Reisebücher für Weihnachten: Lust auf Lesen

Seit Jahren schon wird das Buch tot gesagt. Doch auch diese Buchmesse hat gezeigt: Das gedruckte Buch lebt und findet auch immer wieder neue Liebhaber. Das Rascheln von Papier beim Umblättern, die Haptik eines schönen Buchs, die großformatigen Bilder eines Bildbands – das gibt es eben nur in gedruckter Form. Ich habe mich auf dem Buchmarkt umgesehen und einige der schönsten Reisebücher herausgesucht, die dazu einladen, sich aus dem Alltag weg zu träumen.

Heimatgefühle

Woran denkt man beim Begriff Heimat, der ja lange Jahre in Deutschland eher verpönt war? An Menschen, die einen geprägt haben? Nora Krug, in Deutschland aufgewachsen, mit einem amerikanischen Juden verheiratet und in New York lebend, hat sich ausgiebig mit dem Thema beschäftigt. Herausgekommen ist ein sensationell schönes und nachdenklich stimmendes „deutsches Familienalbum“, in dem die eigene Familiengeschichte auf die jüngere deutsche Geschichte trifft – mit alten Bildern, Postkarten, Briefen, mit Zeichnungen und amtlichen Schreiben. Aus der Ferne betreibt Nora Krug ihre eigene Vergangenheitsbewältigung und setzt sich damit auseinander, was „typisch deutsch“ ist – und am Ende gelingt ihr so etwas wie eine Familienzusammenführung: Heimat, Penguin, 288 S., 28 Euro

Abenteuerlust

Draußen sein, sich austoben, Abenteuer erleben: Für viele Menschen, die beruflich unter Druck stehen, ist das ein Lebenstraum. Wer ihn verwirklichen will, findet in „Lonely Planets Abenteuer Atlas“ Tipps zum Wandern, Klettern, Radeln, Paddeln und Schnorcheln in 150 Ländern weltweit. Stars der Outdoor-Szene verraten die besten Orte, Adrenalinkick garantiert. Es muss ja nicht gerade Afghanistan sein, auch Albanien lockt mit Abenteuer. Wichtig ist: Raus aus der Komfortzone, rein in die Wildnis. Das geht übrigens auch in Germany/Deutschland, z.B. beim Skifahren am Dammkar bei Mittenwald. Zwischendurch erfährt der unerfahrene Leser auch, was sich hinter so abenteuerlichen Begriffen wie Rogaining (Orientierungslauf) oder Coasteering (Mischung aus Klettern, Springen und Freiwasserschwimmen) verbirgt: Lonely Planets Abenteuer Atlas, 36 S., 34,90 Euro

Reiseträume

Jeder Mensch hat Träume und Sehnsüchte. Manche bleiben ewig unerfüllt, andere lassen sich verwirklichen. Reisen zum Beispiel. Das Gute: Trotz Massentourismus gibt es sie noch, die versteckten Kleinode. Und das auch in Europa, beispielsweise in Norwegens Nationalparks, wo sich Luchse und Moschusochsen Gute Nacht sagen oder im Müllerthal in Luxemburg rund um Echternach. Auf der griechischen Insel Paros mit den weißen Kykladendörfern oder auf den Picos de Europa, einer Herausforderung für Kletterer. Und dann die Welt: Die Kirchen von Lalibela in Äthiopien, der Bryce Canyon im amerikanischen Utah, das noch fast unentdeckte Suriname in Südamerika, das legendäre Malakka in Malaysia, das Königreich Tonga. 100 Traumreisen weltweit verspricht Herausgeber Jochen Müssig – auch wenn nicht alle wirklich noch Geheimtipps sind: Secret Places, Bruckmann, 320 S., 39.95 Euro

Deutschstunde

Deutschland ist ein kleines Land verglichen mit China oder Russland. In Europa allerdings ist Deutschland mit seinen fast 83 Millionen Einwohnern ein großes Land. Doch vielen Deutschen mangelt es an Wissen über ihr eigenes Land. Ihnen kann geholfen werden. „Deutschland, Alles was du wissen willst“ wendet sich zwar in erster Linie an Kinder ab acht Jahren, hält aber auch für Erwachsene interessante Informationen bereit, zum Beispiel über das Artensterben, die Migration, das Grundgesetz. Und wer kennt schon alle Bundesländer und ihre Eigenheiten? Oder die unterschiedlichen Dialekte? Auch Kunst und Geschichte werden kurz und verständlich erklärt: Deutschland – Alles, was du wissen willst, Carlsen, 18 Euro

Fernweh

Mit einem Leben nach der Uhr können Mario und Ramona Goldstein wenig anfangen. Mario hat schon vor Jahren sein altes Leben über Bord geworfen, Ramona tat es ihm gleich. „Sehnsucht Wildnis“ heißt ihr Buch – und ihr Antrieb. Diesmal führt die Sehnsucht das Paar in einem ausgedienten Wasserwerfer nach Kanada und Alaska. Und dabei nehmen Mario und Ramona die Leser mit – mit ausdrucksstarken Fotos und ehrlichen Texten, Rendezvous mit Bären inklusive. Beeindruckend auch die Menschen, denen die beiden begegnen: Der einsame Tramper, der alte Hippie, der Deutsche in Dawson, der alte Rebell am Yukon – allesamt Aussteiger. Im zweiten Teil des Buches geht es per Floß (mit Hütte) auf den Yukon – zu dritt. Da bleiben auch Krisen nicht aus, die Mario nicht verschweigt. Am Ende weiß er: „Angekommen zu sein am Ziel seiner Träume bedeutet in Folge Stillstand.“ Nichts für ihn: „Weiterziehen – das ist mein Leben“.  Und womöglich entstehen dabei neue Reisebücher: Mario & Ramono Goldstein. Sehnsucht Wildnis – Abenteuer in Kanada und Alaska, Knesebeck, 240 S., 35 Euro

 

Spurensuche

Mit „Nostalgia“ hat Sven Fennema der Schönheit des Verfalls in Italiens Norden gehuldigt. Mit „Melancholia“ nimmt er die Betrachter mit in Italiens Süden, um ihnen den „Zauber vergessener Welten“ vor Augen zu führen: verlassene Fabriken, vergessene Friedhöfe, verfallene Palazzi, zerstörte Dörfer, leere Kirchen. Petra Reski hat die wunderbaren Texte zu dem opulenten Bildband geschrieben, der nicht nur im Friedhofskapitel ein eindrucksvolles Memento Mori ist, eine Erinnerung an die Vergänglichkeit. Fennema fotografierte bröckelnde Fresken, von Efeu überwucherte Säulen, zerschlissene Brokatvorhänge, grinsende Mumien, verwitterte Altäre und abgestürzte Kronleuchter. Man blättert durch den Prachtband, bewundert die morbide Schönheit und spürt tatsächlich eine leise Melancholie: Sven Fennema. Melancholia – Zauber vergessener Welten, Frederking & Thaler, 320 S., 98 Euro 

Sammlerglück

Sammler sind eine besondere Gattung von Menschen. Björn Berge erobert sich als Sammler „die Erde und das Leben“. Sein „Atlas der verschwundenen Länder“ gründet sich auf seine Briefmarkensammlung, und anhand von 50 dieser kleinen Kunstwerke erzählt er spannend und kenntnisreich von Macht und Willkür, von Sklavenkolonien wie Dänisch-Westindien oder Van Diemen‘s Land. Vom Rajputen-Staat Alwar und einem Massaker an der muslimischen Bevölkerung. Vom Sommer der Selbstständigkeit in Allenstein oder von der britischen Exklave Mafeking im Burenstaat Südafrika. Kaum zu glauben, was sich alles aus einer Briefmarke herauslesen lässt. Björn Berge ist überzeugt: „Nichts dokumentiert eine funktionierende Gesellschaft besser als eigene Briefmarken“. Sogar Sabotage lässt sich damit bewerkstelligen, wie das Beispiel der Kanalinseln zeigt. Bis 1975 reichen die Geschichten. Wie aber wird es weitergehen mit Briefmarken in Zeiten von Mails und Whatsapp? Björn Berge. Atlas der verschwundenen Länder, dtv,  240 S., 26 Euro

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