Hamburg: Von der Elphi zum Elbstrand

Hamburg, große Freiheit, Tor zur Welt. Rund 8000 Seeschiffe aus aller Welt laufen jährlich den zweitgrößten Hafen Europas an. Am nächsten kommt man ihm auf dem Wasser, bei einer Barkassenrundfahrt.

Vorbei an den Museumsschiffen Cap San Diego und Rickmer Rickmers, die an den Landungsbrücken liegen und womöglich auch an dem einen oder anderen Kreuzfahrtriesen führt die Fahrt zum Containerhafen. 85 Millionen Tonnen Waren werden von hier aus jährlich verschifft, erfahren wir da, während wir zu einem Frachter hochschaut, auf dem sich Container zu einem Hochhaus stapeln. Auch dass Hamburg nach Rotterdam Europas zweitgrößter Hafen ist. Gigantische Kräne helfen beim Be- und Entladen der riesigen Containerschiffe. Da kommt man sich schon ziemlich klein vor.

Die Elphi und der Michel

Groß denkt man in Hamburg auch in der  HafenCity, der größten innerstädtischen Baustelle Europas – ein ambitioniertes Städtebauprojekt, das bis 2030 Hamburgs Zentrum um 40 Prozent vergrößern soll.

Die unterschiedlichsten Architekten konnten und können hier in zehn Quartieren ihre Visionen verwirklichen. So aufsehenerregend wie das bekannteste Bauwerk des Stadtteils ist allerdings keiner der neuen Wohntürme. Die 866 Millionen teure Elbphilharmonie im Quartier Sandtorkai/Dalmannkai erinnert mit ihrer schimmernden Fassade an Wasserwellen. Nach den Plänen der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron wurde die Glasfassade auf den historischen Kaispeicher A gesetzt.


Als Wahrzeichen macht das von den Hamburgern liebevoll „Elphi“ genannte Konzerthaus dem Hamburger Michel, der St. Michaelis Kirche,  Konkurrenz. Nur nicht in der Höhe, der Kirchturm überragt mit seinen 132 Metern die 110 Meter hohe Elbphilharmonie deutlich.

Die Peking im Hansa Hafen

An einem neuen Wahrzeichen wird immer noch gearbeitet: Die Viermastbark Peking soll Aushängeschild des neuen Hafenmuseums werden, nachdem sie nach einigen Irrfahrten wieder zurück nach Hamburg geholt werden konnte. Noch freilich liegt sie etwas abseits im Hansa Hafen. Das Schiff mit seinen imposanten über 50 Meter hohen gelben Masten wurde in der Peters Werft in Wewelsfleth fachmännisch restauriert, wobei der Originalrumpf erhalten bleiben konnte, wie Wolfgang Lämmler bei der Führung durch das historische Schiff betont. Der 76-jährige mit dem Seebär-Image ist einer von 40 Freunden der Peking und einer von zwölf ehrenamtlichen Museumsschiff-Führern.

Rettung in letzter Minute

Fasziniert hat den studierten Chemiker auch die Geschichte der Peking, die zu den P-Linern der Hamburger Reederei F. Laisz gehörte. 111 Jahre hat der legendäre Großsegler auf dem Buckel, und eigentlich stand er in New York kurz vor der Verschrottung. Segler-Freund Lämmler ist immer noch schockiert, wenn er daran denkt. Die Rettung kam mit der Idee eines neuen Deutschen Hafenmuseums in Hamburg, für die der Bund 120 Millionen Euro zur Verfügung stellt. In die Rückholung und Restaurierung der Peking flossen davon 26 Millionen. Gut investiert findet Lämmler das Geld, schließlich stehe der Windjammer, der in der Hamburger Werft Blohm & Voss gebaut und als Frachtschiff für den Salpeterhandel mit Chile eingesetzt wurde, für ein Stück Hamburger Hafengeschichte.

Eine haarige Geschichte

Peking habe die „Peking“ nie gesehen, stellt der Hobby-Historiker klar. Das P im Namen der Viermaster – auch die Padua, heute als russisches Schulschiff Krusenstern auf den Meeren gehört dazu – hat eine haarige Geschichte. Reeder Ferdinand Laeisz benannte die neuen Segler nach seiner Frau Sophie, die wegen ihrer Lockenpracht den Spitznamen Pudel trug. Im Volksmund hießen die erfolgreichen Viermaster deshalb  einfach „Pudel-Schiffe“. Wegen ihrer intelligenten Bauweise sowie fähigen Kapitänen und handverlesenen Mannschaften waren sie wohl anderen Transportschiffen immer eine Nasenlänge voraus.

Steinway-Klavier gegen Salpetersack

Bei der Baustellenbesichtigung bewundern wir den 3,5 Tonnen schweren Anker, der dank schlauer Mechanismen von nur einer Person bewegt werden konnte. Und wir hören mit Staunen, dass im Bauch des Viermasters 64 000 Salpeter-Säcke für die Rückfahrt von Chile gestapelt werden konnten. Auf der Hinfahrt wurden Kräne und anderes Baugerät transportiert und auch das eine oder andere Steinway Klavier.

Kein Luxusleben  an Bord

Für die zwölf Matrosen war das Leben an Bord dennoch kein Zuckerschlecken, gibt Lämmler zu bedenken. Auch wenn Schweine und Hühner mitfuhren, um die Nahrung zu bereichern. Es gab keine Heizung an Bord, nur ein paar Kohleöfen. Auch an Wasser wurde gespart, nur die Offiziere hatten eine Badewanne. Trotzdem sei die Peking bei den Matrosen beliebt gewesen. Nicht weil es Spaß machte, auf ihr zu arbeiten, sondern weil man viel lernen konnte.

Schicksal als Schulschiff

Viel lernen sollen auch die Besucher bei den Baustellenführungen. Über die Geschichte der P-Liner im allgemeinen und die der Peking im besonderen. Denn bis sie zurück nach Hamburg kam, musste sie einige Umwege in Kauf nehmen. Im ersten Weltkrieg wurde sie in Chile interniert und 1921 als Kompensation für die Kriegsschäden an Italien übergeben. Zwei Jahre später konnte Ferdinand Laeisz das Schiff zurückkaufen und wieder für den Salpeter-Transport einsetzen. Doch der Preisverfall als Folge der Weltwirtschaftskrise zwang ihn zum Verkauf. Die Peking ging nach England und wurde zum Schulschiff umgebaut, später nutzte sie die Royal Navy als Unterkunft. 1974 wurde der Windjammer nach einer Versteigerung nach New York geschleppt und im South Street Seaport Museum zur Schau gestellt. 2017 gelang schließlich die Heimholung nach Hamburg.

Never ending story

Und wann ist die Restaurierung beendet? Wolfgang Lämmler grinst in seinen grauen Bart. Die Peking in den Originalzustand zu versetzen wie geplant werde dauern. „Das ist wohl eine never ending story“. Und dann zeigt er noch „den einzigen wirklichen Luxus“ auf der Peking – das in einem kunstvoll verzierten Häuschen versteckte Oberlicht für die Kapitäns-Kajüte.

Mit dem Radl da

Jaja, die Kapitäne. Die waren schon wer in den alten Zeiten. Das sieht man in Ovelgönne, wo die schönsten Kapitänshäuser stehen. Am besten kommt man da mit dem Rad hin. Das hat sich auch Lars Michaelsen – Strubbelhaare, Bart – gedacht und einen Radverleih in Sankt Pauli eröffnet. Auf die Idee sei er vor Jahren gekommen, als er in Berlin seine Eltern zu einer Radtour eingeladen hat, erzählt der Diplomingenieur. 2009 hat er mit 30 Rädern in einer „heruntergekommenen Hinterhofklitsche“ angefangen. Nachdem das Haus abgerissen worden war, zog er mit den Rädern in das jetzige Domizil – „sicher eines der ungewöhnlichsten“, wie er augenzwinkernd meint.

Die Nachbarn von St. Pauli

Immerhin stehen die inzwischen 150 Räder die meiste Zeit im Keller und müssen die Treppe hoch getragen werden. Für einige gibt es Platz auf dem Bürgersteig und auf der Straße. Umziehen will der Chef von fünf Mitarbeitern, der schon mal selbst zum Besen greift, um den Bürgersteig zu fegen, nicht. Sie alle schätzten die nette Nachbarschaft in Sankt Pauli, sagt Michaelsen, der die 19 Kilometer von seinem Zuhause zum Radverleih auch mit dem Rad fährt.

Durststrecke zu Corona-Zeiten

Über Mangel an Kunden kann er sich derzeit nicht beklagen. Ein Gruppe kommt zur geführten Radtour. Zwei Frauen wollen die Gegend auf eigene Faust mit Leihrädern erkunden. Und unser Grüppchen hat sich derweil schon mit den Rädern vertraut gemacht. „Nach Corona ging‘s mit Vollgas wieder los“, freut sich Michaelson. Allerdings habe er eine insgesamt neunmonatige Durststrecke überstehen müssen. Da sei er dankbar gewesen für die Möglichkeit der Kurzarbeit und die Corona-Hilfen.

Immer der Elbe entlang

Backy Poll – blond, Sonnenbrille und Baseballcap – gehört zum festen Mitarbeiterstamm. Der 36-Jährige begleitet uns auf der Tour entlang der Elbe. Zuerst geht‘s runter zum Fischmarkt, der immer nur sonntags von 4.30 bis 9.30 Uhr geöffnet hat und jetzt gerade schließt.

Warum das so ist? „Die Fischer sollten mit dem Verkauf fertig sein, bevor die Messe begann“, weiß Backy.
Er sitzt ganz lässig auf seinem Drahtesel, dreht sich immer wieder zur Gruppe um, um zu erklären, was am Wegrand zu sehen ist: Der Kreuzfahrtterminal etwa oder das spektakulär schräge Dockland-Gebäude, das entfernt an einen Schiffsbug erinnert. Und dann eben die weißen Kapitänsvillen von Övelgönne.  Die Elbe weist uns den Weg.

Maritimes Flair am Elbstrand

Entlang dem Elbstrand ist er schmal, Radfahrer müssen hier schieben und trotzdem wird‘s eng. Viele Spaziergänger sind unterwegs, zu zweit, mit Kindern oder auch mit Hunden. Am Strand sitzen ganze Familien im Sand. Von hier aus kann man dem Treiben im Hamburger Hafen zuschauen, wo sieben Tage die Woche gearbeitet wird, rund um die Uhr. Backy schätzt das maritime Flair des Elbstrands. Vor allem bei Sonnenuntergang sei es hier so richtig entspannend, wenn man mit einem Drink in der Hand auf die gigantischen Kräne und die Container-Hochhäuser im Hafen blicke und sich vorstelle, woher und wohin diese Pötte mit ihrer Fracht unterwegs sind.

 

 Kurz informiert

Anreisen. Mit dem Zug entweder zum Hamburger Hauptbahnhof oder nach Hamburg Altona. Von da mit der U-Bahn in die Stadt.
Wohnen. Hamburg hat Hotels für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel. Schön gelegen und voller Seemannsgeschichten ist etwa das Hotel Hafen Hamburg oberhalb der Landungsbrücken. DZ ab 92 Euro: www.hotel-hafen-hamburg.de
Günstig gelegen in Hafennähe liegt das Motel One Michel. DZ ab 123 Euro: www.motel-one.com/de/Hotels/Hamburg
Essen & Trinken. Fein und mit schönstem Ausblick speist man im Störtebeker in der Elbphilharmonie: www.stoertebeker-eph.com/stortebeker-elbphilharmonie
Direkt am Jungfernstieg mit Blick auf die Alster kann man im Vlet Kichen & Bar hervorragend essen: https://vlet.de
Anschauen. Die Peking kann man vorerst nur bei Baustellenbesichtigungen (Anmeldung nötig) oder von Land aus inspizieren: Australiastraße Schuppen 51a, 20457 Hamburg
Um auf die Plaza in der Elbphilharmonie zu gelangen, braucht man ein – kostenloses – Ticket.


Eine Barkassenrundfahrt im Hamburger Hafen bietet der Barkassenbetrieb Bülow an. Die einstündige Hafenrundfahrt gibt es ab 9 Euro: www.barkassenvermietung-hamburg.com/
Hamburg City Cycles, Bernhard-Nocht-Str. 89, bietet Leihräder (vier Stunden ab 5 Euro) ebenso an wie geführte Radtouren. Die rund dreistündige Tour entlang der Elbe kostet für eine Gruppe von bis zu neun Personen 297 Euro: www.hhcitycycles.de
Im Miniaturwunderland ist nicht nur die größte Modelleisenbahn der Welt zu sehen, hier kann man auch virtuell auf Tour gehen. Eintritt 20 Euro + 10 Euro für zehn Minuten virtuelles Erlebnis (Walking in Wonderland): www.miniatur-wunderland.de


HamburgCard. Neben der freien Fahrt mit Bussen, Bahnen und Hafenfähren bietet die Hamburg Card auch Ermäßigungen bis zu 50 Prozent bei vielen Attraktionen, für einen Tag kostet sie 10,90 Euro: www.hamburg-tourism.de/buchen/hamburg-card/hamburg-card-partner/
Informieren. Hamburg Tourismus GmbH, Wexstr. 7, 20355 Hamburg, Tel. 040/30051701, www.hamburg-tourism.de

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