.de, www.sachsen-tourismus.de

Hinweis:  Die Recherche wurde unterstützt von der Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen.

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