Hiddensee und Gerhart Hauptmann

Gerhart Hauptmann würde sich wundern, wenn er heute auf seine Lieblingsinsel käme. 3000 Tagesgäste überschwemmen das kleine Eiland und die 4000 Gästebetten sind sommers so gut wie ausgebucht. Hiddensee, das "liebenswerte Ländchen", ist längst kein Geheimtipp mehr ­ obwohl Hauptmann es gerne so bewahrt hätte. "Stille, stille, dass es ja kein Weltbad werde," empfahl der Literaturnobelpreisträger seinen Freunden, die zahlreich auf die Insel strömten, um dem "König von Hiddensee" zu huldigen.
Nicht alle erwiesen sich so undankbar wie Thomas Mann, der sich neben Hauptmann als Gast zweiter Klasse fühlte. Im "Zauberberg", den er auf Hiddensee vollendete, karikierte er den Autoren-Kollegen in der Person des alkoholabhängigen Mjinher Peeperkorn. "Ich habe ihm mein Herz geöffnet und mein schönes Hiddensee, und er hat es mir übel gelohnt," klagte Hauptmann. Sein schönes Hiddensee hat ihm auch die Mann-Episode nicht vergällt. Auf dem Inselfriedhof hat der Autor von sozialkritischen Stücken wie zum Beispiel "Vor Sonnenaufgang", "Die Weber" oder "Der Biberpelz" seine letzte Ruhestätte gefunden.

Beigesetzt wurde er 1946 in einer Mönchskutte, mit einem Säckchen schlesischer Erde, dem neuen Testament und seinem letzten Manuskript, ganz wie er es sich gewünscht hatte. Nur bei der Zeit wichen die Hiddenseer vom Dichter-Wunsch ab. Sie begruben ihn nicht vor sondern bei Sonnenaufgang. Und damit, so heißt es, begruben sie auch die Konflikte, die sie mit dem "König von Hiddensee" und seiner etwas eigenwilligen Lebensweise hatten.
Heute ist das Hauptmann-Haus eine der Hauptattraktionen der Insel ­
auch, weil es so wirkt, als würde der Dichter im nächsten Augenblick
wieder zur Tür hereinkommen, um sich an den Schreibtisch zu setzen oder
um eine Flasche Wein aus dem gut bestückten Weinkeller zu holen.
Frische Blumen stehen auf dem Tisch, an dem Hauptmann seine Gäste
bewirtete, und in den spartanischen Schlafzimmern. Die Leiterin der
Gedenkstätte, Dr. Sonja Kühne, weiß viel zu erzählen über den Mann, der
mit seiner jungen Freundin Margarete Marschalk auf die Insel der Liebe
kam, um die "böse Welt" hinter sich zu lassen. Margarete wurde seine
zweite Frau. Ihre Urne wurde im Hauptmann-Grab auf dem Inselfriedhof
beigesetzt.

Hier ruhen, von grünen Hecken begrenzt, auch Oskar
und Max Kruse (der Mann von Käthe Kruse), der Regisseur Walter
Felsenstein und die Dresdner Tänzerin Gret Palucca. Sie war die letzte
Fremde, die auf diesem Friedhof ein Grab fand. Der Inselpastor machte
dem Begräbnistourismus ein Ende ­ der Friedhof gehört jetzt wieder den
Insulanern. Manfred Domrös ist ein Pastor wie aus dem
Seelsorger-Handbuch, einer, der das Herz am rechten Fleck hat und
daraus keine Mördergrube macht. Vormittags führt der Herr Pastor gerne
durch die Bauernkirche in Kloster. Sie stammt aus dem Jahr 1332 und ist
das älteste Gebäude auf Hiddensee. Vom ehemaligen Zisterzienser-Kloster
blieb nach Reformation und der Säkularisation nichts übrig und darüber
ist der Pastor froh, "sonst müsste ich mich um alte Steine kümmern,
statt um Menschen". Wallenstein war es wohl, der schließlich "mit allem
aufgeräumt" hat ­ bis auf das Kirchlein. Der erste Pastor war ein
ehemaliger Mönch. Domrös ist der 22. in der Reihe und ein würdiger
Nachfolger.
Auch als Kirchenführer macht sich der wackere Gottesmann
gut. Weiß er doch zum rundlichen Taufengel (aus einer Werkstatt, die
Galionsfiguren herstellte) ebenso eine nette, kleine Anekdote wie zur
hellblauen Tonnendecke, die mit rosa Rosen geschmückt ist. (Ein reicher
Schwede aus Stralsund hat diese 1780 zur Zeit der schwedischen
Besatzung finanziert. Er hatte nämlich die Zukunft der Insel im Auge,
besorgte auch Hebamme und Lehrer für die Bewohner.) Ein wertvolles
Relikt aus der Vergangenheit hatte die Sturmflut von 1782 bereits
angeschwemmt, den Hiddenseer Goldschmuck, eine filgrane
Goldschmiedearbeit mit christlichen und heidnischen Symbolen.

Der
596 Gramm schwere Halsschmuck, der 1875 eher zufällig am Neuendorfer
Strand gefunden wurde, verschwand als bedeutendstes Beispiel der
Goldschmiedekunst der Wikinger im Stralsunder Museumssafe. Im
Inselmuseum, ist neben duftenden Sträußen von Inselblumen aber
natürlich eine Kopie besagten Goldschmucks zu sehen. Das kleine Museum
in der ehemaligen Seenot-Rettungsstation informiert äußerst anschaulich
über die Geschichte der Insel seit der letzten Eiszeit vor 12000 Jahren.
Sie
prägte das Gesicht Hiddensees, denn der Dornbusch, der geologische
Inselkern, ist eine eiszeitliche Endmoräne. Lila blüht hier die Heide,
goldgelb leuchten die Beeren der Sanddorn-Büsche, rosarot schimmern die
zarten Blüten der Wildrosen. Mit 72 Metern ist der Schluckwieksberg die
höchste Erhebung der gerade mal 19 Quadratmeter großen Insel. Ein Auto
braucht man nicht, um zur "blauen Scheune" zu kommen, dem 250 Jahre
alten Lehmfachwerkhaus, das seit 1920 Künstlerhaus ist. Oder zum
"Karusel" genannten Haus, in dem der Stummfilmstar Asta Nielsen ihre
Sommermonate verbrachte. Oder zum Leuchtturm, von dem aus der Blick
über die fischförmige Insel, die weißen Strände und das silbrig
schimmernde Meer schweift.
Trotz der vielen Besucher hat Hiddensee
sich seinen Charme bewahrt: es ist tatsächlich "Soten Lännekens", ein
süßes (liebenswertes) Ländchen.

Nicht nur Pferde beziehungsweise
dessen Reiter sind die wunderbaren Strände auf der Ostseeinsel
Hiddensee ein tolles Erlebnis: Zu Zeiten der DDR schon ein beliebtes
Urlaubsziel der Ostdeutschen, hat mittlerweile auch der Rest der
republik das kleine Paradies entdeckt.

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