Mexico City: Stadt der Gegensätze

In der Fußgängerzone Madero, die am Zocalo beginnt und über das in die Jahre gekommene „Empire State Building“ von MC, den 44 Stock hohen Torre Latinoamerica aus den fünfziger Jahren, bis hin zum prächtigen Opernhaus, dem Palacio de Bellas Artes, führt, ist auch sonst einiges zu sehen: Teure Läden und schräge Vögel, Art-Deco-Fassaden und die neogotische Kirche des heiligen Franziskus, die auch schon als Theater und Zirkus gedient hat. Hier kann man nachvollziehen, was Shakespeare mit dem berühmten Monolog „Die ganze Welt ist Bühne“ gemeint hat. Männer und Frauen, ja selbst Kinder haben auf der Madero ihren Auftritt. Die einen führen ihren Hund, die anderen ihre Liebste spazieren. Ein kleiner Junge malträtiert eine Ziehharmonika, ein paar Teenies inszenieren sich als Außerirdische oder Roboter, ein geflügelter Mann in Gold scheint über dem Pflaster zu schweben, während sein silberner Nachbar mit ein paar Passanten plaudert. Alles wirkt entspannt trotz der Polizisten, die in diesem Teil der Stadt allgegenwärtig zu sein scheinen.
Rund um die barocke Kathedrale, eine der größten und ältesten in ganz Lateinamerika, haben sich Straßenhändler und Bettler postiert, ein Heilsarmist in Uniform spielt Drehorgel, ein paar als Azteken verkleidete Tänzer halten die Hand auf. Der riesige quadratische Platz vor dem Gotteshaus, der Zocalo, wird an diesem Tag gänzlich von Zelten beansprucht, in denen es um die neuesten Computer und Handys geht. Die weißen Zelte verdecken auch den Sitz des Präsidenten. Nur von oben sind die Ausmaße des imposanten Nationalpalasts zu ahnen, unter dem sich, so vermutet es unser Guide Salvador, womöglich noch Reste der alten aztekischen Hauptstadt Tenochtitlan verbergen. Die Kathedrale jedenfalls steht auf den Ruinen des Templo Mayor, von dem ein Teil inzwischen ausgegraben wurde. Wo einst dem Kriegsgott Huitzilopochtli und dem Regengott Tlaloc geopfert wurde, wird heute zu Jesus Christus und der Jungfrau Maria gebetet.
Doch im Museum des Templo Mayor kann man ebenso in die aztekische Geschichte eintauchen wie im Anthropologischen Museum der Stadt. Wo sich heute ein Häusermeer ausbreitet, erzählt Salvador, war einstmals ein See. Als die Azteken an sein Ufer kamen, sahen sie der Legende nach dort einen Adler, der auf einem Kaktus sitzend eine Schlange verspeiste – ein Zeichen von Huitzilopochtli, an dieser Stelle eine Stadt zu errichten. Tenochtitlán, Ort des Kaktus, wurde zum Zentrum des Aztekenreiches. Über 100 000 Menschen lebten dort, als Hernán Cortés 1519 in die Stadt kam. Der Aztekenherrscher Moctezuma II. sah in dem weißhäutigen spanischen Eroberer den Aztekengott Quetzalcoatl und öffnete ihm seinen Palast – ein tödlicher Irrtum, der das Ende des Azteken-Reiches besiegelte. Über dem alten Tenochtitlán entstand die neue Hauptstadt des Vizekönigreichs Neuspanien mit prächtigen Palästen, prunkvollen Kirchen und einer Universität, die bis heute die größte Lateinamerikas ist.
Nach den Spaniern kamen die Amerikaner und die Franzosen und schließlich die Bauern-Rebellen unter der Führung von Emiliano Zapata und Pancho Villa. Die Stadt breitete sich aus, der See wurde trocken gelegt. Heute, so Salvador, weiß kaum noch jemand, dass Mexico City auf Sumpf gebaut ist.
Weil die Fußball-WM, die im Juni und Juli in Brasilien stattfinden wird, dort immer wieder zu Protesten führt, erinnert Salvador an die Olympischen Spiele, die Mexico City 1968 ausrichtete – erstmals in einer Höhe von 2400 Metern. Im Vorfeld der „friedlichen Spiele“ wurden damals Hunderte von Studenten erschossen, die gegen die korrupte und autoritäre Regierung des Präsidenten Gustavo Díaz Ordaz protestierten.
17 Jahre später zerstörte ein verheerendes Erdbeben weite Teile der Stadt, 10 000 Menschen starben. Heute, so der Guide, bemühe man sich, die neuen Türme aus Glas und Beton so zu bauen, dass sie auch starke Erdbeben überstehen. Das gilt auch für den Torre Mayor, der mit 228 Metern Höhe den Torre Latinoamerica als höchstes Gebäude abgelöst hat. Man will hoch hinaus in Mexico City, der Megalopolis Lateinamerikas, die mit über 20 Millionen Einwohnern zu den dichtest besiedelten Metropolregionen der Welt gehört. Vier Millionen Fahrzeuge stauen sich tagtäglich auf den Straßen der Stadt und sorgen für dicke Luft, so dass man den schneebedeckten Popocatepetl nur selten zu Gesicht bekommt. Wegen der verschärften Abgas-Vorschriften sind die grünweißen VW-Käfer-Taxis aus der Stadt verschwunden. Doch einige der alten Käfer rollen noch tapfer im Straßenverkehr mit, liebevoll aufgepäppelt von ihren Besitzern.
Zurzeit verpasst sich die Stadt ein Face-Lifting. Alles soll schöner werden, der Chapultepek Park einladender, die Einkaufsmeile prächtiger, die Straßen und Plätze sauberer. Das passt zur Politik des 2012 gewählten konservativen Präsidenten Enrique Peña Nieto, auf dessen Reformpaket auch die deutsche Wirtschaft große Hoffnungen setzt. Noch freilich ist Mexico City eine Stadt der Gegensätze: Da die Glaspaläste der Hotels und die Villen der Reichen, großzügig von Parks umrahmt. Dort die zusammengeschachtelten vom Smog geschwärzten Wohnhöhlen der anderen, die armseligen Hütten in den Favelas. Es sind Welten, die diese Viertel trennen. Und doch verbindet sie alle der Stolz auf ihre Stadt – und die Musik der Mariachis, von der Unesco in den Rang eines immateriellen Kulturerbe erhoben.
Auf der Plaza Garibaldi stehen sich allnächtlich Gruppen von Mariachis, die Füße in den Bauch. Traditionell gekleidet, in engen Hosen mit Silberbeschlägen und kurzen Jacken, den Sombrero auf dem Kopf, warten die Volksmusikanten darauf, von den Gästen der umliegenden Lokale engagiert zu werden. Dann singen die oft schon betagten Künstler, begleitet von Trompeten, Gitarren und Geigen, von Helden und Heimweh, von Liebe und Leidenschaft und dem Trost des Tequila – und die Zuhörer schwelgen in Nostalgie und Nationalstolz.
Hat Mexiko doch eine ebenso große wie geheimnisvolle Geschichte. Vor 2000 Jahren schon blühte im nahen Teotihuacan eine bis heute rätselhafte Hochkultur. Von Mexico City aus ist die gigantische Ruinenstadt in einer knappen Stunde zu erreichen. Wer die 245 Stufen hinauf zur 70 Meter hohen Sonnenpyramide, der drittgrößten Pyramide der Welt, nicht scheut, hat von oben einen fantastischen Blick auf die breite Calzada de los Muertos, die von Häusern und Tempeln gesäumte Straße der Toten, an deren Ende sich die Mondpyramide erhebt. 200 000 Menschen sollen einst hier gelebt haben, hat Salvador erzählt. Doch als Jahrhunderte später die Azteken kamen, war die Tempelstadt schon verlassen. Für die Azteken war dies der Ort, „wo der Mensch zu Gott wird“ und sie nannten ihn Teotihuacan. Heute wuseln Tausende von Touristen durch die Ruinen, Hochzeitspaare lassen sich vor der Sonnenpyramide ablichten, fliegende Händler bieten falsche Edelsteine zum Kauf und Sombreros gegen die Sonne. Im Schatten der Sonnenpyramide spielt ein Mann auf einer Flöte und für einen Augenblick schwebt die Melodie über die Ruinenstadt wie ein Zauber, weckt Bilder von rituellen Opferungen, von Kriegern und Priestern. Dann kracht der Alltagslärm in die Flötenklänge und zerschmettert die Traumgebilde.

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