My big fat Indonesian wedding

Die indonesische Hochzeit ist inzwischen zehn Jahre her,  aber unvergesslich.  Ich hatte schon vorher eine enge Beziehung zur indonesischen Inselwelt. Mein Onkel hatte 20 Jahre auf Java und Bali verbracht – und Bali wurde für mich zum Traumziel. Und mein Sohn Florian fand auf Java seine Traumfrau.  Zur Hochzeit flogen wir mit Florians Bruder Simon, dessen Freundin Lina und Florians Freund Dominik nach Yogyakarta, wo wir von Freunden des Paares touristische betreut wurden, bis uns die Familie abholte. Mit dem, was uns dann erwartete, hatten wir allerdings nicht gerechnet.

Fernblick mit Merati

Unendliche Gratulationscour

Spätestens beim 400. Gast, der mir seine Glückwünsche zur Hochzeit meines Sohnes Florian ausspricht – auf Indonesisch natürlich – ist das eingeübte Lächeln eingefroren, so dass ich Angst bekomme, ich würde es gar nicht mehr loswerden. Aber das ist auch gut so, denn noch stehen mir weitere 400 Gäste bevor, die alle der Schwiegermutter der Braut die Hand geben wollen – nicht schütteln, das macht man nicht auf Java. Ich muss die wie im Gebet gefalteten Hände der Gratulanten mit beiden Händen umfassen und dann meine rechte Hand aufs Herz legen. Ganz schön anstrengend.

Die Mutter des Bräutigams

Auch die europäischen Gäste werden grün eingekleidet.

Aber gar nichts gegen die Vorbereitungen zu dieser Hochzeit, die meine javanische Schwiegertochter Mia mir in grandiosem Understatement als „traditionell indonesische Feier“ angekündigt hat. Mit althergebrachten Ritualen und in traditioneller Kleidung. Das klang gut, interessant auf alle Fälle. Wer hat schon die Gelegenheit, so eine  indonesische Hochzeit mit zu erleben – nicht als Zuschauer, sondern als eine Hauptpersonen? Denn das bin ich als Mutter des Bräutigams ohne Zweifel. Meine journalistische Neugier war geweckt. Und natürlich wollte ich Florian auch ein unvergessliches Erlebnis gönnen. Ich sagte also zu allem ja und ahnte nicht, was das für Folgen haben sollte.

Drei Zeremonien in zwei Tagen

Alles im grünen Bereich: Vorbereitungen auf den ersten Akt.

Dass meine Antwort auf Mias scheinbar harmlose Frage nach meiner Lieblingsfarbe dazu führen würde, dass rund 100 Familienangehörige zum Fest in grün erscheinen, hätte ich mir ebenso wenig träumen lassen wie den Aufwand, den die Familie der Braut im Vorfeld der Festivitäten betrieben hatte. Von den drei Zeremonien, die Mia und Florian in zwei Tagen zu absolvieren haben, finden zwei im Haus der Eltern statt – im „kleinen Kreis“ mit rund 100 Angehörigen, Nachbarn und Freunden. Der graue Innenhof ist unter üppigen Blumenarrangements und grün-weißen Tüchern verschwunden, als wir  vorfahren. Geraune empfängt uns, Kinder kichern hinter vorgehaltener Hand, neugierige Blicke folgen uns, den exotischen Fremden mit der weißen Hautfarbe und den sandfarbenen Haaren.

Selbst mein Gesicht wird „eingekleidet“

Mias Eltern bitten uns ins Hinterzimmer – zum Umkleiden und Schminken. Bei Claus geht das relativ unkompliziert: Einer der Helfer wickelt ihn in ein golddurchwirktes Tuch, den Sarong, und bindet eine breite schwarze Schärpe darüber. Eine kurze schwarze Jacke und eine javanische Kopfbedeckung machen den Aufzug perfekt. Bei mir dauert das alles länger, weil auch mein Gesicht „eingekleidet“ wird. Eine javanische Matrone wartet schon mit einem gigantischen Make-up-Koffer. Sie bearbeitet mein Gesicht flächendeckend mit Schwamm und Pinsel und als ich nach gefühlten zwei Stunden in den Spiegel blicke, schaut mich eine Fremde an.

Simon muss sich nicht verkleiden. Ich fühle mich ganz anders.

Ich bin nicht wieder zu erkennen

Doch ich bin noch lange nicht fertig. Die Frau macht sich über meine Haare her, toupiert sie rund ums Gesicht bis ich aussehe wie Angela Davies zu besten Afrolook-Zeiten. Dann kämmt meine „Maskenbildnerin“ drüber und verpasst mir eine Art Helm-Frisur, die noch ordentlich eingesprüht wird, so dass sie fest sitzt wie weiland bei Maggie Thatcher. Jetzt erkennt auch Claus mich kaum wieder und Sohn Simon macht große Augen. So aufgetakelt hat er seine Mutter noch nie gesehen.

Wir sind aufgeregt wie kleine Kinder beim Krippenspiel

Wir werden zu Stühlen komplimentiert, auf denen ich mich in fühle wie im Zahnarzt-Wartezimmer kurz vor einer Wurzelbehandlung. Florian und Mia verschwinden im Inneren des Hauses und kommen wieder in bedrucktes Leinen gehüllt, Florian mit nacktem Oberkörper, beide mit kunstvoll geflochtenen Blütenkränzen behängt. Zuerst führen Mias Eltern ihre Tochter zur Zeremonie. Claus und ich bekommen davon kaum etwas mit, sind aufgeregt wie kleine Kinder vor dem Krippenspiel. Dann sind wir an der Reihe, unseren Sohn in den Kreis der Wartenden zu führen – „ganz langsam, einen Fuß vor den anderen“, mahnt Florian und drückt den Rücken durch.

Wir machen den Sohn zum Mann

So gründlich habe ich meinen Sohn nur als Baby gewaschen.

Mir steigen die Tränen in die Augen. Jetzt wird’s ernst. Ich muss mein Kind loslassen, abgeben in ein anderes, fremdes Leben. Wir setzen Flo auf eine Art Thron und stellen uns daneben auf. Ich habe Lampenfieber wie eine Schauspielanfängerin beim Vorsprechen. Überall klicken Fotoapparate, ein Indonesier hält mit der Filmkamera jede Aktion fest. Ohne die „Zeremonienmeisterin“ würden wir unseren Auftritt vermasseln, auch wenn sich uns die Symbolik ganz ohne Übersetzung erschließt. Waschen, Haare schneiden, Füttern: Wir machen unser Kind zum Mann und stellen ihn auf eigene Füße. Am Ende wird der tropfnasse Bräutigam in einen blauen Bademantel gehüllt und der Vater vergräbt die abgeschnittenen Haare im Hof. Ende des ersten Akts. Jetzt wird gegessen und viel gelacht – auch ohne Alkohol.

Wo sind die Eheringe?

Vor dem zweiten Akt am nächsten Vormittag wird unsere Geduld auf eine harte Probe gestellt. Florian findet die Eheringe nicht und bringt damit seinen Schwiegervater zur Verzweiflung. Simon bricht sich beim Fußball mit Mias Bruder und dessen Freunden die rechte Hand an und muss erst mal ins Krankenhaus, wo er eine Armschlinge verpasst bekommt. Schließlich finden sich auch die Eheringe wieder und der offiziellen Trauung steht nichts mehr im Weg.

Da sind sie ja, die Ringe!

Auch die Hoffotografen sind schon da

Claus hat für die indonesische Hochzeit extra den guten Anzug eingepackt und zur Feier des Tages sogar eine Krawatte umgebunden. Ich darf – mit langem Rock und langärmeliger Bluse – ausnahmsweise mal ich sein, ungeschminkt. Im Haus von Mias Eltern ist alles bereit. Die Hoffotografen sind auch schon da. Mia sieht schön aus mit der weißen Festtagsbluse (Kebaya) und den weißen Blüten im schwarzen Haarturm. Flo mit der islamischen Kappe auf dem blonden Haar wirkt steif, sein Lächeln wie eingemeißelt. Die Zeremonie mit Eheversprechen, Treueschwur, Ringtausch – der Mullah singt auch eine Sure aus dem Koran – ist relativ schnell vorbei. Dann wird unterschrieben und beide erbitten den Segen der Eltern.

Tränen und Lächeln

Ungewohnt und anrührend: Mia und Flo auf Knien.

Als Mia mir verspricht, eine gute Tochter und Flo eine gute Frau zu sein, übermannt mich die Rührung und ich kann die verflixten Tränen nicht zurück halten. Claus schluchzt hemmungslos. Das Ganze geht auch ihm sehr nahe, näher als er zugibt. Doch die Spannung löst sich schnell. Beim obligatorischen Essen wird Simon von besorgten jungen Männern umringt. Sein Malheur hatte sich schnell rumgesprochen und alle wollen wissen, wie es seiner Hand geht. Wir sitzen noch mit den Eltern und dem frisch getrauten Paar im Wohnzimmer und machen artig Konversation. Der Papa lächelt, die Mama tischt Kuchen auf. Ich krame meinen indonesischen Wortschatz zusammen und lächle zurück.

Die Drachenfrau im Spiegel

Die Drachenfrau zwischen Lina und Claus.

Dann wird’s ernst. Das große Hochzeitsfest im Hotel kündigt sich mit einem gewaltigen Regenguss an. Ich bin tropfnass, bis ich in die zur Garderobe umgewandelten Hotelzimmer komme. Ein „Lady-Boy“ macht sich umgehend über mein Gesicht her, das er wie leere Leinwand bearbeitet. Schicht um Schicht trägt er Farbe auf und ich werde das Gefühl nicht los, unter all der Schminke zu verschwinden. Dicke schwarze Augenbrauen wölben sich über wild geschminkten Augen mit falschen Wimpern. Meine Haare werden hochtoupiert, aus dem Gesicht gekämmt und mit Haarteilen zu einer Geisha-Frisur aufgetürmt, die mit einem Blütenkranz gekrönt wird. Das grüne Oberteil lässt sich schnüren wie ein Mieder. Zwei Frauen pressen mich hinein und wickeln mir dann den breiten Gürtel so fest um die Taille, dass ich kaum Luft bekomme. Der Sarong lässt nur Tippelschritte zu. Aus dem Spiegel schaut mir eine grün gewandete Matrone entgegen mit dem Gesicht einer Drachenfrau.

Bollywood lässt grüßen

Meinem Ehemann, der mit dem Dolch im Gewande und der golddurchwirkten Kappe wie ein Pascha aussieht, steht das Entsetzen über meinen Anblick ins Gesicht geschrieben. Es hilft alles nichts. Da müssen wir jetzt durch.
Bei Mia hat die Verwandlung noch länger gedauert. Aber das Ergebnis kann sich sehen lassen. Das Mädchen ist schön wie eine balinesische Göttin. Neben ihr Flo, geschminkt wie ein Filmstar und stolz wie ein Maharaja. Bollywood lässt grüßen.
Vorhang auf für den dritten Akt. Der Regen hört so plötzlich auf als hätte ihn ein Regisseur abgedreht. Die Hotelangestellten schieben mit großen Wischmöppen das Wasser vom Platz. Die indonesische Hochzeit kann beginnen. Wir sitzen unter einem über und über mit Blumen geschmückten Baldachin wie auf einer Bühne. Die Fotografen und Filmer stehen schon bereit. Wieder wird lange geredet, werden Suren gesungen und zitiert. Wir verstehen nichts bis auf ein paar englische Brocken, mit denen uns einer der Männer im indonesischen Familienverbund willkommen heißt.

 Sie füttert ihn,  er gibt ihr zu trinken

Wieder werden Rituale absolviert: Die Braut wäscht ihrem Mann die Füße. Er schüttet Reis in ein Tuch, das sie auf ihrem Schoß hält. Sie füttert ihn, er gibt ihr zu trinken. Und wie am Vormittag erbitten beide den Segen der Eltern. Diesmal überstehen wir das Ganze ohne Tränen. Zwei bildschöne Mädchen tanzen einen traditionellen Begrüßungstanz, ein Gamelan-Orchester spielt auf, zwei Sängerinnen schluchzen ins Mikrofon. Den Liebestanz bekommen wir kaum mehr mit, weil ein scheinbar endloser Strom an Gästen an uns vorbei defiliert. Ich lächle stur neben meinem erstarrten Ehemann. „Wie viele kommen denn da noch“, presst er immer wieder zwischen den Zähnen hervor. Es sind Hunderte. Jetzt kann ich nachempfinden, wie Politiker sich bei Wahl-Kundgebungen fühlen oder Könige beim Defilee. Die Fotografen drängen sich rücksichtslos dazwischen. „Freestyle“, rufen sie und die Freunde machen akrobatische Verrenkungen, während das Brautpaar in ihrer Mitte lächelt als sei es aus Zuckerguss.

Das Hochzeitspaar eingerahmt von Tänzerinnen.

Ein leeres Büfett und die Rückkehr zum Alltag

Claus und ich sind die letzte Station vor dem Büffet, an dem sich alsbald die Hungrigen drängen. Stunden und gefühlte 1000 Gäste später sind auch wir entlassen und dürfen endlich etwas essen. Da ist die Hälfte der Gäste schon wieder verschwunden und das Büfett geplündert. Verblüffend, wie schnell im Hotel alles abgebaut ist und die Menschen in ihre Alltagskluft wechseln. Bei mir dauert es, bis die Haare entwirrt sind und die dicken Lagen von Schminke abgetragen. Aber wenigstens erkenne ich mich im Spiegel wieder.

Wir haben eine neue Tochter!

2 Kommentare
  • Stephan Merk
    Juni 8, 2020

    Ach Lilo, das ist eine tolle, fotogene und anrührende Geschichte, die ich bereits wieder größtenteils vergessen hatte. Was für ein Aufwand! So richtig glücklich schaut die überschminkte Frau, bei der es sich angeblich um Lilo Solcher handeln soll, in den Bollywoodszenen nicht immer drein….

    • lilo
      Juni 9, 2020

      Du kannst dir doch vorstellen, dass ich mich in dieser Verkleidung alles andere als wohl gefühlt habe. Make-up & Co ist ja nicht unbedingt meine Sache! Aber es war schon ein unvergessliches Erlebnis. Und vor allem freuen wir uns darüber, dass Flo und Mia auch nach zehn Jahren glücklich sind und uns mit Leana und Perin zwei liebenswerte Enkel beschert haben.

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