Ägypten: Land im Umbruch

Blicke ich rechts aus dem Fenster, sehe ich einen Alten in schmutziggrauer Galabia auf einem dürren Esel vor dem Nilkanal, schaue ich nach links, schiebt sich ein Schwertransporter ins Bild, hinter dem sich die Autos stauen. Zwei Bilder, ein Land: Ägypten. Ein Land der Gegensätze, in dem die Vergangenheit neben der Zukunft existiert so wie der Eselkarren neben dem Auto, die Galabia neben dem Anzug, die Feluke neben dem Kreuzfahrtschiff.

In Kairo haben die Wahlen begonnen, immer noch versammeln sich
Zehntausende auf dem Tahrir-Platz, Bilder von aufgebrachten
Demonstranten gehen um die Welt.
Auf dem Nil ist von diesen Unruhen
nichts zu spüren. Gleichmütig strömt Ägyptens Lebensader dahin wie seit
Jahrtausenden. Auf dem Schiff zieht die Landschaft vorbei wie ein
Historienfilm. Fast biblisch muten die Szenen an: Ochs und Esel vor
einem Lehmstall unter Palmen, Wasserbüffel am Ufer, Männer in
bodenlangen Galabias, vereinzelt Frauen mit langen Tüchern über dem
Kopf. Am Abend ziehen Vogelschwärme über einen blassblauen Himmel, auf
dem rosarote Wolken wogen. Später stehen die Palmen wie Scherenschnitte
vor einem dunkelroten Horizont. Am Ufer flammen Feuer auf, die Lichter
der Ortschaften zerfließen im nächtlichen Nil wie die Spiegelbilder der
angestrahlten Tempel.
300 Schiffe fahren auf dem Nil, viele sind nur schwach belegt, einige
liegen derzeit still. Auf den menschenleeren Schiffen steckt die
Mannschaft die Köpfe zusammen, die Fernseher in der ungenutzten Lobby
sind umlagert. Die Männer diskutieren lautstark. Was sie wohl denken?
Mahmoud, studierter Germanist und Ägyptologe, ahnt es: „Die Menschen
wissen seit der Revolution, dass es anderes gibt als eine Diktatur. Wir
können nicht mehr zurück.“ Der 40-jährige Reiseführer und Vater von zwei
Kindern ist ein besonnener Mann. Trotzdem war auch er auf dem
Tahrir-Platz
um zu demonstrieren. Zu groß sind seiner Meinung nach die
sozialen Unterschiede im Land. Zu klein die Chancen für den Großteil der
Ägypter. „Wir wollen eine bessere Zukunft für unsere Kinder“, sagt
Mahmoud und hofft, dass Ägypten in fünf oder zehn Jahren anders sein
werde als jetzt. Ein Land, in dem jeder frei seine Meinung sagen könne.
Doch der rundliche Ägypter ist auch Realist. „Es kann sein, dass uns
bittere Jahre bevorstehen“, sagt er leise. Unter einem Sieg der
Moslembrüder könnte der Tourismus leiden, der jetzt schon Einbrüche von
über 60 Prozent hinnehmen muss.
Die Erfolgsaussichten der Moslembrüder schätzt auch Mohammed Kamal, der
Schiffsmanager, hoch ein. Sorgen macht er sich dennoch keine. „Die
Moslembrüder werden eine gemäßigte islamische Politik betreiben, die den
Tourismus nicht beeinträchtigt“, ist er überzeugt. Denn was wäre das
Land am Nil ohne den Tourismus? Ägypten erwirtschaftet 20 Prozent
seiner Devisen im Tourismus. Rund zwölf Millionen Menschen leben direkt
oder indirekt von der Reisebranche. Sie alle leiden zurzeit, weil die
Touristen
das Land meiden. An der Anlegestelle von Edfu stehen sich die
Kutscher die Füße in den Leib; in Philae sind viele der Souvenirstände
verrammelt, vor den wenigen, die geöffnet haben, langweilen sich die
Verkäufer. An der Schleuse von Esna werfen verzweifelte Händler ihre
Ware auf die Schiffe, um doch noch etwas loszuschlagen.
Wir erleben
Luxor zum Sonnenuntergang fast menschenleer, haben Zeit, die
farbenfrohen Reliefs in den Königsgräbern in Ruhe zu betrachten, können
den Horus-Tempel in Edfu fotografieren, ohne dass Besucherscharen
dazwischen gehen. Wer Ägyptens Pharaonen nahe kommen will, sollte jetzt
nach Ägypten reisen – ohne Angst. Luxor ist 700 Kilometer von Kairo
entfernt.
Mohamed Nassar freut sich über jeden Touristen, der jetzt in seine
Heimat kommt. Der 55-Jährige ist Kapitän auf unserem Schiff und er hat
„den Nil im Blut“. Schon seine Vorfahren fuhren auf dem Fluss. Der Nil
ist Mohammeds Existenz, sein Leben. Ohne sein Einkommen würde seine
Familie darben. So wie die Familien der Händler, die ihre Souvenirs
nicht mehr verkaufen können, der Hotelangestellten und der
Fremdenführer, die mangels Touristen arbeitslos sind und der
Schiffsmannschaften, die sich um die wenigen Gäste reißen. Ahmed, der
Kellner mit dem Gesicht eines Filmstars, ist einer von ihnen. „Ich bin
so glücklich über den arabischen Frühling“, erzählt er, „aber auch so
traurig darüber, was jetzt geschieht“. Die Leute würden manipuliert,
argwöhnt Ahmed. Ägypten werde zum Spielball konkurrierender Mächte, die
ihr Süppchen kochten ohne Rücksicht auf das Volk: „Es könnte sein, dass
sie alles kaputt machen.“
Ahmed und Mahmoud haben Glück. Noch sichert der Tourismus ihr Einkommen.
Und mit Trinkgeldern verdienen sie mehr als ein Lehrer, der sich mit
1000 bis 2000 Pfund (120 bis 240 Euro) bescheiden muss. Die Einführung
eines Mindestlohns von 1200 Pfund (150 Euro) ist eine der Forderungen
der Revolution. Die meisten Arbeiter bekommen grade einmal die Hälfte.
Für sie ist es kein Trost, dass Benzin mit einem Literpreis von zwei
Pfund (0,25 Euro) konkurrenzlos billig ist, billiger als Wasser. Für
einen Liter Milch müssen sie zehn Pfund (1,20 Euro) hinlegen, soviel wie
bei uns. Nur das staatlich hochsubventionierte Brot gibt’s beinahe
gratis.
In Assuan ist gerade das Brot-Auto vorgefahren, die Fladen stapeln sich
im Pickup. Frauen mit Kopftüchern und Männer in der Galabia drängen sich
um den Wagen. Zwei Straßen weiter verlieren sich ein paar Touristen im
Basar, Trauben von Mädchen in der blauen Schuluniform mit weißen
Kopftüchern schlendern durch die Gasse, Gruppen von coolen Jungs in
Jeans und T-Shirts mit griffbereitem Handy. Alte Männer rauchen Shisha
im Kaffeehaus, eine alte Frau hockt auf dem Boden, um sich herum die
Früchte ihrer Arbeit: Tomaten, Karotten, Salat. Kaum jemand kauft etwas.
„Das Leben hier wird immer teurer“, klagt Mahmoud. „Was bekommt man
heute schon für zehn Pfund?“ Drei Mal soviel kostet der Eintritt in den
Tempel von Kom Ombo, fünf Mal soviel der Eintritt in den Tempel von
Luxor
, acht Mal soviel das Tal der Könige. Wer das alles zahlen kann,
muss Geld haben, glauben die Händler und wundern sich, warum die
Touristen beim Kauf der Souvenirs um jedes Pfund feilschen.
„Alles ein Euro“, lockt ein Verkäufer im Basar vor dem Tempel der
Hadshepsut
– die schwarze Katze, das T-Shirt, der Sonnenhut, das Tuch,
die Nilkarte? Der Mann lacht zahnlückig. Er habe da ein besonders
schönes Stück, etwas teurer zwar, aber beste Qualität, garantiert aus
Ägypten,  "not made in China“. Dann wird gehandelt, am Ende sind wir um
zehn Euro ärmer und um einen Skarabäus und eine Erfahrung reicher.

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