Salzburg: Strippenzieher und Menschlein

Dass Puppen die Bühne beherrschen und die Menschen im Hintergrund bleiben, ist nicht unbedingt abschreckende Science Fiction. Denn anders als in so mancher Dystopie sind es im Marionettentheater immer noch die Menschen, die die Fäden ziehen. Leicht ist das nicht, auch die Marionetten haben ihr Eigenleben.

Stoisch blicken die Herrschaften darüber hinweg, dass sie an Fäden hängen.

„Dieses Schaf grast besonders schön“

Ich erinnere mich gerne daran, wie ich – damals 16 – in der Augsburger Puppenkiste einmal ein Schaf führen durfte. Da hatte ich meine liebe Not damit, dass das Tier nicht beim Grasen einknickte. Einmal am falschen Faden gezogen, und mein Schaf fiel buchstäblich aus der Rolle. Also übte ich, bis ich die Fäden blind koordinieren konnte. Und als dann der Prinzipal der Augsburger Puppenkiste, Walter Oehmichen, bemerkte, dass mein Schaf „besonders schön grase“, platzte ich schier vor Stolz.

Seit 100 Jahren spielen die Puppen die Hauptrolle

Daran muss ich wieder denken, als mich Barbara Heuberger, die Geschäftsführerin des Salzburger Marionettentheaters, hinter die Kulissen des von der Unesco zum immateriellen Welterbe geadelten Hauses führt. Aber was heißt hier Geschäftsführerin? Die quirlige Frau mit den grauen Haaren und den wachen Augen ist so etwas wie die „Mutter der Kompanie“ und damit auch die „Puppenmutter“.

Barbara Heuberger

Denn natürlich spielen hier die Puppen die Hauptrolle – und das seit über 100 Jahren. Begonnen hat alles mit Mozarts „Bastien und Bastienne“, das der „akademische Bildhauer“ Prof. Anton Aicher im Turnsaal des fürsterzbischöflichen Borromäums inszenierte. 47 Jahre lang war dieser Saal die Heimat der Salzburger Marionetten. Nach dem Krieg und mehreren Umzügen bekamen die Puppen 1971 ein eigenes Theater im ehemaligen Hotel Mirabell. Zur Eröffnung gab es Rossinis „Barbier von Sevilla“. Der großen Oper bleibt das Theater treu, aber auch Schauspiele und Märchen werden inszeniert.

Die Marionetten sind Figuren aus dem Volk

Barbara Heuberger, die nach dem Tod von Gretl Aicher, der Enkelin des Gründers das Traditionstheater übernahm, kennt jede einzelne Marionette. „Wir arbeiten hier mit kleinen Menschlein,“ sagt sie liebevoll. Besonders bei den alten Puppen gerät sie ins Schwärmen: „Sieht die nicht genauso aus wie man sich eine echt intrigante Hofdame vorstellt?“ Auch der Postbote mit dem – vom Alkohol – geröteten Gesicht hat ihre volle Sympathie. „Das sind Figuren aus dem Volk,“ erklärt die Prinzipalin lächelnd, „und manchmal denke ich, wenn ich durch die Straßen von Salzburg gehe, das wäre eine Puppe!“

Alte Puppen halten in Vitrinen Hof

Zehn Spieler lassen die Puppen tanzen

Die Salzburger Marionetten sind große Puppen, viel größer als die Marionetten der Augsburger Puppenkiste. Schließlich ist auch die Bühne größer. Zehn Puppenspieler zwischen Mitte 20 und Anfang 60 lassen in den Inszenierungen die Puppen tanzen. Sie müssen allerdings noch viel mehr können als die Fäden zu ziehen, müssen schreinern, malen, schnitzen und schneidern können. Und das perfekt. Da ist Barbara Heuberger anspruchsvoll. Denn die Puppen müssen heute ja gegen 3-D-Konkurrenz bestehen – mit einem einzigen Gesichtsausdruck, einem „eingefrorenen Moment“, so Heuberger.

Marionetten altern nicht

Ich schaue in fein gearbeitete Gesichter, bewundere die beweglichen Glieder einer Puppe, die noch nicht ganz fertig ist, staune über eine Robe, die ihrer Trägerin beim Wiener Opernball alle Ehre machen würde und grinse über bunte Ringelsocken in seriösem Schuhwerk. Ja, die Salzburger Marionetten sind eine Kunstform für sich. Von Anfang an sollten sie den großen Schauspielern und Sängern Konkurrenz machen und auf einer kleinen Bühne große Kunst zu zeigen. Dabei kommt ihnen zugute, dass sie im Gegensatz zur menschlichen Konkurrenz  nicht altern und ihre Gliedmaßen bei Bedarf ausgetauscht werden können.

Selbst  die  Köpfe können ausgetauscht werden.

Anders als ihr menschliches Vorbild ist die Gliederpuppe Anna Pawlowa „forever young“ und konserviert den zarten Körperbau und die zarten Gesichtszüge der Tänzerin.

Cosima Wagner als Hexe

Dass Perfektion auch skurrile Züge tragen kann, beweist der Theater-Fundus. Barbara Heuberger führt mich die Treppe hinauf in ihre „Schatzkammer“, dorthin, wo die aktuellen Puppen auf ihren Einsatz warten. Die Trapp-Familie zum Beispiel, die seit 2007 „The Sound of Music“ verkörpert, jenes erfolgreiche Broadway-Musical über eine angehende Nonne, die erst Kindermädchen und dann Baronin wird, das bis heute scharenweise amerikanische Touristen nach Salzburg spült. Oder die Puppen für die Humperdinck-Oper „Hänsel und Gretel“.

Hexen  Richard und Cosima Wagner

Doch was macht Cosima Wagner hier? Barbara Heuberger freut sich diebisch über meine Verblüffung. „Schauen Sie genau hin,“ sagt sie: „Wir haben drei Puppen für die Hexe. Cosima Wagner verwandelt sich im Verlauf der Geschichte in Richard Wagner.“ Die Idee dazu hatte Regisseur Hinrich Horstkotte, der auch das Bayreuther Festspielhaus zum Vorbild fürs Hexenhaus nahm. „Spinnen muss man schon,“ kommentiert Heuberger mit unverhohlenem Stolz in der Stimme.

Die Saudis wollten die Trapp-Familie

Fast von Anfang an hat das Salzburger Marionettentheater international Erfolg gehabt, Tourneen führten die Puppen und ihre Strippenzieher in die USA und nach Japan, nach Australien, Südafrika und in den Oman. Auch aus Saudi Arabien kam eine Einladung, verrät die Theaterleiterin. „The Sound oft Music“ sei die erste Wahl gewesen. Aber dann hätten die Saudis nachgefragt, ob man denn das Stück auch ohne Nonnen zeigen könne… Inzwischen habe man sich auf „Peter und der Wolf“ geeinigt.

Das Marionettentheater plagen Geldsorgen

Zehn Jahre geht die Produktion schon erfolgreich über die Bühne. „Da hat sich der Aufwand gelohnt“, sagt Heuberger und seufzt. Denn das Marionettentheater plagen derzeit Geldsorgen.

Selbst die Räuber können bei den Geldsorgen nicht helfen.

Nachdem eine Crowdfunding-Aktion für den „Kleinen Prinzen“ fehl geschlagen ist, hofft die Prinzipalin auf Subventionen durch die Stadt Salzburg. „Wir sind doch heute wichtiger denn je,“ ist sie überzeugt. „Alles ist digital, wir sind analog.“  Künftig sollen Besucher den Puppenspielern bei der Arbeit zuschauen können, um eine Ahnung zu bekommen, wie anstrengend es ist, die Puppen tanzen zu lassen. Der „Offenbach’sche Traum“, den Le Figaro im Salzburger Marionettentheater verwirklicht sah, soll nicht am Geld scheitern.
Das Festprogramm steht schon fest.  Am 26. Dezember stehen „Der Nussknacker“ und „Die Zauberflöte“ auf dem Programm.  Und zu Silvester gibt’s traditionell „Die Fledermaus“.  Auch in der Augsburger Puppenkiste wird’s weihnachtlich: „Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel“   heißt das Stück für Advent und Weihnachten. Ob da wohl auch ein „schön grasendes Schaf“ vorkommt?
Infos im Internet:  www.marionetten.at,

www.augsburger-puppenkiste.de 

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