Reinhold Messner und der Weg des Verzichts

Reinhold Messner ist schon zu Lebzeiten zur Legende geworden.  Privat hat der vierfache Vater mit Diane Schumacher ein neues Glück gefunden. Nach Corona bedingter Pause ist Reinhold Messner nun wieder auf Vortragstour – mit dem Nanga Parbat.  Ich habe mit ihm gesprochen – über den Nanga Parbat, den Klimawandel und seine Zukunftspläne.

Wie geht es Ihnen, Herr Messner?
Reinhold Messner: Gut, danke. Wir – meine Frau und ich – leben so, als wären alles wieder in Ordnung. Aber natürlich spüre auch ich die Folgen von Corona – allein bei den Vorträgen, die immer und immer wieder verschoben werden mussten.

Sie haben vor im letzten Jahr zum dritten Mal geheiratet und wurden am 17. September 78 Jahre alt. Da wird das Privatleben immer wichtiger. Dürfen wir uns Reinhold Messner als glücklichen Menschen vorstellen?

Foto: Büro Messner

Reinhold Messner: Das muss man wohl. Obwohl ich angesichts des Todes immer mehr die Absurdität des Lebens erkenne. Umso mehr muss man sich ins Leben hineinstürzen. Man muss dem Tun im Hier und Jetzt Sinn geben. Das ist für mich gelingendes Leben. Ich habe es im Alpinismus gefunden. Für andere mag dieser Alpinismus die Eroberung des Nutzlosen sein, für einen Bergsteiger aber ist er trotz aller Strapazen das Sinnvollste.

Nun sind Sie ja wieder unterwegs mit einem Berg. Und das mit einem, der beinahe Ihr Leben zerstört hat. Der Nanga Parbat hat Ihnen Ihren Bruder Günther genommen. Sie selbst haben das Abenteuer nur knapp überlebt und mussten dann jahrelang gegen Vorwürfe angehen, Sie hätten das Leben Ihres Bruders Ihrem Ehrgeiz geopfert. ..
Reinhold Messner: Dazu ist kein Kommentar mehr nötig. Nach dem Fund von Günthers Überresten bringt es nichts mehr, darüber zu streiten.

„Ich bereite mich darauf vor, die Bühne zu verlassen“

Die Vorträge bringen auch für Sie die schmerzhafte Geschichte zurück. Warum tun Sie sich das an?
Reinhold Messner: Das würde ich nicht so sehen. Mein Bruder ist in meiner Erinnerung jung geblieben, er lebt in mir weiter. Außerdem geht mein Vortrag weit über die persönliche Geschichte hinaus. Er ist ein Narrativ über einen großen Berg. Ich spanne auch einen weiten Bogen von Mummery über Hermann Buhl und meinen erfolgreichen Alleingang 1978 bis in die Gegenwart. Es geht um einen Schlüsselberg des Alpinismus, nicht um meinen Schicksalsberg. Um die frühe Geschichte des Alpinismus. Anhand von bisher noch nicht gesehenen Fotos können Interessierte nachempfinden, wie es war, was Bergsteigen bedeutet. Darum geht es mir. Dieses Narrativ will ich um die Welt tragen. Meine Frau und ich planen unter dem Motto „Final expeditions“ Festivals, die dazu dienen sollen, den traditionellen Alpinismus zu verstehen – auch in Australien. Und damit bereite ich mich auch darauf vor, die Bühne zu verlassen.

Auch die Messner Mountain Museen, hier Corones, erzählen vom Alpinismus

Der Nanga Parbat war auch ein Wendepunkt in Ihrer Bergsteiger-Karriere. Weil Sie am Berg sieben Zehen verloren, mussten Sie Ihre Kletter-Karriere aufgeben. Sie wurden zum Höhenbergsteiger und haben dann alle 14 Achttausender dieser Welt erstiegen. Auch den höchsten Berg zusammen mit Peter Habeler. Inzwischen sind ganze Karawanen auf dem Weg zum Everest-Gipfel. Wie sehen Sie diese Belagerung? Und die Berge von Müll, die dieser Everest-Tourismus hinterlässt?
Reinhold Messner: Also, das mit dem Müll würde ich nicht unterstreichen. Dagegen gibt es inzwischen Regeln. Und die Sherpas nehmen heute alle Sauerstoffflaschen mit ins Tal, um sie neu aufzufüllen. Daran verdienen sie auch. Was den Massenaufstieg angeht, so ist er nur möglich, weil man das Ganze immer mehr erleichtert. Da werden Millionen in Pisten investiert, die Sherpas bauen, und manche Basislager sind luxuriös wie Fünf-Sterne-Hotels. Inzwischen zahlen Gäste über eine Million Dollar und mehr um zum Gipfel zu kommen. Dafür wollen sie Sicherheit und die besten Sherpas.

Es gab auch immer wieder neue Rekorde: Der 1. blinde Gipfelstürmer, der erste doppelt beinamputierte Bergsteiger, der mit 13 Jahren Jüngste und der mit über 80 Jahren Älteste auf dem Everest. Haben Sie für diese Rekordjagden Verständnis? Sie haben ja selbst immer wieder Rekorde aufgestellt…
Reinhold Messner: Aber die waren anderer Art. Was ich peinlich finde, ist, wenn Leute auf den Everest steigen, um Geld für gute Zwecke zu sammeln. Das hat nichts mehr mit dem Berg zu tun. Ich will es auch nicht weiter kommentieren.

Der Klimawandel macht auch vor den Bergen nicht Halt. Das zeigt uns der Eisabbruch an der Marmolata in Ihrer Heimat Südtirol. Die Gletscher schmelzen weltweit. Das macht das Bergsteigen auch in den höchsten Bergen unserer Welt gefährlicher. Was raten Sie Bergsteigern, die es trotzdem auf die Gipfel zieht?
Reinhold Messner: Dass sie vorsichtiger sind als früher. Besonders das Gletschergehen ist gefährlicher geworden, auch weil der Klimawandel in den Bergen mehr greift als im Tal. Hätte man gewusst, dass sich auf der Marmolata unterhalb des Eises ein See gebildet hatte, hätte man die Tragödie verhindern können. Aber man wusste es nicht.

Reinhold Messner will die Jugend für das Bergsteigen begeistern.

„Der Alpinismus ist ein großartiges Narrativ“

Wenn Sie zurückschauen auf das, was Sie erlebt und erreicht haben, würden Sie sich noch einmal für den Alpinismus entscheiden?
Reinhold Messner: Das kann ich so nicht sagen. Ich bekomme ja keine zweite Chance. Ich habe mein Leben gelebt. Über den Alpinismus habe ich die Welt begriffen. Viele meiner Taten habe ich aus der Historie heraus entwickelt. Jetzt mache ich Aussagen zum Thema Berg – auch für die nächste Generation. Ich kann zwar verstehen, dass Hallenklettern inzwischen wahnsinnig populär ist. Aber mir liegt das traditionelle Bergsteigen am Herzen. Die Geschichte des Alpinismus ist 200 Jahre alt, ein großartiges Narrativ. Das darf nicht verloren gehen. Dafür fühle ich mich verantwortlich.

Sie haben ja nicht nur höchste Berge bestiegen, sondern auch andere Herausforderungen gemeistert. Vor über 30 Jahren haben Sie mit Arved Fuchs die Antarktis durchquert, eine traumhaft schöne aber menschenfeindliche Landschaft. Der Klimawandel hinterlässt auch im einst ewigen Eis seine Spuren. Tauender Permafrost wird zur tödlichen Gefahr. Können wir überhaupt noch gegensteuern?
Reinhold Messner: Wir könnten schon gegensteuern, wenn die Menschen in der Summe verstünden, was geschehen wird. Richtig herauskommen werden wir aber nur, wenn die Wissenschaft Lösungen anbietet. Irgendwann werden wir in diesem Habitat nicht mehr alle Platz haben. Das wird eine schwierige Lebenssituation für die nächsten Generationen.

„Verzicht funktioniert nur freiwillig“

Sie haben mal gesagt, Ihr Erfolg beruhe auf Verzicht. Jetzt in der Klimakrise und wegen des Ukraine-Kriegs ist viel von Verzicht die Rede. Glauben Sie, dass unsere Gesellschaft überhaupt fähig ist, Verzicht zu üben?  
Reinhold Messner: Die Frage ist nur, ob dieser Verzicht freiwillig ist. Nur die Freiwilligkeit funktioniert. Dann kann man in den Verzicht positive Werte reinlegen. Ich bin nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen, da war der Verzicht selbstverständlich. Später habe ich erkennen müssen, dass ich mir eine Expedition mit acht Tonnen Ausrüstung und Kosten von einer halben Million Euro wie bei Herrlighoffer nicht leisten könnte. Mein Weg war der Weg des Verzichts und der war erfolgreich. So wie der Verzicht auf Sauerstoff am Everest, der mir neue Wege eröffnet hat.

Der Erfolg am Everest war der Start zu Messners Karriere

Der Krieg in der Ukraine überschattet derzeit alle anderen Krisen. Statt über Klimawandel diskutieren die Politiker über Waffenlieferungen. Was heißt das für die Zukunft?
Reinhold Messner: Was soll ich als einzelner dazu sagen? Da gibt es einen Präsidenten, der mit einem Atomkrieg droht. Und ich traue jemandem, der an die Wand gespielt wird, vieles zu. Die Antwort müsste die Nato geben.

„Man kann halt nach Amerika nicht zu Fuß gehen“

Während der Hoch-Zeit der Pandemie hat auch der Tourismus gelitten. Es gab kaum Flüge, und in den Schwellenländern litten die Menschen unter den ausbleibenden Devisen. Inzwischen scheint alles beim alten, es wird wieder geflogen – weltweit. Wo bleibt da die Nachhaltigkeit?
Reinhold Messner: Man kann halt nach Amerika nicht zu Fuß gehen. Wenn man alles verbietet, erreicht man nichts. Ich muss auch fliegen, wenn ich nach Australien will, um dort das Festival zu organisieren. Ich lass‘ mir doch das Leben generell nicht verbieten. Wir sind alle reicher geworden durch die Verschwendung von Ressourcen. Jetzt müssen wir gegensteuern, aber ohne Fundamentalismus. Nur mit Verboten werden sich die Leute, die hemmungslos Ressourcen verschwenden, nicht umstimmen lassen.

Auch Sie waren und sind auf Flüge angewiesen, um Ihre Ziele zu erreichen. Wie halten Sie es mit der Kompensation von Flugreisen?
Reinhold Messner: Ich habe genug Wald als Gegenleistung zu den Flügen. Viele Kompensationsleistungen sind durchaus sinnvoll. Aber das Ganze ist zu komplex für einen kurzen Kommentar.

„Das ist das Fatale an der Heimat, dass man sie verlassen muss, um seinen Horizont zu erweitern. Und dass eine Rückkehr dann irgendwann nicht mehr möglich ist. Denn Heimkehrer sind das Ärgernis der Heimat.“ Das sagte Edgar Reitz in einem aktuellen Spiegel-Interview. Geht es Ihnen ähnlich mit Südtirol?
Reinhold Messner: Nein, ich bin in Südtirol echt zufrieden. Südtirol ist Südtirol geblieben trotz mancher Konflikte mit der italienisch-sprachigen Bevölkerung. Wir haben uns in über 50 Jahren wichtige Rechte erarbeitet. Sollte Girgia Meloni mit ihren rechtslastigen Vorstellungen an die Macht kommen, müssen wir diese Rechte verteidigen, damit Südtirol das bleibt was es ist.

Der Südtiroler Messner in seiner Heimat

Plädoyer für die Wildnis

Sie sind im Villnösstal aufgewachsen – mit acht Geschwistern und einem strengen Vater. Das Klettern und später das Bergsteigen war für Sie auch die Flucht aus der Enge des Tals. Mit Ihren Museen erinnern Sie auch an das Leben der Bergvölker wie es einmal war und feiern die „echte Wildnis“. Glauben Sie, dass es für die künftigen Generationen noch so etwas wie Wildnis geben wird?
Reinhold Messner: Ja, das muss es geben. Das ist die zweite Hälfte meines Anliegens nach dem Erhalt des traditionellen Alpinismus, der die unmittelbare Begegnung mit der Natur ermöglicht. Die Wildnis ist in den letzten Jahren immer weiter zurückgedrängt worden. Das können wir nicht länger zulassen. Dagegen werde ich mich mit aller Kraft einsetzen.

Wenn Sie wie im Märchen drei Wünsche frei hätten, welche wären es?
Reinhold Messner: Dass ich in Ruhe gestalten darf. Das ich gesund bleibe. Und dass die Beziehung mit meiner um vieles jüngeren Frau eine kreative Seilschaft bleibt.

Info
Reinhold Messner ist  derzeit mit „Nanga Parbat – mein Schicksalsberg“  auf Vortragsreise.  Hier einige Termine: 
1. Oktober  Leipzig
2. Oktober Berlin Admiralspalast
4. Oktober Halle
31. Oktober Basel
14. November  Memmingen
15. November Konstanz
Mehr unter http://www.messner-live.de

 

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