„Nichts ist unverstehbarer als der Tod“: Zum Tod von Urs Widmer

„Der Tod bleibt der Skandal allen Lebens,“ hat Urs Widmer auch einmal geschrieben. „Nichts ist unverstehbarer als der Tod.“ Dass der Mann mit dem lange Zeit so unverwechselbaren Wuschelkopf und dem Sinn für burleske Komik diesem Unverstehbaren so nahe war, ahnten wohl nur die nächsten Angehörigen. Von einer schweren Krankheit ist in den Nachrufen die Rede. Nach außen hat sich der Autor wohl nichts anmerken lassen. „Heiter und optimistisch“ wirkte er noch im Herbst bei einer Begegnung, so Lena Bopp in der Frankfurter Allgemeinen.
Der Literatur hat sich der 1938 in Basel als Sohn einer depressiven Mutter geborene Widmer erst spät angenähert. Zu groß war der Schatten des Literatur begeisterten Vaters und Böll-Freundes, der selbst gerne einen Roman geschrieben hätte. Der Sohn promovierte 1966 in Basel über deutsche Nachkriegsprosa und zog 1967 als Verlagslektor für Suhrkamp nach Frankfurt, wo er 17 Jahre lang lebte und nach seiner Meinung „erst richtig auf die Welt“ kam.
Der Tod des Vaters war die Geburt des Schriftstellers Urs Widmer. 1968 debütierte er mit der Erzählung „Alois“, die ihn bereits als ebenso originellen wie populären Fabulierer auswies. 30 Prosabände schrieb er, ein Dutzend Theaterstücke, darunter auch das Manager-Stück „Top Dogs“ über die globalisierte Wirtschaftswelt, das kürzlich in Immenstadt zu sehen war. Hinzu kamen zahlreiche Hörspiele, Essays, Märchen und Nacherzählungen der Shakespeare-Dramen.
Urs Widmer war vielseitig wie kaum ein anderer Autor, ein Wortmagier, ein Zeiterforscher und immer auch ein kritischer Beobachter. Auf seiner alten Schreibmaschine entwarf er Wunderwelten, die sich aus der eigenen Biographie nährten getreu seiner Überzeugung: „Die Phantasie ist ein besonders gutes Gedächtnis für die Wirklichkeit“. Vor allem in der Trilogie „Der Geliebte der Mutter“, „Das Buch des Vaters“ und „Ein Leben als Zwerg“ hat sich Widmer aus dem Erfahrungsschatz seiner Familie bedient und dabei nichts und niemanden verschont, so manches grotesk verfremdet und „die vaterländischen Heiligtümer ins Säurebad der Groteske“ (FAZ) getaucht.
Immer aber wollte er mit seinen Büchern auch den Anstoß zur Veränderung geben: „Es genügt nicht, wenn Literatur nur den Ist-Zustand schildert. Sie muss auch utopische Qualitäten haben. Man muss daran erinnern, dass die Welt einmal schön war.“ Wie der Augsburger Bert Brecht war der Schweizer der Meinung, dass Literatur dafür da sei, „auch einmal hinzuschauen“. 2001 erhielt Urs Widmer nach Franz Xaver Kroetz und Robert Gernhardt in Augsburg den Brecht-Preis. Für den Schweizer Schriftsteller, so der damalige Jury-Vorsitzende, sei „Literatur verbunden mit Irritation“.
In einem Interview mit dieser Zeitung nannte Widmer die Begabung der Menschen, „verdrängen zu können, abwehren, wegschauen“ segensreich. „Sonst würden wir nicht überleben können, keine und keiner.“
Urs Widmer hat trotzdem immer hingeschaut. Seine Werke werden ihn überleben.

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