Meran: Stadt im Wandel

Die Stadt muss sich wieder mal neu erfinden. Darin hat Meran Erfahrung. Hat es doch die Geschichte nicht immer gut gemeint mit der schönen Stadt am Passer, die im 13. und 14. Jahrhundert mit vielen Privilegien ausgestattet war. Damals wurde Meran zum Wirtschaftszentrum. In der Laubengasse residierten Handel und Handwerk, auf den 400 Metern zwischen Pfarr- und Kornplatz spielte sich das städtische Leben ab. Doch als Margarete von Tirol, die später den bösen Beinamen Maultasch bekam, 1420 die Residenz nach Innsbruck verlegte, verarmte die Stadt. Unter den Lauben suchten Kühe Zuflucht, Schloss Tyrol verfiel – und Bozen stieg zur großen Handelsstadt auf.

Erst im 19. Jahrhundert erwachte Meran aus seinem Dornröschenschlaf. Es
war kein Prinz, der die schöne Schlafende wach küsste, sondern eine
Wiener Fürstin. Mathilde von Schwarzenberg und ihr Leibarzt Johann
Nepomuk Huber
entdeckten 1836 den verborgenen Schatz der Stadt, das
radonhaltige Wasser. Huber rühmte in seinem Büchlein „Über die Stadt
Meran in Tirol“ Lage und Klima und warb für die verschiedenen
Kurmöglichkeiten.

Kaiserin Sisi machte in Schloss Trautmannsdorff
Station – und dann kamen sie alle, die Blaublütigen und die Neureichen,
die Schönen und die Dichter. Meran wurde zum mondänen Badeort, ein
Aushängeschild der Belle Epoque mit Jugendstilbauten und Grandhotels,
mit großen Bällen und Promenaden, auf denen man sehen und sich sehen
lassen konnte.
Mit dem Ende des ersten Weltkriegs kam auch das Ende von Glanz und
Glamour der Kurstadt. Meran wurde italienisch. Altes musste dem Neuen
weichen. Mussolini ließ ein protziges neues Rathaus im faschistischen
Stil errichten und dafür ein Haus aus dem zehnten Jahrhundert abreißen.
Mit Sinich, damals Borgo Vittoria, wurde ein neues Dorf aus dem
sumpfigen Boden gestampft, Unterkunft für Arbeiterfamilien, die aus dem
Süden Italiens zuwanderten – heute Teil der Stadt. Nach dem Zweiten
Weltkrieg, in dem Meran zum Lazarett wurde und Geheimdienste in den
Schlössern saßen, knüpfte die Stadt noch einmal erfolgreich an die alte
Kurtradition an. Doch die Zeiten ändern sich. Meran wurde zum Inbegriff
des Veralteten, Verstaubten. Zeit für eine neue Verwandlung.
Mit den traumhaft schönen, weltläufigen Gärten von Schloss
Trautmannsdorff
und der spektakulären Therme Meran, die mit
Naturmaterialien und viel Glas die Handschrift des Mailänder Architekten
Matteo Thun trägt, setzt die Stadt neue Akzente. Und die Meraner machen
mit. Überall ist Aufbruchstimmung zu spüren, ein neues
Selbstbewusstsein. Es sind nicht nur die jungen Künstler und
Architekten, die mit wegweisenden Ideen die Stadt verändern. Auch
Hoteliers und Händler sind dabei.
Seit gut einem Jahr will der Laden Pro Südtirol im ehemaligen Kurhaus
„regionale Produkte erlebbar machen“, so Mitinhaber Ulrich Wallnöfer.
Der gelernte Betriebswirt, Jahrgang 1972, setzt auf Regionalität und
Saisonalität. Nur so, davon ist er überzeugt, „bekommen die Menschen
wieder ein Gefühl dafür, wie ein Produkt reift“. Zum Beispiel der
Südtiroler Speck, der im kühlen Keller so appetitanregend riecht. Sechs
Monate muss er nach dem Räuchern ruhen, erst dann entwickelt er seinen
typischen Geschmack. 1400 Südtiroler Produkte gibt es im schön
gestalteten Laden – vom Speck über den Wein und die Äpfel bis hin zu Glas
und Strickwaren. Auch die Möbel und selbst die praktischen Holzkisten
kommen aus der Region. Der Erfolg gibt Wallnöfer Recht. „Die
Sensibilität für hochwertige Lebensmittel wird immer größer“,
kommentiert er erfreut den Andrang der Kunden.
Gleich gegenüber hat ein anderes Highlight eröffnet. Das Hotel
Imperialart
ist kein Design Hotel, sondern ein Hort der Kunst. Drei ganz
unterschiedlichen Meraner Künstlern bot der innovative Hotelier Alfred
Strohmer
die Chance, Zimmer und Suiten des Hotels nach ihrer Fasson zu
gestalten. „Was Kleines, Feines“ wollte er machen, sagt der Hotelier.
Die einzige Auflage, die er den Künstlern machte, war: „Die Zimmer
sollten lebenswert sein“, bewohnbar. Entstanden ist ein Gesamtkunstwerk
mit sehr unterschiedlichen Raum-Interpretationen, die den Architekten,
der das Ganze koordinierte, vor eine „wahnsinnige Herausforderung“
stellte. Harald Stuppner meint seine Rolle als Vermittler zwischen
Bauherrn und Künstlern. Es war ein schwieriger Prozess. Doch mit dem
Ergebnis sind alle glücklich – auch die Gäste, die dieses ganz und gar
andersartige Hotel schätzen gelernt haben.
Unterstützung für das aufregende Vorhaben kam auch vom Kunstverein
Meran
, der den Hotelier und die Künstler zusammenbrachte. Das
wunderschöne Kunsthaus, das in einem denkmalgeschützten Laubenhaus auf
drei lichtdurchfluteten Etagen 500 Quadratmeter Ausstellungsfläche hat,
widmet sich seit zehn Jahren zeitgenössischer Kunst und Architektur. Mit
seinem stylischen Café, wo abends DJs auflegen, lockt es auch
Kunstmuffel. Vielleicht werfen sie auch mal einen Blick in die
derzeitige Ausstellung „Der nicht mehr gebrauchte Stall“, die sich mit
dem Wandel der Stalllandschaft befasst. Dabei werden auch Diskussionen
über den Wert des Alten und das Wagnis des Neuen angestoßen.
Neue Wege hat auch ein Koch aus dem Piemont beschritten, der mit seinem
Restaurant Sissi schon seit 20 Jahren den Geschmack der Stadt mit
bestimmt. Sternekoch Andrea Fenoglio hat sich von der Molekularküche
eines Jordi Vila inspirieren lassen, der in Barcelona für Aufsehen
gesorgt hat. Ein echtes Gaumenerlebnis ist Fenoglios Makrelenfilet, das
am Tisch in gewürztem Rauch geräuchert wird. „Ich koche, was ich im
Herzen habe“, sagt der Meisterkoch. Mit einer Mischung aus regionaler
und molekularer Küche bringt Fenoglio auch ein jüngeres Publikum auf den
Geschmack, das dabei ist, Meran für sich neu zu entdecken.

6 Kommentare
  • Lisa
    Oktober 26, 2011

    Im „Sissi“ Schloss war ich auch schon mal. Besonders der Gärten sind hier sehr sehr schön. Was ich an Südtiol wirklich gerne mag, ist die Küche und der Wein. Ich könnte wirklich nur noch Südtiroler Käse und Speck essen, dazu ein Glas Weißwein trinken. Perfekt!

    • Lilo Solcher
      Oktober 26, 2011

      Beneidenswert die Verbindung von italienischer Leichtigkeit und Tiroler Bodenständigkeit gerade in der Küche. Ich liebe es!

  • Caro
    Oktober 31, 2011

    Das Sissi-Schloss wollte ich auch schon immer einmal ansehen, habe bisher aber immer den Namen der Stadt vergessen. Danke, dass ich ihn hier noch einmal lesen durfte.

    • Peter1962
      November 6, 2011

      Wenn man das „Sissi-Schloss“ besuchen möchte,kann ich nur empfehlen, dass ihr dass an einem schönen Tag im Sommer macht. Wenn ihr danach im Park spazieren geht und die grüne Wiese seht, kann man sich wie damals in Sissis-Zeiten fühlen. Es ist sehr schön dort. War im Sommer dort.

  • Klara
    Januar 15, 2012

    War vor kurzem das erste mal in Meran und bin begeistert! Die Stadt ist wunderschön und die Küche einfach super. Ich war im Dolce Vita Hotel Lindenhof und wurde dort total verwöhnt 🙂 Ich habe die Gastfreundschaft der Südtiroler sehr genossen!

  • Hannah
    Februar 2, 2012

    Es ist schon erstaunlich, wieviele Facetten Meran hat. Eine tolle Stadt! ich komme auch immer wieder gerne her und das nicht nur wegen des leckeren Essens. Ich finde, auch kulturell hat die Stadt einiges zu bieten und nicht zuletzt ist die Gegend um Meran auch von der Landschaft her einfach nur schön! Interessanter Artikel, der Lust auf einen Meran-Besuch macht.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.