Kampf ums Dasein: Ein jüdisches Leben in Südafrika

„Ein Löwe nimmt sich, was er will. Niemand auf der Welt verschenkt etwas. Sei ein Löwe oder eine Stute – es ist deine Entscheidung.“
Isaac, der grobschlächtige Judenbengel, der mit Mutter und Schwester aus Litauen nach Südafrika geflohen war, dorthin, wo der Vater als Uhrmacher ein kleines Handwerk betrieb, will natürlich ein Löwe sein. Schon seiner Mutter Gitelle zuliebe. Mit der Frau, deren Gesicht durch eine grobe Narbe entstellt ist und die verbittert auf ein Quäntchen Glück hinarbeitet, fühlt sich Isaac durch eine schicksalhafte Abhängigkeit verbunden. Wenigstens ihr will er das Leben leichter machen, koste es was es wolle.
Kenneth Bonert, selbst in Südafrika aufgewachsen, erzählt in seinem aufsehenerregenden Debüt „Der Löwensucher“ von einer jüdisch-litauischen Familie, die zwischen den Kriegen in Südafrika Fuß zu fassen versucht. Von enttäuschten Hoffnungen und alltäglichen Kämpfen in einer oft feindlichen Umwelt. Auch wenn Gitelle in dem Buch eine wichtige Rolle zukommt, ist es Isaac, um den sich die Geschichte dreht. Mutter und Sohn sind nicht unbedingt Sympathieträger. Gitelle, die nie die Hoffnung aufgibt, ihre in Litauen zurückgebliebenen Schwestern vor den Nazis retten zu können, scheint es zu genießen, in Südafrika auch mal nach unten treten zu können. Sie seien zwar Juden, schärft sie dem Sohn ein, aber „hier sind wir Weiße“. Für Isaac Grund genug, seine schwarzen Freunde fallen zu lassen.
Während er und Gitelle von einem großen Haus für die ganze jüdische Verwandtschaft träumen, rackert sich der Vater in seiner Werkstatt ab. Er spürt die Verachtung seiner Frau, weil er es mit ehrlicher Arbeit nicht weiter gebracht hat, und er fühlt die Gefahr, die aus der symbiotischen Mutter-Sohn-Bindung erwächst, daraus, dass Gitelle von Isaac erwartet, sie für alle Unbill ihres Lebens zu entschädigen. Das Schicksal hat sie zu einer harten Frau gemacht. Sie hat – aber das erfährt der Leser erst viel später – so Furchtbares erlebt, dass sie nun jenseits aller Angst ist.
Für Isaac freilich sind die Erwartungen, die seine Mutter in ihn setzt, eine fast unerträgliche Bürde. Eine kurze Zeit, in der er sich mit der kapriziösen Tochter eines reichen Unternehmers trifft, lebt er auf, macht sich Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft mit der schönen Yvonne. Doch die Idylle ist nur scheinbar, darunter lauert etwas Gefährliches, die Ahnung künftigen Unheils.
Nach dem Scheitern der Beziehung trifft Isaac eine katastrophale Entscheidung, die letztlich zum Bruch mit der Mutter führt. Der junge Mann will endlich ein Löwe sein und nimmt sich, was ihm nicht zusteht. Das schlechte Gewissen treibt ihn in den Krieg. Als er nach der Heimkehr mühsam zurück ins Leben gefunden hat und sich endlich der heiß ersehnte Erfolg einstellt, holt ihn sein Betrug ein. Isaac hatte die falsche Entscheidung getroffen.
Bonert erzählt diese verstörende Mann-Werdung vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs in Europa und seinen weltweiten Folgen. Das Ende von Isaacs langem Irrwegs ist versöhnlich. Nach der kraftvollen Zeichnung des Underdog-Daseins mit all seinen Demütigungsexzessen, nach tristen Alltagsszenen und den grauenhaften Erinnerungen an Litauen gönnt Bonert seinem Helden überraschend eine fast kitschig anmutende Katharsis.

Info: Kenneth Bonert, Der Löwensucher, Diogenes, 788 S., 24,90 Euro

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