Mal beschaulich, mal futuristisch, mal nostalgisch: Zügig und umweltfreundlich rund um Innsbruck

Wo gibt’s denn sowas? Einen Berg mit Straßenbahnanschluss hat wohl nur Innsbruck zu bieten. Die Tiroler Landeshauptstadt ist buchstäblich obenauf, wenn es um den öffentlichen Nahverkehr geht. Der Bahnhof mit Anschluss ans internationale Schienennetz mittendrin in der Stadt und gleich nebenan die Abfahrt der Stubaitalbahn. Nicht weit vom Zentrum die Standseilbahn der Hungerburgbahn, von Stararchitektin Zaha Hadid spektakulär ins malerische Stadtbild nahe dem berühmten Goldenen Dachl gesetzt. Wer an der Bergstation in die Gondelbahn umsteigt, ist im Nu im hochalpinen Gelände. 

Mit der Stubaitalbahn geht’s etwas langsamer, die signalroten Wagen von Bombardier in Wien fahren mit 40 Stundenkilometern durch die Innenstadt und bewältigen auch mühelos eine Steigung von 40 Promille. Rund eine Stunde muss man bis zum Zielbahnhof Fulpmes rechnen, außer „wenn blöd kemmt“, wie Fahrdienstleiter Johannes Schiestl unkt, „dann steck‘ mer in der Stadt fest“. Heute aber hat das Bähnle, das für den Verkehrsverbund Tirol unterwegs ist, freie Fahrt. Draußen strahlt die Sonne vom makellos blauen Himmel, Innsbruck glänzt und die Wiesen stehen in vollem Saft. Da denkt unsereins gleich sehnsuchtsvoll an die alten Triebwägen, die noch offene Plattformen hatten, wo man sich nicht nur den Wind um die Nase wehen lassen konnte sondern auch den Duft des Sommers in die selbige bekam. „Jo mei“, sagt der Johannes dazu, „ma hot die alte Bahn halt immer wieder umgebaut und präpariert“, bis es nimmer ging. Statt mit Wechselstrom wie ehemals fahren die neumodischen Niederflurtriebwagen heute mit Gleichstrom; aber die alten Wagen sind noch im Einsatz – im Winter als Schneepflug. 
Durch Tunnel fährt die Bahn und über zwei Viadukte, die auf hohen Stelzen Schluchten überbrücken. Auf klobigen Stampfbetonpfeilern steht der erste Viadukt bei Mutters, ein seltenes Stahlgerüst gibt dem Kreither Viadukt Halt. Bei dem Anblick hält es keinen Bahnfan mehr auf seinem Sitz. An den Fenstern drängen sich die Fotografen. Den besten Blick aufs begehrte Fotomotiv freilich hat der Permoser Ernst. Er steuert die Bahn seit 20 Jahren und hat noch immer das Staunen nicht verlernt. „Schaug, is des net schee“, sagt er fast andächtig und blickt mit leuchtenden Augen auf die farbsatten Wiesen, die zartgrünen Lärchen und die schneebedeckten Gipfel. Mitten durch das Naturschutzgebiet Telfser Wiesen fährt die Bahn und der Ernst ist jedes Mal von neuem glücklich bei dem Anblick. Und wenn er kurz darauf eine Ampel auf Rot stellt, fühlt er sich so recht als Herr der Berge: Da, wo die Straße die Schiene kreuzt, hat jetzt die Bahn Vorfahrt. 
In Fulpmes ist Endstation und alles muss raus: Räder, Rucksäcke, Einkaufstüten und natürlich die dazu gehörigen Menschen. Die Stubaitalbahn ist für alle da, für die Urlauber und die Einheimischen, die Wanderer und die Radler. Die Urlauber hätten viele Gründe zu bleiben: 850 Kilometer Wanderwege und ein 720 Kilometer großes Mountainbikenetz erschließen das weite Tal bis hinauf zum Gletscher. Es gibt wilde Wasser, Klettersteige, Hochseilgärten und die Gipfelplattform Top of Tyrol, wo man den Blick über 109 Dreitausender schweifen lassen kann. Man kann aber auch ganz lässig unten bleiben und in einem der schmucken Gasthöfe den Tag versitzen – mit einem schäumenden Bier, einem deftigen Braten und einer schönen Aussicht. 
Schön sind die Aussichten auch mit der Hungerburgbahn, wobei schon die Talstation ein echter Hingucker ist. Zaha Hadids schillernde fast organisch wirkende Konstruktion zieht immer noch viele Blicke auf sich. Das gilt auch für die Bergstation der Bahn, wo weiß-fließendes Glas die Schnee- und Gletscherlandschaft vorweg zu nehmen scheint und mit spektakulären Blickachsen dem Bergpanorama Konkurrenz macht. Welch ein Kontrast zum historischen, unter Denkmalschutz stehenden, Gebäude der Nordkettenseilbahn. Ganz oben auf dem Hafelekar, wo die Schneedecke noch so dick ist, dass nicht einmal ein Krokus heraus spitzelt, scheinen Berge und Tal um Aufmerksamkeit zu buhlen: Schneeweiß glänzen die Gipfel, einer schöner als der andere, in der Ferne lässt sich die Europabrücke ausmachen und fast senkrecht unter der Aussichtsplattform dehnt sich Innsbruck aus, wo die Abendsonne im Häusermeer badet. Jeden Freitagabend kann man sie untergehen sehen, von hier oben – bei einem feinen Essen in der Alpenlounge Seegrube. 
Und dann am nächsten Tag einen Einkaufsbummel durch eine Stadt machen, in der moderne Architektur spannende Kontraste zu historischen Bauten liefert. Eine Stadt, die den Mut hat, das Rathaus in einer Einkaufspassage zu verstecken – den Rathaus Galerien. Die sich traut, über einer Tiefgarage die Berg- und Tal-Welt in Beton nachzubilden und in einem Durchgang eine sensible Kunstinstallation zu zeigen. Seit 2006 blinkt es schon im Sparkassendurchgang auf 47,16°Nord. Die Koordinaten dieses Standorts sind auch der Titel der Lichtinstallation von Peter Sandbichler, bei der ein Computerprogramm aus 1000 Punkten nach dem Zufallsprinzip immer neue Konstellationen generiert. Dass Innsbruck so hip ist und gar nicht mehr dröge, hat es auch dem Andrang von Studenten zu verdanken, die das Alpenstädtchen aufmischen. Und dem „Dagobert von Innsbruck“, Rene Benko
Der 34-jährige Gründer der Signa-Holding, der auch beim Poker um die Kaufhofkette mitmischt, gilt in seiner Heimatstadt als Mann mit dem goldenen Händchen. Und so einer gibt sich nicht mit Peanuts, sprich einzelnen Häusern, zufrieden, sondern krempelt gleich ganze Viertel um. In Innsbruck hat er’s allen mit dem Kaufhaus Tirol gezeigt, für dessen auffällige Rasterfassade Stararchitekt David Chipperfield verantwortlich ist. Das anfangs umstrittene Einkaufsparadies mit über 50 Läden und einer Verkaufsfläche von 33 000 Quadratmetern boomt und hat der ehemals vernachlässigten Gegend neue Aufmerksamkeit beschert. 
Nach so viel Großstadtluft lockt ein Ausflug in die Natur – an den Achensee vielleicht. Weit ist das nicht von der Tiroler Landeshauptstadt aus. Mit dem Zug ist man im Nu in Jenbach, wo auf Bahnliebhaber ein wahres Juwel wartet: Die Achenseebahn, „die weltweit einzige Zahnradbahn mit einem See an der Endstation und die älteste ausschließlich mit Dampf betriebene Zahnradbahn der Welt“, wie Bernhard Marchi stolz verkündet. Der Mann im rosa Poloshirt mit dem Dampflok-Emblem, der mit seinen halblangen schwarzen Haaren ein bisschen wie der junge Pierre Brice als Winnetou aussieht, ist seit 24 Jahren Direktor der Achenseebahn und Vorstand der Aktiengesellschaft. „Irgendwie gehöre ich schon zur Einrichtung“, grinst Marchi und schiebt die schmale Lesebrille in die Haarpracht. Weil ihm die Zukunft der Bahn am Herzen liege, denkt er an Veränderungen. Nötig sei eine Verlängerung der Bahn und die Elektrifizierung, ist er überzeugt: „Wir können so nicht weiter existieren, weil wir’s net mehr derschnaufn.“ Wenn alle Pläne in Erfüllung gehen, könnte der Chef sich auch einen Winterbetrieb nach Schweizer Vorbild vorstellen. Bislang schnauft die Bahn von Ende April bis Ende Oktober vom Bahnhof Jenbach bis an den Achensee – und zurück. Während der Winterpause werden die Loks in ihre Einzelteile zerlegt und sorgfältig wieder zusammengebaut. Danach müssen sie sich auf der Berg- und Tal-Strecke bewähren. Bis zum Bahnhof Eben schiebt die Dampflok die Waggons, von da an geht’s bergab und die Lok setzt sich an die Spitze. 
Martin Kleinheinz kennt das schon. Seit sieben Jahren ist der Mann mit dem spitzbübischen Lächeln und der feschen Schildmütze Schaffner in der Achenseebahn und seither ist für ihn „jeder Tag ein neues Abenteuer“. Weil die Waggons keine Verbindung miteinander haben, hangelt sich Kleinhans von Fenster zu Fenster, um die Karten abzuknipsen – immer einen Scherz auf den Lippen, oder eine Information. Dass auf der Fahrt 320 Kilogramm Kohle verheizt werden, dreieinhalb Kilo pro Fahrgast etwa. Dass die Bahn 122 Jahre alt ist und 18 Prozent Gefälle bewältigen muss. Kurz vor der Endstation Achensee rattert und knattert es, dicke graue Dampfwolken hüllen die Bäume am Wegrand ein, zwischen den Rädern der schwarzen Lok quillt zaghaft ein weißes Wölkchen. Den Martin freut’s: „Da hat ein jeder das Gefühl, dass die Bahn lebt“, sagt er und schiebt zufrieden die Schaffnermütze in den Nacken. 
Jetzt böte sich noch eine Fahrt mit der Achensee Schifffahrt an – über den karibikgrünen See mit Blick auf die Karwendelspitzen, die schon Kaiser Maximilian I. begeistert haben. Der war der erste Tourist am Achensee, „er kam mit großem Gefolge und 30 Zillen“, erzählt Daniela Neuhauser, blond und beredt. Die junge Frau ist Kapitänin, die bisher erste und einzige in Tirol. Warum sie sich als Frau in eine Männerdomäne gewagt hat? Daniela lacht. „Schifffahrt ist eine Leidenschaft“, sagt sie und dass es „wahrlich grässlicher Arbeitsplätze“ gäbe als den ihren. „Des Gewässer lässt di nimmer los“, ist sie überzeugt. Immerhin habe sie auch ihren ersten Liebeskummer im Achensee ertränkt. 
Sie war nicht die einzige. Viele Sagen ranken sich um den See, der wie ein funkelnder Jadestein inmitten der Berge liegt. Auch die von der deutschen Adligen, die sich einstmals in den „schwarzen Hans“ von der Gaisalm verliebt habe. Weil die unstandesgemäße Liaison für böses Blut sorgte, habe sie kurzerhand am Tegernsee eine Landwirtschaft erworben und ihren Geliebten dort als Verwalter eingesetzt. „So konnte sie ihr Leben lang glücklich mit ihm sein“ schließt Daniela und klingt überaus zufrieden. 
An der Anlegestelle Gaisalm steigen die meisten Passagiere aus. Lebende Geißen gibt’s hier schon lange keine mehr – „die würden von den Touristen zu Tode gefüttert“ (Daniela) – dafür erwartet die Gäste ein Geißbock aus Holz. Und natürlich gibt’s Bodenständiges zu essen. Allerdings kaum Fische aus dem Achensee. „Für die“, hat Daniela erklärt, „ist das Wasser im See einfach zu sauber.“ 


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