Jungfraujoch: Ganz oben

72 Wasserfälle stürzen rund um das beschauliche Örtchen Lauterbrunnen zu Tal. Die Geister, die Goethe einst über den Wassern singen ließ, übertönt heute das Rattern der Zahnradbahn auf die Kleine Scheidegg. Die Wengernalpbahn, 1893 eröffnet, ist mit ihren 19 Kilometern bis heute die längste Zahnradbahn Europas. Und wer ins autofreie Wengen, das durch das Lauberhornrennen (wieder vom 14. bis 16. Januar) weltberühmt wurde, will, fährt am besten mit dem Zug. Es sei denn, er will die 400 Höhenmeter zwischen Lauterbrunnen und Wengen zu Fuß bewältigen.

Die Strecke auf die Kleine Scheidegg, auf der sich das berühmte
Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau in 3 D wie auf einer Großleinwand
präsentiert, ist nur der erste Teil des „Aufstiegs“ aufs Jungfraujoch,
Top of Europe“. Der höchstgelegene Bahnhof Europas auf 3454 Metern ist
seit 1912 komfortabel mit einer Zahnradbahn zu erreichen. Zu verdanken
haben das die Inder und Chinesen, die Japaner und die Deutschen, kurz
alle Touristen, die einmal im Leben der Schweiz aufs Dach steigen
wollen, der Beharrlichkeit des Industriellen Adolf Guyer-Zeller, der
nach mehreren vergeblichen Anläufen anderer 1894 die Konzession zum Bau
der Bahn und der Tunnel erhielt.
Es war ein Jahrhundertbau, der in großer Höhe und dünner Luft bewältigt
werden musste. 16 Jahre wurde an der 9,3 Kilometer langen Strecke
gebaut, mehr als doppelt so lang wie veranschlagt; die Kosten stiegen
von zehn auf 15 Millionen Franken. Die rund 300 Arbeiter übernachteten
in Barackenlagern und werkelten in Schichten. Um sie bei Kräften (und
Laune) zu halten, wurden sie ordentlich mit Lebensmitteln und auch mit
Wein versorgt. Vier Tonnen Fleisch wurden für den Jahresbedarf in
Gletscherspalten gelagert und nach und nach verzehrt. Zwei Tonnen
Kartoffeln wurden gebunkert und 800 Kilo Pasta (für die Italiener).
Einen Liter Wein gab es täglich für jeden und für die Raucher immerhin
noch 50 000 Zigarren. Rückschläge gab es trotzdem. 1908 explodierte das
Dynamit-Lager, 150 Kisten mit 30 000 kg Dynamit flogen in die Luft. In
Grindelwald zerplatzten alle Fenster, der Knall war bis nach Zürich zu
hören, aber Opfer waren nicht zu beklagen. Auch Streiks frustrierter
Arbeiter lähmten den Bau-Fortschritt.
Doch 1912 war es soweit: Zum ersten Mal fuhr die Bahn aufs Jungfraujoch,
und damit begann auch der Wintertourismus in der Region. Viel sieht man
nicht durch die Waggonfenster: 7,3 Kilometer der Strecke liegen in
Tunneln. Dafür gibt es Schaufenster ins Gletscherweiß. Zum Beispiel an
der Station Eismeer, wo man auch in der höchst gelegenen Confiserie
Europas eine Jungfrau-Praline naschen kann. Zwischen den Tunnels öffnet
sich der Blick auf die Jungfrau und auf Pisten, wo aus vollen Rohren
beschneit wird. In den Waggons läuft derweil ein Film über die
Geschichte der Jungfraubahn. Die Ansage kommt in sieben Sprachen über
den Lautsprecher. Das ist auch gut so, damit sich die internationale
Gästeschar vor dem Ausstieg warm anziehen kann.
Die Pudelmütze zum indischen Sari, die Pelzjacke zum japanischen
Minirock – die Kombinationen sind so vielfältig wie die Besucher. Nur
eines verbindet sie alle, die Lust am Fotografieren. Auf dem Plateau
beißt ein Inder herzhaft in ein Stück frischen Schnees. „Icecream“
kreischt seine Freundin und drückt auf den Auslöser. Eine Großfamilie
bewirft sich lachend gegenseitig mit Schnee, während der Fotograf
verzweifelt versucht, die Szene einzufangen. Ein paar Mongolen posieren
mit Victory-Zeichen vor der Schweizer Flagge. Und ein Stückchen weiter
oben, auf der Terrasse mit Blick auf die Eiger Nordwand, sind die
frechen Bergdohlen die absoluten Lieblinge aller Fotografen.
Scheint draußen noch die Sonne, wird es im Eispalast so richtig frostig.
Dafür sorgt seit ein paar Jahren eine Klimaanlage. Sie kühlt die
eisigen Gewölbe 20 Meter unter dem Plateau, wenn sie von zu vielen
Menschen aufgeheizt werden. Jeder Besucher, das hat man ausgerechnet,
strahlt Wärme soviel Wärme ab wie eine Hundert-Watt-Glühbirne – nur bei
den Asiaten ist das weniger. Bei 2000 Besuchern täglich tut Kühlung not.
Sonst würden die Pinguine aus Eis, die glitzernden Zwerge und Bären
schmelzen wie der Gletscher an der Sonne. Die blank polierten Gewölbe
der Gänge und die Decken der Hallen müssen auch ständig nachgehauen
werden. Dafür ist der Eismeister da. Er muss verhindern, dass der
Eispalast zusammen mit dem Jungfraugletscher ins Tal fließt – Richtung
Norden. Denn das Jungfraujoch ist auch eine Wasserscheide. Das
Schmelzwasser des Aletschgletschers etwa fließt ins Mittelmeer.
Von der Endstation der Jungfraubahn, die sich auf 3454 m Höhe in der
Sphinx befindet, einem kleinen, spitzen Gipfel, führt der schnellste
Lift der Schweiz 108 Meter hinauf auf eine Aussichtsplattform, die 1996
für 30 Millionen Franken fertig gestellt wurde. Das Panorama der
umstehenden schneeweißen Giganten ist grandios, aber die vorwitzigen
Bergdohlen
stehlen den Gipfeln die Schau. Ihr Geflatter entzückt die
Besucher aus Asien und dem Orient mindestens ebenso sehr wie die Uhren
im höchst gelegenen Uhrenladen der Welt, wo man sich mit einer Gravur
bestätigen lassen kann, dass man auf dem „Top of Europe“ war.
Info: Die Hin- und Rückfahrt aufs Jungfraujoch kostet im Winter für Einzelpersonen 165,80 Schweizer Franken, für Gruppenteilnehmer (ab 10 Personen) 132,80 Franken. Für den Tages-Sportpass Grindelwald-Wengen – das Skigebiet verfügt über 27 Aufstiegshilfen und 160 Pistenkilometer – fallen 62 Franken für Erwachsene an, 56 für Senioren, 50 für Jugendliche (15 bis 19 Jahre mit Ausweis) und 31 Franken für Kinder (6 bis 15 Jahre). Neu ab diesem Jahr ist der Snow-Fun Top Europe auf dem Jungfraujoch: Schneevergnügen bei Snowtubing, Skifahren, Tyrolienne (Seilbrücke) und Rodeln: Jungfraubahnen, Harderstr. 14, CH-3800 Interlaken, Tel. 0041/33/828 72 33, info@jungfraubahn.ch,  www.jungfraubahn.ch

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