Kulturhauptstadt Ruhr2010: Viel Kultur im Pott

Die Welt der Kumpel im Revier war schon multikulti, ehe das Wort geboren wurde. Tausende von Polen, Italienern, Türken sind im Pott zur Solidargemeinschaft verschmolzen. Kirchen, Synagogen und Moscheen stehen friedlich nebeneinander. Als Kulturhauptstadt kann das Ruhrgebiet, mit 5,3 Millionen Einwohnern  drittgrößter Ballungsraum Europas, in diesem Jahr seine Zukunftsfähigkeit beweisen. 2500 Kulturveranstaltungen und Feste sollen Millionen Touristen in die Metropole Ruhr locken und die 53 Städte und Gemeinden tatsächlich zu einer Einheit zusammenschweißen.

Zentraler Ort ist die Zeche Zollverein, das Wahrzeichen der
Industriekultur und seit 2001 Welterbe. Bis zur Stilllegung 1986 war
Zollverein die größte und wichtigste Schachtanlage der Welt, ein Symbol
auch für die Macht der Stahlindustrie. Hier, wo Rem Kohlhaas die
Rolltreppe zur neonfarbenen Gangway machte, wurde das
Kulturhauptstadtjahr eröffnet. In der ehemaligen Kohlenwäsche zeigt das
RuhrMuseum die Dauerausstellung zu Natur, Kultur und Geschichte des
Ruhrgebiets und präsentiert in drei Etagen, dem ehemaligen Weg der
Kohle folgend, die kontroversen Mythen und Bilder des Reviers:
www.ruhrmuseum.de

Der Gasometer Oberhausen, eine Stahltonne mit 68 Meter Durchmesser, der
einmal die „größte Coladose der Welt“ werden sollte, ist heute eine
Ausstellungshalle mit drei Aussichtsplattformen und einem
Glasfahrstuhl. Noch bis Jahresende lassen hier Sternstunden erleben: Zu
sehen sind Aufnahmen mit dem Hubble-Teleskop, die wie Gemälde wirken –
und „der größte Mond auf Erden“. Die beeindruckende Nachbildung des
Erdtrabanten dominiert die Ausstellung: www.gasometer.de

Der Landschaftspark Duisburg Nord präsentiert sich als
Mega-Multi-Maxi-Park der unbegrenzten Möglichkeiten. Karl Heinz (75)
führt seit 14 Jahren ehrenamtlich Besucher durch den Park. Er war
„Thyssianer“ und erinnert sich mit Wehmut an die Zeiten, als 2200
Menschen – später 1200 – hier arbeiteten. Heute ist das Ganze ein
großer Freizeitpark mit Tauchbecken im Gasometer, Kletterwand am
Hochofen samt Rutsche und Almhütte, mit Disco und Restaurant – und mit
450 Arbeitsplätzen. Von der Schufterei der Schmelzer in der
Hochofenhitze erzählt Karl-Heinz und dass es trotz allem „eine schöne
Zeit“ war. „Man wusste, wo man hingehörte.“ Wenn der Himmel über den
Hochöfen sich rot färbte, erzählte seine Frau den vier Kindern, dass
die Engel im Himmel Plätzchen backten. Heute sind die vier weit
verstreut, haben nichts mit Stahlkochern am Hut. Dafür kommen 
Jugendliche zum Klettern, Feiern und Toben und bei den
Nachtlichtführungen bewundern die Touristen die mit Lichtern in Szene
gesetzt Kathedrale der Industriekultur: www.landschaftspark.de

Das Folkwang-Museum, einst als schönstes Museum der Welt gerühmt und
von Stararchitekt David Chipperfield mit einer Architektur aus  klaren
Linien und viel Licht spektakulär erweitert, ist eines der kulturellen
Highlights im Kulturhauptstadtjahr. 55 Millionen Euro hatte Berthold
Beitz
von der Kruppstiftung für den Neubau locker gemacht, der sich zur
Stadt hin öffnet und mit seiner aufgelockerten Architektur viele Ein-,
Durch- und Ausblicke bietet. In den weiten Fluchten der Räume ist Kunst
von der Nachkriegsmalerei bis zur Gegenwart zu sehen:
www.museum-folkwang.de

Das Zentrum für Internationale Lichtkunst in Unna bringt den Pott zum
Leuchten – unterirdisch. Und das schon seit 2001. Bis heute ist das
Lichtkunstzentrum in der ehemaligen Lindenbrauerei weltweit das erste
und einzige Museum, das sich ausschließlich Lichtinstallationen widmet.
Auf 2400 Quadratmetern werden in Kühlräumen und Gärbecken Träume aus
Licht in Szene gesetzt. Die Lichtspiele tragen große Namen: James
Turrell
lädt zu einzigartigen Entdeckungen ein und holt in der
aufwändigen Installation Third Breath das Äußere nach innen. Olafur
Elisson
bricht das Licht in Wasserfällen und Regenbögen. Sein
„reflektierender Korridor“ ist eine begehbare Installation mit
überraschenden Wahrnehmungen. Keath Sonniers schwebende Neonröhren in
rot, lila und blau verschlingen sich zum „tunnel of tears“, während
Mischa Kuball aus Discokugeln ein „Karussell der Sterne“ zaubert. Im
Garkeller setzt das Lichtdesign die gusseisernen Säulen in einen fast
sakralen Zusammenhang. Totentanz herrscht im Fasskeller, wo Christian
Botanski
ein alptraumhaftes Schattenspiel inszeniert:
www.lichtkunst-unna.de

Das Unperfekthaus in Essen ist zwar keiner der Höhepunkt im
Kulturhauptstadtjahr aber allemal ein erlebenswertes Kuriosum. „In
unperfekter Umgebung ersteht Kreativität“ ist die Überzeugung von
Inhaber Reinhard Wiesemann, der sein Geld mit IT-Bereich gemacht hat.
Das Konzept dieses Künstlerhorts als Treffpunkt wurde 2007 mit dem
Kulturpreis 2007 ausgezeichnet. Markus Urselmann (29), blaue Strähnen
im dunklen Haar, Ziegenbärtchen, Ohrring, ist seit vier Jahren dabei
und davon überzeugt, dass im Unperfekthaus eine Utopie realisierbar
geworden ist. „Wir sind ein Freiraum für Menschen mit kreativen Ideen.“
Kreativ ist dabei alles, „was potenziell interessant ist für unsere
Besucher“. Das kann auch ein Workshop zuer Herstellung von Tiersärgen
für den Heimbedarf sein. Es gibt Ateliers für Maler, Fachräume für
Seminare, ein Theater, ein Restaurant, Eventräume und ein WG-Hotel. Es
gibt Ruheliegen und Kuschelecken, Tischtennis und Kicker, Internet und
ein Kunstkaufhaus.  Es kommen Senioren und Teenie-Gruppen, Ärzte auf
Fortbildung und Internet-Freaks zum Twitter-Festival. Das Unperfekthaus
ist täglich von 10 bis 23 Uhr   geöffnet. Im Eintritt von 5,50 Euro
sind  beliebig viele Milchkaffees, Tee, Cola, Limo, Wasser, Espresso,
Kakao inklusive: www.unperfekthaus.de

Das Kulturhauptstadtprogramm steht auf neun Säulen: Mythos Ruhr
begreifen, Metropole gestalten, Bilder entdecken, Theater wagen, Musik
leben, Sprache erfahren, Kreativwirtschaft stärken, Feste feiern und
Europa bewegen: www.essen-fuer-das-ruhrgebiet.ruhr2010.de
Höhepunkte u.a. „Schachtzeichen“ vom 22. bis 30. Mai: 400 gelbe Ballons
schweben über den ehemaligen Schächten: www.schachtzeichen.de
Extraschicht am 18. Juni mit mehr als 100 Konzerten, Theaterstücken und
Führungen zwischen 18 und 2 Uhr in den Industrieanlagen:
www.extraschicht.de
Stillleben auf dem Ruhrschnellweg: Am 18. Juli wird die Autobahn
gesperrt. Auf einer Strecke von fast 60 Kilometern entsteht aus 20000
Tischen eine Begegnungsstätte der Kulturen, Generationen und Nationen –
die längste Tafel der Welt: www.ruhr2010.still-leben-ruhrschnellweg.de
Sinfonie der Tausend: Am 12. September spielen Orchester und Chöre des
Ruhrgebiets Mahlers "Sinfonie der Tausend" 100 Jahre nach der
Uraufführung im Landschaftspark Duisburg Nord: www.ruhr2010.de
Als Schlüssel zur Kulturhauptstadt empfiehlt sich die RuhrTopCard 2010 (47,90 Euro)

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