Da waren es nur noch zwei

Die Idee ist eigentlich gar nicht so abwegig. Fünf Freunde beschließen – alt geworden – in einer Villa zusammen zu ziehen und gemeinsam das Lebensende zu bewältigen – lässig-nonchalant wie sie bisher gelebt haben. Und, um ganz sicher zu gehen, schließen sie einen Pakt: Jeder von ihnen soll selbstbestimmt sterben können – und einer der anderen hilft ihm dabei. Aber, wie das Leben halt so spielt, so einfach ist die Sache dann doch nicht. Das Zusammenleben auf Dauer ist etwas anderes als Urlaub.
Der Alltag in der Villa bringt auch die negativen Seiten der Bewohner ans Tageslicht: Die Eitelkeit des ehemaligen Intendanten, das Missionarische des Lebensmitteltechnologen, die Pedanterie des Juristen, die Experimentierwut des Programmierers und – nicht zuletzt – den Minderwertigkeitskomplex des Ich-Erzählers Ernst, eines ehemaligen Chefredakteurs. Und immer ist da in Gedanken noch der sechste Freund, der kleine Martin, der als Schüler ins Eis einbrach und ertrank. Leichtsinn? Schuld? Auch die Frage wird noch zu klären sein.
Die fünf wollen keine Greisenkommune, aber dass sie alte Männer sind, lässt sich auf die Dauer nicht leugnen. Als der erste richtig krank wird, aktivieren sie das „Todesengelsprogramm“ des Programmierers und stellen eine Hilfe ein, Katharina, eine resolute Kirgisin, die ihre eigenen Pläne hat. Und so geht es dahin mit den fünf Freunden, einer nach dem anderen folgt dem „kleinen Martin“, bis nur noch zwei übrig sind und am Ende keiner mehr. Bis auf Katharina, die das Totenhaus wieder mit Leben füllt – als Waisenhaus. Eine schöne Idee!
Warum aber hat Christoph Poschenrieder diesen in unserer alternden Gesellschaft so aktuellen Roman „Mauersegler“ genannt? Der Ich-Erzähler hat in Brehms Tierleben geblättert und folgendes zu seinem Lieblingstier gefunden: „Der Mauersegler ist ein herrschsüchtiger, zänkischer, stürmischer und übermütiger Gesell, der streng genommen mit keinem Geschöpfe, nicht einmal mit seinesgleichen in Frieden lebt und unter Umständen anderen Tieren ohne Grund beschwerlich fällt.“ „Einer wie wir“, hat Ernst erkannt. Und einer der sich ins Fliegen rettet, weil er sich auf der Erde nicht wohlfühlt. Am Ende, so sinniert der Erzähler, legt der Mauersegler die Flügel an und will nicht mehr fliegen. „So soll es auch mit mir zu Ende gehen.“
Der Fabulierkünstler Poschenrieder schafft es, dem todernsten Thema die heitersten Seiten abzugewinnen. Manchmal lacht man Tränen über die fünf alten Herren, dann wieder kommen einem die Tränen aus Trauer über das unausweichliche Ende, das uns alle erwartet. Das Buch zur Zeit.
Info: Christoph Poschenrieder, Mauersegler, Diogenes,220 S., 22 Euro

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