Geschichten aus Monschau

Ganz im Westen Deutschlands liegt ein Städtchen wie aus einer Filmkulisse. Fachwerk- und Schieferhäuser reihen sich in Monschau entlang der Hauptstraße, und – wie es sich gehört – steht eine mächtige Kirche mitten im Ort, den die Burg Monschau krönt. Die engen Gassen mit dem alten Kopfsteinpflaster sind für den Durchgangsverkehr gesperrt. Doch, auch wenn hier 300 Häuser unter Denkmalschutz stehen, ist Monschau, das bis 1918 Montjoie hieß, kein Freiluftmuseum, sondern ein höchst lebendiges Städtchen.

Auch wenn hier ein Auto steht, die engen Gassen sind für den Durchgangsverkehr gesperrt.

Feine Tuche aus Monschau

An diesem Tag ist eine Filmcrew unterwegs, die wohl für die ARD-Serie „Die Eifelpraxis“ wieder mal Monschauer Atmosphäre einfängt. Und dazu gehören auch die Flüsschen Laufenbach und Rur. Einst waren sie Treiber des Monschauer Wohlstands, trieben Mühlen an und sorgten für die nötige Energie. Weltberühmt waren die feinen Tuche aus Monschau, die im Orient ebenso Furore machten wie im Zarenreich.
Johann Heinrich Scheibler hieß der Textilfabrikant, der mit seinem Unternehmergeist dem Städtchen nicht nur Weltruhm und den Monschauern Arbeit verschaffte, sondern sich selbst mit einem luxuriösen Wohn- und Geschäftshaus ein architektonisches Denkmal setzte.

Das Rote Haus erinnert an die Hoch-Zeiten der Tuch-Manufaktur

Heute ist das Rote Haus mit seiner frei tragenden Wendeltreppe aus Eichenholz Museum. Besucher bekommen hier sowohl einen Einblick in die großbürgerliche Wohnkultur des 18. Jahrhunderts als auch in zwei original erhaltene Stoffmusterbücher aus der Hoch-Zeit der Monschauer Textilmanufaktur.
Scheiblers Neffe Mathias Peter Wolfgang Troistorff, ebenfalls Tuch-Fabrikant, wollte da nicht nachstehen und ließ sich nach dem Vorbild der Stadthäuser des Adels ein prunkvolles Wohnhaus mit repräsentativer Freitreppe errichten. Das „Tapetenzimmer“ im Haus Troistorff ist heute beliebte Kulisse für Trauungen – und am Hochzeitsbaum vor der Freitreppe können sich frisch verheiratete Paare ein Glasblatt sichern.

ebenso wie das Haus Troistorff

Touristen statt Tuchmacher

Schon seit langer Zeit freilich spannen keine Tuchmacher mehr ihre Tuche auf dem Rahmenberg, beschmutzen keine Färber mehr das Flusswasser, und die Bäche treiben auch keine Mühlen mehr an. Monschau hat sich neu erfunden – für die Touristen. Und die kommen in Scharen in den beschaulichen Luftkurort am Rand des Hohen Venn. Zum Wandern auf dem Eifelsteig oder zwischen den sechs Dörfern, die 1972 eingemeindet wurden. Zu Stadtspaziergängen auf den Spuren der Tuchmacher aber auch zum Schauen und Genießen. Denn Genuss wird hier groß geschrieben.

Weißer Elefant und Kaffeebier

Durch die Altstadtgassen zieht der Duft von Schokolade und frischem Kaffee. In der historischen „Caffee-Rösterei Maaßen“ werden die Bohnen „geröstet wie früher“. Der Ururenkel des Firmengründers legt Wert darauf, dass alles noch in Handarbeit geschieht, sagt Kirstin Pflegin, die seit 17 Jahren im Laden steht. Die Arabica-Bohnen kommen aus Mexiko, Brasilien und Uganda, denn „jedes Land schmeckt anders“.

Vom Feinschmecker ausgezeichnet:  die Caffee-Rösterei  Wilhelm Maassen

Für den „handverlesenen“ Kaffee gab es eine Auszeichnung vom Feinschmecker. Und für Schleckermäuler ist das Lädchen auch eine Anlaufstelle. Sie können den „Weißen Elefant“ naschen, eine Kaffeebohne im Schokoladenmantel, oder den Kaffeelikör nach einem alten Familienrezept. Das Monschauer Kaffeebier wird allerdings in Belgien hergestellt, wie Pflegin verrät.

Der Moutarde de Montjoie

Man sieht, die Monschauer sind ebenso traditionsbewusst wie einfallsreich, wenn es um das Thema Genuss geht. Der berühmteste „Genussbotschafter“ ist aber kein Monschauer Bürger, sondern der „Moutarde de Montjoie“. „Den Senf dazu geben“, das hat bei Ruth Breuer eine ganz wörtliche Bedeutung. Die 58-Jährige ist seit neun Jahren Geschäftsführerin der traditionsreichen Monschauer Senfmühle und Genussbotschafterin der Region Eifel. Und Senf gehört ihrer Meinung nach zu jedem Genuss dazu.  30 Kilogramm Senf isst ihre Familie im Jahr – zu dritt. Echte Gesundheitsvorsorge ist das laut der Senfmüllerin, schließlich hätten „alle Familienmitglieder ein hohes Alter erreicht“. Womöglich auch dank der Salben und Badeöle mit Senf, die der Urgroßvater hergestellt hat.

Ruth Breuer in der historischen Senfmühle

Die Karriere ist der energischen Monschauerin quasi in die Wiege gelegt worden. Der Ururgroßvater Clemens August hat den Familienbetrieb im beschaulichen Städtchen gegründet. Die Ururgroßmutter Mathilde mörserte das Senfmehl, er zog mit Handwagen und im Winter mit dem Hundeschlitten zum Verkauf. Später leistete man sich ein Pferd. Bei Urgroßvater Emil war es dann schon ein Horch-Lastwagen mit Fahrer. An der Ahr konnte er zu seiner Zeit Wein gegen Senf tauschen.

Senf im Kaltmahlverfahren

Ruth Breuer erzählt gern aus der Geschichte der Senfmühle und ihrer Familie. Denn beides blieb immer zusammen – auch in Kriegszeiten. Dabei hatte Großvater Clemens nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft andere Pläne, wollte die Senf- zugunsten der Limonadenproduktion aufgeben. Doch Sohn Guido war dagegen, und „so wurde weiter auf kleiner Flamme Senf produziert“.

Erinnerungen an alte Zeiten

Wie zu Urgroßvaters Zeiten zermahlen auch heute 400 Kilogramm schwere Mühlsteine aus Eifler Basalt die Maische aus Senfmehl, Wasser, Essig und Gewürzen – im klassischen Kaltmahlverfahren. „Für uns muss Senf nach Senf schmecken“, sagt Ruth Breuer. Beim industriellen Verfahren mit Metallplatten gingen ätherische Öle verloren und müssten nachgewürzt werden. Industriesenf eben.

Öfter mal was Neues

Als ihr Vater Guido die Senfmühle 1981 übernahm, schien die Konkurrenz der Großproduzenten übermächtig. Doch der kleine Familienbetrieb ließ sich nicht unterkriegen. Guido Breuer experimentierte mit ausgefallenen Mischungen wie dem Ingwer-Ananas-Senf „mit einem Hauch von Banane“. Mehr als zwanzig Senfsorten hat er entwickelt.
Nicht alle waren erfolgreich, aber Ruth Breuer hat seine Experimentierfreude geerbt und wagt sich auch an Außergewöhnliches wie „Backen mit Senf“. Es mache ihr Spaß „sich auszutoben“, gesteht sie lachend. Immerhin gibt es inzwischen 50 Kuchenrezepte, darunter eine Tarte au Citron mit Limonensenf (siehe Rezept). Und so manche Idee bringt die Senfmüllerin auch aus dem Urlaub nach Hause. Sie schwärmt von Saucen wie der spanischen Mojo oder der französischen Aioli so wie Touristen in Monschau von ihrem Senf schwärmen.

Die Auswahl an Senfprodukten ist groß

Wie zu Ururgroßvaters Zeit

Im kleinen Laden gibt es auch „Senfella, unsere Antwort auf Nutella“, eine Schokocreme mit Chili-Senf, und Senf-Gin. Die Ideen scheinen der umtriebigen Chefin nicht auszugehen. „Man muss es mit dem Herzen machen“, sagt sie. Auch wenn die Senfmühle nicht mehr am alten Standort produziert, da, wo das alte Wasserrad die Mühle antrieb, ist am neuen Standort im Laufental doch alles noch so wie zu Ururgroßvaters Zeiten. Denn der war schon 1896 zur Dampffabrikation übergegangen. „Das Motorchen“ von ehedem funktioniert noch heute. Und die Ururenkelin ist stolz darauf – aber auch besorgt. „Hier darf eigentlich nichts kaputt gehen“, erklärt sie, „weil es keinen Ersatz gibt“. Als einer der schweren Mahlsteine zerbrach, fanden die Breuers mit Mühe einen neuen. Nur deshalb können sie ihren Senf noch immer nach alter Tradition produzieren. Zu Hoch-Zeiten sind es 400 Kilogramm am Tag.

Die Senfmaus muss pausieren

Wie alles funktioniert, erfahren Besucher direkt vor Ort, denn die Senfmühle ist ein „produzierendes Museum“. Und Kindern erklärt die Senfmaus Emil, wie sie am besten ihren Senf dazugeben.

In Corona-Zeiten hat die Senfmaus Pause

Da ist die studierte Soziologin ganz in ihrem Element. Doch wegen der Corona-Regeln können die beliebten Senfmaus-Führungen derzeit nicht stattfinden. Auch sonst ist noch nicht alles, wie es sich Ruth Breuer wünschen würde. Weil im Hochwasser-Sommer die Flutwelle des nur scheinbar so harmlosen Laufenbachs auch die Senfmühle getroffen hat, zog der kleine Spezialitäten-Laden in die Räume des Restaurants. Das „Schnabuleum“ werde wohl erst im Sommer wieder öffnen können, fürchtet die Unternehmerin.

Alles beim alten

Sonst hielten sich die Hochwasserschäden in der Monschauer Altstadt in Grenzen, auch wenn einige Keller vollgelaufen waren und der Bach das Kopfsteinpflaster der Laufenbachstraße zerstört hatte. Das meiste wurde zügig repariert. Und so wirkt Monschau wieder wie ein Städtchen aus einer Filmkulisse.

Durch nichts getrübt ist der Blick auf Monschau von oben.

Tarte au Citron mit Limonensenf

Zutaten:
Für die Tarte: 65 g Butter, 45 g Puderzucker, 15 g fein gemahlene Mandeln, 1 Eigelb, 120 g Mehl, 1 Prise Fleur de Sel, Mark einer halben Vanilleschote, 3 TL Limonensenf
Für die Zitronenfüllung: Saft von w bis 3 unbehandelten Zitronen (125 ml), 125 g Zucker, 3 Eier, 150 g Butter, 2 TL Zitronenabrieb.
Zubereitung: Die zimmerwarme Butter schaumig schlagen, Puderzucker unterrühren, Mehl dazu, dann alle weiteren Zutaten einrühren. Der bröselige Teig muss mit der Hand geknetet und zu einer Kugel geformt werden. Die kommt für 2 Stunden in Folie eingeschlagen in den Kühlschrank. Der Teig wird ausgerollt und in eine Tarte-Form gegeben. Boden und Seiten andrücken, den Boden mit einer Gabel mehr fach einstechen. Im vorgeheizten Herd bei 170 Grad goldgelb backen (circa 15 Minuten).
Für die Füllung wird die Zitronenschale abgerieben, danach die Früchte entsaften und mit den Eiern und dem Zucker glatt rühren. Die Abrieb dazugeben und alles in einem Topf auf 80 Grad erhitzen. Sofort vom Herd nehmen und durch ein Sieb in eine Schüssel gießen. Die Creme auf 35 Grad abkühlen lassen. Kalte Butter in Würfeln darunter mixen, bis eine homogene Masse entstanden ist, die für eine Stunden in den Kühlschrank kommt.
Wenn Teig und Creme abgekühlt sind, die Creme auf der Tarte verteilen und gleichmäßig bis zum Rand auffüllen. Anschließend für mindestens fünf Stunden, besser über Nacht, in den Kühlschrank stellen, bis die Creme fest geworden ist.

Kurz informiert

Anreisen. Monschau ist nahe der belgischen Grenze. Mit dem Auto kommt man am besten über die Autobahn A 44, Abfahrt Lichtenbusch, dann links auf die L 233 Richtung Monschau.
Der nächste Bahnhof ist in Aachen.
Achtung. Die Innenstadt ist weitgehend autofrei, geparkt wird auf ausgewiesenen Parkplätzen.

Hinter der Aukirche finden Besucher einen großen Parkplatz.

Übernachten. Es gibt reichlich Übernachtungsmöglichkeiten, schön kuschelig ist das Hotel Alt Montjoie im Herzen der Stadt: https://www.alt-montjoie.de
Ein echter Tipp ist die Jugendherberge in der Burg.
Rotes Haus. Das Museum in der Laufenstraße 10 ist bis 1. April geschlossen: www.rotes-haus-monschau.lvr.de/
Senfmühle. Historische Senfmühle Monschau, Laufenstr. 118, Tel. 02472/2245, E-Mail: info@senfmuehle.de, www.senfmuehle.de
Öffnungszeiten: Mo bis Sa 8.30 bis 18 Uhr, Sonn- und Feiertage 10 bis 18 Uhr. Eintrittspreis mit Führung 3 Euro. Dazu ist eine Anmeldung erforderlich. Kinderführungen können derzeit wegen der Corona-Regeln nicht stattfinden.
Lesen. Steffen Kopetzky. Monschau, Rowohlt Berlin: www.lilo-liest.de/im-bann-der-pocken/
Informieren. Monschau Touristik GmbH, Stadtstraße 16, Tel. 02472/80480,
Internet: www.monschau.de

Ein Kommentare
  • Tanja und Martin
    Februar 26, 2022

    Hallo,

    ein toller Beitrag 🙂 Vor allem die vielen Hintergrund Infos sind spannend 🙂

    Wir waren letztes Jahr auf einer kleinen Deutschland-Tour, da stand Monschau auch auf unserem Programm.

    Wir fanden es total toll durch die Altstadt zu spazieren.

    Viele Grüße,
    Tanja und Martin

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