Ein Gemälde und seine Geschichte

70 Jahre alt ist Bernhard Schlink im Juli geworden. Der Roman „Die Frau auf der Treppe“ ist so also etwas wie ein verspätetes Geburtstagsgeschenk, das der vielseitige Autor sich selbst macht. Der studierte Jurist, der sich mit dem Roman „Der Vorleser“ in die Schlagzeilen der Welt katapultierte, hat einmal gesagt, dass er aus demselben Grund schreibe, aus dem andere lesen: Er wolle nicht nur ein Leben leben.
Und so bevölkert er seine Bücher mit Alter Egos wie dem kauzigen Privatdetektiv Selb.
In seinem neuesten Buch lässt Schlink nun einen alten Mann zurückkehren zur Liebe seiner jungen Jahre – und zurückblicken auf die Zeit, als er sich als noch unerfahrener Rechtsanwalt in ein Bild verliebte, und in die Frau auf dem Bild. Die Frau ist „nackt, blass, blond“ und kommt dem Betrachter „vor einem Hintergrund verschwommener Treppenstufen mit schwebender Leichtigkeit entgegen“. (Die Ähnlichkeit mit einem Gemälde von Gerhard Richter drängt sich da förmlich auf, was den Autor zu der Nachbemerkung veranlasste, dass der Künstler in seinem Roman und die Frau auf dessen Bild nichts mit dem renommierten Maler zu tun hätten.)
Dieses lange verschollene Bild taucht plötzlich wieder in einer Ausstellung in Australien auf und elektrisiert den inzwischen erfolgreichen Anwalt. Er macht sich auf die Suche nach der Frau, die dem Maler nackt Modell stand – und nicht nur das. Ihr Mann, ein reicher Geschäftsmann, hatte bei dem Künstler das Porträt seiner Frau Irene bestellt. Die schöne Frau zwischen zwei Männern, die einander in ihrem grenzenlosen Egoismus ähnlicher waren als sie dachten, faszinierte den jungen Anwalt so, dass er sich von zum Bilderdiebstahl überreden ließ. Doch während er noch von einem gemeinsamen Leben in Südamerika träumte, verschwand die rätselhafte Schöne samt dem Gemälde auf Nimmerwiedersehen.
Und dann, nach einem gelebten Leben, wird der Anwalt in einer Kunstgalerie wieder mit dem Bild konfrontiert. Er findet die Frau, alt und krank geworden, auf einer einsamen Insel an Australiens Küste – und steht ihr in dem beschwerlich gewordenen Alltag bei. Eines Tages fliegen der mittlerweile berühmt gewordene Maler und der immer noch wohlhabende Ex-Mann ein. Das Bild hat auch sie angelockt. Und Irene hat noch einmal einen letzten großen Auftritt – fast so wie damals auf der Treppe.
Zuvor aber erzählt sie ihre Geschichte, ihre Verbindung zur RAF-Szene, das graue Leben in der DDR und die Flucht nach der Wende auf die Insel. Da hat Schlink einen weiten Bogen geschlagen von Frankfurt am Main bis nach Australien und ein bisschen viel deutsche Vergangenheit hineingepackt. Berührend sind die Szenen, in denen der Anwalt in der alten Frau seine Jugendliebe wieder erkennt, in denen er sie aufopferungsvoll begleitet bei ihrem Leben zum Tod. Schlink hat nicht nur einen ungewöhnlichen Liebesroman geschrieben, sondern auch ein Buch über die letzten Fragen des Lebens, über die Endlichkeit, über Irrungen und Wirrungen und darüber, dass es nie zu spät ist, sich neu zu orientieren.
Info:  Bernhard Schlink, Die Frau auf der Treppe, Diogenes, 245 S., 21,90 Euro

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