Plastikmüll in Corona-Zeiten

Schwimmende Müllinseln im Meer, tote Vögel mit Mägen voller Plastikmüll: Der WWF hat errechnet, dass alljährlich allein aus den Urlaubsländern eine halbe Million Tonnen Plastikmüll ins Mittelmeer gelangt. Und in Corona-Zeiten wird das nicht weniger. Nun hat Wanderreisen-Veranstalter Wikinger zusammen mit dem WWF eine Broschüre zur Vermeidung von Plastikmüll herausgebracht.  Ich habe mit Martina von Münchhausen über die Initiative  gesprochen und darüber, was Touristen zur Vermeidung von Plastikmüll beitragen könnten.

Martina von Münchhausen ist Martina von Münchhausen ist verantwortlich für das Tourismus Programm des WWF Deutschland im internationalen WWF Zentrum für Meeresschutz in Hamburg. Foto (c) Daniel Seiffert/WWF

Vermeiden, wieder verwenden, recyceln raten Sie in Ihrer Studie „Stopp die Plastikflut“ den Hoteliers. Doch gerade in Corona-Zeiten kehren Einweg-Packungen zurück. Dazu noch Einweg-Masken und Einweg-Handschuhe. Kein guter Termin für Ihre Initiative?
Martina von Münchhausen  Doch, die Maßnahmen sind auch in Corona-Zeiten weiterhin dringend und notwendig. Gesundheit und Sicherheit stehen an erster Stelle, aber das muss nicht einhergehen mit einer fortgesetzten Vermüllung der Meere. Die Hotels und Reiseveranstalter haben verantwortungsvolle Hygienekonzepte installiert. Viele setzen ihre begonnenen Maßnahmen weiterhin um. Die Gesetze gelten ja auch weiterhin. Für Hygiene-Einwegprodukte, die nun unweigerlich Teil unseres Lebens werden, gilt besonders in Urlaubsländern mit mangelndem öffentlichem Müllmanagement: Mehrweg (z.B. Masken) statt Einweg und natürlich die richtige Entsorgung. Plastikmüll, achtlos in der Natur oder an den Stränden weggeworfen, ist weder ein guter Beitrag für unsere Gesundheit noch der Gesundheit der Meere.
Eine verstärkte „Take Away Kultur“ mit Wegwerfprodukten, also Plastikbechern, Besteck und Behältnissen, ist auch in Corona-Zeiten eine Unsitte und Umweltverschmutzung. Die eigenen wiederverwendbaren Utensilien für ein Picknick am Strand schützen und reduzieren das Müllaufkommen.

Einwegflaschen für Trinkwasser sind der größte Müllverursacher an den Stränden. Nicht nur Wikinger auch andere Veranstalter bieten ihren Kunden eigene Wasserflaschen zum Nachfüllen an. Aber nicht in allen Urlaubsländern ist Leitungswasser trinkbar. Wie lassen sich trotzdem Einweg-Wasserflaschen vermeiden?
Martina von Münchhausen  Es ist richtig, dass Leitungswasser nicht in allen Urlaubsländern weltweit über die Qualität verfügt, die wir von zu Hause gewohnt sind. Aber in vielen von uns besonders stark besuchten Urlaubszielen ist dies durchaus der Fall. Sich vorher, oder im Urlaubsort angekommen, über die Trinkwasserqualität zu informieren, hilft immens weiter, das Plastikmüllaufkommen zu reduzieren. An vielen Orten gibt es Apps, die zu Trinkwasserspendern führen (Beispiel Mallorca), oder Hotels verfügen über Wasseraufbereitungsanlagen, die ihren Gästen eine anständige Qualität bieten.

Die Wikinger-Kampagne Flas(c)back ruft dazu auf, Einweg-Wasserflaschen zu vermeiden.   Foto (c) Wikinger-Reisen

Mittlerweile gibt es auch Trinkflaschen mit eingebautem Filter für exotischere Reiseziele.
Kauft man abgepacktes Trinkwasser vor Ort, gilt: Welche Verpackungsart ist zu wählen und wie werden die leeren Flaschen entsorgt? Auch in Urlaubsländern gibt es bereits Pfandflaschen, Mehrweg-Plastikflaschen (PET Mehrweggebinde) und Glasflaschen, die im Hotel den Gästen zur Verfügung gestellt und einem Kreislauf zurückgeführt werden.
Bitte auf jeden Fall die leeren Flaschen in die dafür bereitgestellten Container entsorgen, damit die Recyclingmöglichkeiten genutzt werden. Und falls diese nicht vorzufinden sind, den Müll besser zurück ins Hotel bringen und dort entsorgen. Der Verzicht auf Einweg-Plastikflaschen hat jedoch mit die höchsten, positivsten Umwelteffekte im Urlaubsort.

Nach einer EU-Richtlinie sollen ab 2021 Einwegprodukte aus Kunststoff wie Wattestäbchen, Besteck, Teller, Strohhalme, Rührstäbchen, Getränkebehälter verboten werden. Bis 2029 sollen dann Trinkwasserflaschen getrennt gesammelt werden, um sie besser recyceln zu können. Warum kommt das alles so langsam in Gang?
Martina von Münchhausen  Ganz ehrlich, die EU ist da gar nicht so langsam gewesen. Im Jahr 2017 hat man EU- Bürger befragt und 87 Prozent der Menschen waren sehr besorgt über die Umweltfolgen von Plastik. Selten hat Brüssel so schnell auf die dramatische Entwicklung an europäischen Stränden und in europäischen Gewässern und die damit verbundene Besorgnis der EU-Bürger reagiert und eine stringente Gesetzgebung veranlasst. Die EU Richtlinie gilt seit März 2019, aber die Mitgliedsländer haben zwei Jahre Zeit, um diese Richtlinie in ihre nationale Gesetzgebung zu übertragen. Jedes Land kann natürlich auch schon früher loslegen. Selbst bestimmte Regionen können früher anfangen (zum Beispiel die Balearen). Allerdings gibt es auch Schwächen bei der Richtlinie: So bleibt der Export von Plastikmüll weiterhin erlaubt und es gibt bislang kein Verbot zur Verwendung von Mikroplastik, zum Beispiel in Kosmetikprodukten.

Verboten werden sollen Einwegprodukte aus Kunststoff, für die es Alternativen aus anderen Materialien gibt. Und was ist mit dem Rest?
Martina von Münchhausen  Bestimmte Produkte, deren Produktion dann zu teuer und somit unwirtschaftlich wird, werden vermutlich einfach verschwinden oder die Hersteller investieren in Materialien, die wiederverwendbar, also recyclebar, sind. Das geht aber nicht von heute auf morgen. Die EU Richtlinie konzentriert sich ohnehin auf die Einwegkunststoffartikel, die an europäischen Stränden am häufigsten gefunden wurden.
Hier zeigt sich übrigens eine weitere Schwäche der Gesetzgebung: Der Anreiz, auf alternative Materialien zu setzen. Der Einsatz von Materialien aus natürlichen nachwachsenden Rohstoffen für Wegwerfprodukte birgt die Gefahr, dass an anderer Stelle Umweltprobleme entstehen. Düngung von Monokulturen, Wasserverbrauch etc.

Touristen freuen sich in den Hotels über die „Vanity-Kits“ mit Shampoo-, Duschgel- und Bodylotion in Gläschen. Auch das sorgt für Müll. Worauf sollten umweltbewusste Menschen in ihren Hotels achten?
Martina von Münchhausen  Nicht alle freuen sich darüber. Und die Zahl der Touristen wächst, die sich darüber bewusst sind, dass sich der Wert einer Reise nicht an der Vielzahl der angebotenen plastikverpackten Serviceleistungen im Hotel bemisst, sondern an einer abfallfreien Landschaft, an sauberen Stränden und gesunden Meeren. Hotels, die hier aktiv ihre Gäste informieren, stoßen auf viel Zustimmung, Verständnis und mehr Gästezufriedenheit. Ein Fünf-Sterne-Urlaub bedeutet saubere Strände und gesunde Meere und nicht Plastikmüll im Hotelzimmer.

„Ein Fünf-Sterne-Urlaub bedeutet
saubere Strände“ 

Allerdings werden portionsweise verpackte Kosmetikprodukte von den Gästen als hygienisch empfunden – gerade in Corona-Zeiten.
Martina von Münchhausen Die eigenen Kosmetikartikel geben den Gästen hier bestimmt das sicherste Gefühl. Die Hotelgäste sind meistens einige Tage oder mindestens eine Woche im Hotelzimmer. Der angebrachte umweltfreundliche Shampoo Spender wurde vorher gereinigt und stellt also keine Gefahr dar. Wir können nur an die Hoteliers und Gäste appellieren, von dem positiv eingeschlagenen Kurs nicht abzuweichen.

Schon bei der Anreise fällt reichlich Plastikmüll an. Das gilt vor allem fürs Fliegen, wo Plastikglas um Plastikglas Wasser gereicht wird, die Kopfhörer in Plastikhüllen stecken und derzeit die ganze Bordverpflegung Einweg ist. Was können Touristen da tun, um solch unnötigen Müll zu vermeiden?
Martina von Münchhausen Die in Plastik verpackte Bordverpflegung einfach dankend ablehnen und sich selbst was mitbringen. Es sind ja ohnehin keine kulinarischen Highlights, die man im Flieger angeboten bekommt. Und Kopfhörer haben die meisten vermutlich sowieso im Gepäck.

Am Urlaubsort wartet oft schon die Wasserflasche im Hotelzimmer genauso wie im Bus. In teureren Unterkünften gibt es oft eine Nespresso-Kaffeemaschine und Einweg-Sandalen für die Wellness. Komfortable Bequemlichkeiten, die nur allzu gern angenommen werden…
Martina von Münchhausen Hier kann ebenso die geschmackvolle Karaffe mit Wasser warten. Die wirklichen Top Hotels haben Plastik und Einweg sowieso schon verbannt. Die Kaffeemaschinen mit Einwegkapseln werden bald per Gesetz verboten. Auch hier schreiten die Balearen progressiv voran. Natürlich müssen die Hotels überlegen, an welcher Stelle sie ihren Service verändern, um die Gewohnheiten der Gäste auszugleichen. Gewohnheiten, die die Hotelbranche ihren Gästen im Übrigen selbst antrainiert hat. Viele Hotels, mit denen wir sprachen, händigen ihren Gäste bestimmte Produkte auf Nachfrage an der Rezeption aus und fahren das Programm auf den Zimmern schrittweise zurück.

Einweg-Becher und mehr sorgen für Müllberge am Strand und Müllinseln im Meer.  Foto (c) Milos Bicanski/WWF

Ganz schön viel, was Sie da den Touristen an Verantwortung aufbürden, Frau von Münchhausen. Dabei hat Reinhard Schneider, Inhaber von Werner & Mertz, mit der Marke Frosch das Prinzip der Kreislaufwirtschaft demonstriert, gerade verkündet, man dürfe „den Menschen nicht zu viel abverlangen, sonst lehnen sie es ab“. Sind Sie trotzdem optimistisch, dass die Appelle der Broschüre auf offene Ohren stoßen? Oder teilen Sie die Sorge, dass durch Corona eher noch mehr Plastikmüll anfällt?
Martina von Münchhausen  Die Menschen sind sehr besorgt über den Zustand der Meeresverschmutzung und Vermüllung in ihren Urlaubsregionen. Es gab viel Empörung und Entrüstung. Wir glauben, dass der Verzicht auf Einwegplastik keine großen Einschränkungen bedeutet und es verstärkt mit Wohlwollen honoriert wird, wenn Hotels hier aktiv vorangehen und ihr Gäste mit einbeziehen. Die Müllfischer, die in den Sommermonaten vor den Balearen eingesetzt wurden, um das Schlimmste zu beseitigen, werden uns nach der Saison mitteilen können, was sie alles rausgefischt haben.
Vielleicht ist ihr Einsatz schon bald nicht mehr notwendig.

Info Die Broschüre gegen Plastikmüll, die gemeinsam von Wikinger Reisen und dem WWF herausgegeben wird, findet sich hier:  https://www.wikinger-reisen.de/pdf/dokumente/WWF-TouristenRatgeber.pdf

Hans-Rainer Mayer will mit dem Plastikmüll-Kunstprojekt „Plastikwirbel“  einen Beitrag gegen Kunststoff-Müllberge leisten.  Seine Collagen aus regionalem Plastikmüll wurden für den Zukunftpreis der Stadt Augsburg nominiert: www.sonimages.de/plastik.htm

 

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