Mein Augsburg

Ach, mein Augsburg! Immer, wenn ich von einer Reise zurückkomme, freue ich mich auf die alte Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin. Hier bin ich zur Schule gegangen – in der Klosterschule Maria Warth und vorher noch in der Grundschule St. Georg. Hier wurden unsere Kinder groß und wir älter und älter. Ich habe erlebt, wie meine Stadt sich verändert hat, wie sie bunter wurde, offener, großstädtischer. Ich habe mich mit dem FCA über seine Erfolge gefreut und darüber, dass Augsburg über König Fußball noch bekannter wurde.

Rote Ampel an der Baustelle

Rote Ampel an der Baustelle

Aber weil ich mitten in der Stadt wohne, sehe ich auch so einiges, was mich ärgert. Da wären die Baustellen, die mich immer wieder vor Rätsel stellen. Das Verwaltungsgebäude am Rathausplatz ist seit Wochen eingerüstet, war es schon im Sommer zur besten Reisezeit. Naja, spätestens zum Christkindlmarkt muss das Gerüst weg. Ob dann drunter was Besseres zum Vorschein kommt? Oder ob es so läuft wie in der Frauentorstraße. Da war das ehemalige Hohe Meer neben dem Mozarthaus auch wochenlang eingerüstet. Jetzt ist das Gerüst verschwunden, drunter hervorgekommen ist eine noch übler zugerichtete Fassade. Gleich um die Ecke wurden übrigens ein paar denkmalgeschützte Häuser abgerissen, die seit Jahren baufällig waren. Jetzt soll hier Wohnbebauung entstehen – hoffentlich nicht monoton so wie auf dem Areal der Hasenbrauerei. Und während da kein Wort vom Denkmalschutz zu hören war, wird zwischen Schmied- und Leonhardsberg ein langjähriger Schandfleck erhalten – aus Denkmalschutzgründen. Was aus dem ehemaligen Möbelhaus wirklich werden soll, weiß wohl nicht einmal der Investor aus Dubai. So global ist Augsburg inzwischen.

Brecht im Lechviertel

Brecht im Lechviertel

Was wohl Bert Brecht dazu gesagt hätte, der lange ungeliebte Sohn der Stadt? Heute flicht man dem rebellischen Dichter Kränze, widmet ihm ein Festival – und könnte doch noch einiges mehr tun. Etwa im Brechthaus. Während sich das neue Fugger- und Welsermuseum zum Besuchermagneten mauserte, ja sogar für den deutschen Tourismuspreis nominiert wurde, fristet das Brechthaus ein Schattendasein. Schade drum, weil Brecht uns Heutigen doch so viel zu sagen hätte. Das haben seine literarischen Nachfolger auch erkannt, die den unangepassten Brecht gerne in ihren Romanen zitieren. In Lechhausen hat Brechtkenner und Buchhändler Kurt Idrizovic bei dem von der Augsburger Allgemeinen inszenierten Kulturstraßen-Event die Zuhörer mitgenommen in das Augsburg des jungen Brecht, der sich gern am Lech herumtrieb allein oder noch lieber zu zweit…

Kahnfahrt

Kahnfahrt

Wenn ich an Brecht denke, dann fällt mir immer die Kahnfahrt ein, wo Eugen Berthold Friedrich Brecht nicht nur auf dem Geländer saß und sinnierte, sondern auch als Bootschupfer (Idrizovic) tätig war. Schön ist’s da immer noch!
Ein anderer meiner Lieblingsplätze ist der Rote Tor Wall, jetzt im Herbst besonders blätterbunt. Und die Wassertürme erinnern mich daran, dass Augsburg sich mit seiner „Wasserkunst“ für die Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes bewirbt. Da drücke ich meiner Stadt natürlich die Daumen. Verdient hätte sie es längst. Aber weil die Fuggerei, eines der Augsburger Aushängeschilder, nicht mehr im Original existiert – wie auch nach den verheerenden Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg? – war die Karte Fugger chancenlos.

Fuggerei Häuserzeile

Fuggerei Häuserzeile

Jetzt also die Wasserkunst. Da hat Augsburg ja einiges zu bieten: die Kanäle in der Altstadt, den Hochablass, das Wasserwerk in der Wolfzahnau, die Prachtbrunnen in der Maximilianstraße und dazu noch hydrotechnische Modelle und wasserwirtschaftliche Skizzen, die beweisen, dass die Freie Stadt zwischen Lech und Wertach schon frühzeitig die Bedeutung des Wassers erkannt hatte.

Puppenspieler Klaus Marschall mit Kasperl

Puppenspieler Klaus Marschall mit Kasperl

Aber was wäre mein Augsburg ohne die Puppenkiste? Wo ich als Kind bei Märchenaufführungen mitfieberte, als Jugendliche kleine Marionetten tanzen lassen durfte und mich heute immer noch gerne verzaubern lasse?
Ich sehe schon, ich kann mich gar nicht mehr bremsen, wenn ich ins Schwärmen gerate. Da gibt es soviel Plätze, die mir am Herzen liegen: Das Thelottviertel mit den schönen Villen, das lebendige Bismarckviertel, die romantischen Ecken im Ulrichsviertel, die Lechkanäle in der Altstadt mit den alten Handwerkerhäusern (nur am zerfallenden Gignoux-Haus kann ich nicht vorbeigehen, ohne mich zu ärgern!), der Hofgarten, der Fronhof…
Aber ich will euch ja auch noch ein paar Tipps geben, wo man in Augsburg so richtig schlemmen – und fürs Schlemmermahl zuhause – einkaufen kann.

August Eingang

August Eingang

Da wäre natürlich zuallererst unser Sternerestaurant August. Zwei Sterne hat Christian Grünwald sich erkocht – mit außergewöhnlichen Kreationen. Jeder Gang ein Kunstwerk auf dem Teller. Allerdings ist der Genuss im kleinen Lokal an der Frauentorstraße – im Frühjahr 2016 will der Sternekoch in die Haagvilla umziehen – nichts für schmale Geldbeutel.
Zünftig bayerisch-schwäbisch geht’s in der schön renovierten Kälberhalle zu. In die rustikale Umgebung mit der Schaubrauerei passen Bier und Schweinshaxe. Überhaupt hat sich das Schlachthof-Quartier zur Ausgeh-Meile gemausert. Und das nicht nur im Sommer, wenn man in den Biergärten die lauen Abende genießen kann.
Zum Kaffeeklatsch treffe ich mich am liebsten im Café Euringer am Perlachberg, wo es den besten Bienenstich der Stadt gibt – und feine Torten für Schleckermäuler.

Auch wer gerne beim Essen den Urlaub verlängert, braucht in Augsburg nicht lange suchen:
Klein und fein der Italiener an der Maximilianstraße Mille Miglia. Dass man sich bei Vito Ruggeri und seinem Team wie in Italien fühlen kann, hat sich rumgesprochen. Wer hier ohne Reservierung noch einen Platz findet, hat Glück gehabt.
Wen es eher nach Griechenland zieht, der sollte versuchen, bei Nikos im Hunoldsgraben eines der heiß begehrten Plätzchen zu ergattern. Speisekarte gibt’s keine, dafür ein paar gute Tipps vom Wirt.
Ins unglaubliche Indien zieht es immer mehr Deutsche. Einen Vorgeschmack auf die Vielfalt des Subkontinents gibt es im Sangam am Hunoldsgraben, wo man sich Indien auf der Zunge zergehen lassen kann. Trotz der derzeitigen Inder-Invasion in der Innenstadt ist das Sangam immer noch der indische Platzhirsch.
Und während man inzwischen China-Restaurants in Augsburg mit der Lupe suchen kann, mehren sich die Lokale, die thailändische oder vietnamesische Küche anbieten. Bei Madame Kim und Monsieur Minh in der Sieglindenstraße ist die Karte klein. Dafür weckt jedes Gericht die schönsten Urlaubserinnerungen.

Stadtmarkt Blütendeko

Stadtmarkt Blütendeko

Ohne den Stadtmarkt würde mir das Einkaufen in Augsburg nur halb so viel Spaß machen. Hier weiß ich, wo ich das frischeste Gemüse, den besten Fisch, das Bio-Fleisch und den würzigsten Käse finde. Wo ich Eier und Bauernbutter kaufen kann, Kartoffeln vom eigenen Acker und die Weihnachtsgans.
Doch was wäre so ein Einkaufsbummel auf dem Markt ohne eine Einkehr bei Ibo? Seit es das Café bei Feinkost Erbas gibt, drängen sich hier die Stammgäste. Das liegt natürlich auch daran, dass Gastgeber Ibo für jeden und jede ein nettes Wort, ein Schwätzchen, übrig hat. Auch wir treffen hier gerne Freunde zu einem Gläschen Wein oder auch einem Vorspeisenteller.

Wein und Käse

Wein und Käse

Und dann muss ich natürlich noch ins Paganini. Seit mein Lieblingsladen „Wein & Käse“ zugemacht hat, bin ich in der Filiale am Rathausplatz Stammkundin. Hier unter dem Bild des Namensgebers Niccolo Paganini gibt’s Augsburgs beste Rillette, einen wunderbaren Roquefort und auch den seltenen Pata Negra Schinken aus Spanien. Im Sommer gönnen wir uns auf den Stühlen im Freien hin und wieder ein Glas Wein und einen von Alexandra Bauers üppigen Tellern, bestückt mit den Leckerbissen aus dem Laden.
Und dabei lassen wir tout Augsburg an uns vorbei flanieren. Auch ein Erlebnis!

P.S. Mehr über mein Augsburg in meinem Buch „Augsburg – ein starkes Stück Schwaben“, erschienen im Gmeiner Verlag

0 Kommentare

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.