Wintersport in Österreich: Die Zukunft im Visier

Winterurlaub ist Skifahren“, stellt Prof. Peter Zellmann vom Institut für Freizeit- und Tourismusforschung (ift) klar. Das müsste die Skination Nr. 1, Österreich, beruhigen. Tut es aber nicht, wie das Seminar des Netzwerks Winter in Tauern Spa in Kaprun zeigt. Politiker, Wirtschaftsbosse, Skilehrer und Wissenschaftler beschäftigten sich ausführlich mit der Flucht vor allem der Deutschen aus dem Wintersport und den Möglichkeiten, diese aufzuhalten.  

Seit 1999 haben laut einer Studie 17 Millionen Deutsche aufgehört, Ski
zu fahren – und es waren nicht die Senioren, denen der Sport zu
anstrengend wurde. 40 Prozent der Verweigerer waren unter 39 Jahre alt.
Der Winterurlaub im Schnee werde auch in Österreich zum
„Minderheitenprogramm“ warnt Zellmann. Gerade mal acht Prozent der
Österreicher gaben 2010 bei einer repräsentativen Befragung (2100
Personen über 15 Jahre) an, Winterurlaub im Schnee zu machen. 2003 waren
es noch zehn Prozent gewesen. „Der Ausstieg aus dem Skilauf hat
begonnen“, folgert der Wissenschaftler. Er kann die Aussage mit weiteren
Zahlen belegen: Waren es 1987 nur 47 Prozent (von 6000 Befragten), die
im Winter nie Ski fuhren, sind es 2011 schon 66 Prozent. Hinzu kommen 16
Prozent, die nur selten, also ein Mal im Monat oder weniger, Ski
fahren. Dabei beginnt der Ausstieg bereits im Alter von 30 Jahren und
setzt sich dann kontinuierlich fort. „Wir haben die jungen Eltern
verloren und sind dabei, deren Kinder ebenfalls zu verlieren“,
konstatiert Zellmann. Seine Zahlen zeigen auch, dass weder Langlaufen
noch Snowboarden die Verluste wettmachen können.
Für Österreich aber, wo der Tourismus einer der wichtigsten
Wirtschaftszweige ist – Winter- und Sommertourismus halten sich dabei
die Waage -, wäre ein Einbruch im hoch gerüsteten Wintertourismus eine
Katastrophe. Alternative Angebote, macht der Professor aus Wien klar,
könnten das Angebot ergänzen, den Skilauf aber nicht ersetzen. Was also
tun, um den Schwund aufzuhalten? Zellmann prangert die österreichische
„Qualitätshysterie“ an, die an den Bedürfnissen der Urlauber vorbei
gehe. Nur eine kleine Schicht könne sich den Luxus auf und an der Piste
überhaupt leisten. Ebenfalls eine Minderheit sind seiner Meinung nach
die Freerider, auf deren coolen Lifestyle die Werbung setzt. Viel
wichtiger ist es für Zellmann, Angebote für Familien zu schaffen, denn
Skiurlaub
sei vor allem Familienurlaub. Auch um die Wiedereinsteiger
müsse man sich kümmern, damit Skifahren in Österreich auch weiterhin
Zukunft habe. Schließlich warnt er davor, auf andere Märkte als den
schwindenden deutschen Markt zu schielen. Noch seien die
„Hoffnungsmärkte“ wie Russland (1,6 Prozent) oder Großbritannien (3,2
Prozent) verschwindend klein. Und mit 37,9 Prozent stellten die
Deutschen noch vor den Österreichern (23,9) den Hauptanteil der
Winterurlauber. Von den Werbestrategen erwartet der Freizeitforscher
mehr Innovation „also die Bereitschaft zur Zerstörung von
Denkgewohnheiten“.
Die sollten auch die Urlauber ändern, meint Dr. Gerhard Ruedl vom
Institut für Sportwissenschaft in Innsbruck. Für viele gelte die
Gleichung Skisport = teuer und gefährlich. Zumindest das zweite Adjektiv
entlarvt der Sportwissenschaftler als Fehleinschätzung. Laut einer
Unfallstatistik des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV) gab es 2009
im Alpinen Skilauf 47 000 Unfälle – bei acht Millionen Wintersportlern
sei das ein Verletzter pro 1000 Skitage. Bei Skating oder Fußball und
selbst beim Wandern sei das Risiko deutlich höher, macht Ruedl klar. Und
seit den 1980er Jahren sei das Verletzungsrisiko im Skisport konstant
gesunken – dank Sicherheitsbindung, Carvingski, besserer
Pistenpräparierung und auch dank des besseren Bewusstseins über die
Risikofaktoren. Allerdings: Zwischen 2005 und 2010 wurden 41 Pistentote
gezählt, über die Hälfte davon waren Opfer von Herzkreislaufversagen.
Die Menschen scheinen die Berge zu unterschätzen und sich selbst zu
überschätzen. Wichtig ist deshalb die richtige Anleitung beim Skifahren,
so Richard Walter, Präsident des Tiroler Skilehrerverbands. Er
beobachtet, dass „der Trend zum Outdoor vom Sommer auf den Winter
überschwappt“. Will heißen, die Wintersportler wollen mehr
Naturerlebnisse beispielsweise beim Tourenskifahren. Die Jugendlichen
wiederum stünden auf die große Freiheit – auch von der Piste. Freeriding
sei das Thema unserer Tage, auch danach müssten sich die Skischulen
richten, ist Walter überzeugt. Der Skilehrer von morgen müsse ein
Alleskönner sein, um seinen Schülern den Spaß am Schnee zu vermitteln.
Damit der Spaß von Anfang an ungetrübt ist, müssen auch Hotels und
Sportgeschäfte umdenken. Es sei den Wintersportlern nicht zuzumuten, Ski
und Schuhe ständig zwischen Hotel und Bergbahn hin- und herzutragen,
meint Christoph Bründl, Inhaber der Sport Bründl Gesellschaft. Er
fordert mehr Depots an den Talstationen, wo „die Ski übernachten“
könnten. Weil die Stationen immer mehr zu Service-Centern mutieren, in
denen Skischule, Sportgeschäft und Kasse vereint sind, könnten auch die
Sportgeschäfte ihren Anteil dazu leisten. Zumal immer mehr
Wintersportler Ski, Stöcke und Schuhe ausleihen. Um ihnen am ersten Tag
langwieriges Anstehen bei Kasse, Skischule und Verleih zu ersparen,
wirbt Bründl für eine Online-Vorbuchung. Wie leicht das Ganze sein
könnte, soll ein Package zum Saisonstart zeigen, das sich vor allem an
Wiedereinsteiger wendet: Unter dem Motto „Besser Skifahren in drei
Tagen“ zahlt man für drei Vormittage mit Skilehrer, drei Tage Lift und
Leihski plus –Schuhe 249 Euro.

Interessantes im Internet: www.netzwerk-winter.at, www.freizeitforschung.at, www.skilehrer.at

4 Kommentare
  • Chris
    Dezember 9, 2011

    Also, ich kann dazu nur sagen, dass ich früher sehr leidenschaftlich gerne Ski gefahren bin. Allerdings sind die Bedingungen auf den Pisten deutlich schlechter geworden. Sehr voll und vor allem so schnelle und aggressive Skifahrer darunter, dass man schon mal Angst bekommen könnte, in einen Unfall verwickelt zu werden. Daher habe ich persönlich nicht mehr so viel Freude am Skifahren, vielleicht geht es den vielen anderen Menschen auch so…

    Gruß aus München
    Chris

  • Britta
    Januar 8, 2014

    Hey,
    ich bin gerade im Skiurlaub in Südtirol. Die Pisten sind schon seit einer Weile geöffnet und eigentlich gut ausgebaut. Skier kann man sich hier auch zu einem guten Preis ausleihen. Aber das wichtigste ist der Spaß daran und die frische Luft in den Bergen.

    Gruß
    Britta

  • Hartmut Schönwälder
    Februar 5, 2018

    5.2.2018
    Ich habe Ihren Beitrag erst jetzt gelesen. Ich selbst bin 63 Jahre begeistert Ski gefahren und habe 15 Jahre mit eine Gruppe von 7 weiteren Personen regelmäßig Skiurlaub in Tirol gemacht. Dann hatte mein Sohn einen schweren Skiunfall, bei dem er regelrecht von der Piste gefegt wurde.
    Aber das war nicht der Auslöser für den Entschluss, nicht mehr Ski zu fahren. Diesen Entschluss hat die gerichtliche Behandlung des Unfalls gefördert. Man hat das Gefühl, dass die Pistenraser und rücksichtslosen Skifahrer gerichtlich geschützt werden und jeder Unfall – unabhängig von den Ursachen und Folgen – als „Pech gehabt“ abgehakt wird. Wer unter diesen Bedingungen weiter Ski fährt, muss mit solchen Folgen rechnen.
    Gruß, Hartmut

    • lilo
      Februar 22, 2018

      Das tut mir leid, Herr Schönwälder, dass Ihr Sohn so schlechte Erfahrungen gemacht hat. Aber ich denke, die Behandlung des Falls ist immer abhängig vom Gericht, vor dem er verhandelt wird. Da hat Ihr Sohn wohl leider Pech gehabt. Schlimm genug! Ich bin selbst eine begeisterte Skifahrerin, bin mir aber auch des Risikos auf den breit gewalzten Pisten bewusst. Als meine Söhne das Skifahren lernten, war ich immer in größter Sorge. Allzu viele Skifahrer überschätzen sich und werden so zur Gefahr für die anderen. In den Dolomiten ist eine Pistenpolizei unterwegs, die solche Raser anhält. Auch in den USA werden Skifahrer ermahnt, die verantwortungslos fahren. Das fehlt bei uns und in Österreich.

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