Everest-Flug: Auf den Flügeln der Sehnsucht

Der Mount Everest, ein Mythos, oftmals bezwungen, erstmals von Sir Edmund Hillary und Tenzing  Norgay, erstmals ohne Sauerstoff von Reinhold Messner und Peter Habeler. Ihnen folgten unzählige Bergsteiger und Abenteurer auf den höchsten Gipfel der Welt (aktuell: 8844,43 Meter), im Jahr über 600. Mindestens 200 Menschen starben beim ehrgeizigen Versuch, das Dach der Welt zu erklimmen, erfroren in den eisigen Höhen, fielen der Höhenkrankheit oder einem Schwächeanfall zum Opfer. Der Everest oder Sagarmatha (Stirn des Himmels) lässt sich nicht so leicht erobern.  Oder doch? Es gibt einen einfachen, ungefährlichen Weg, dem Dach der Welt nahe zu kommen. Von Kathmandu aus mit dem Flugzeug.

Buddha Air etwa fliegt jeden Morgen ab 6.30 Uhr die nepalesische Himalaja-Range entlang bis zum Khumbu Himal an der Grenze zu China. Doch die Airline, die 18-sitzige Maschinen der Marke Beech 1900D einsetzt, ist nicht allein am Start. Schon früh am Morgen wuselt es von ebenso schlaftrunkenen wie aufgeregten Touristen in der Wartehalle auf dem Inlandsflughafen von Kathmandu. Ein nahezu babylonisches Sprachgewirr hängt in der Luft. Großes Gedränge am Ausgang, obwohl alle ihren Sitzplatz schon sicher haben. Sita Air bringt ein paar mehr Neugierige unter als unser Flieger. Dafür gibt es bei Buddha Air nur Fensterplätze. Freier Blick auf die weißen Giganten garantiert – wenn das Wetter mitmacht. Denn in Kathmandu haben die höchsten Berge eher selten ihren Auftritt. Eine dichte Smogglocke hängt über dem Tal und an den meisten Tagen ahnt man den Himalaja mehr als dass man ihn sieht. Und die weißen Gipfel, die über den Wolken thronen, wirken dann tatsächlich wie aus einer anderen Welt:  Götterthrone.  
Doch letzte Nacht hat es geregnet, Kathmandu wirkt wie frisch gewaschen, und der Pilot ist optimistisch, dass wir zu sehen bekommen, wonach wir uns sehnen. 13 Maschinen sind an diesem Tag am Start. Wir stehen erst mal im Bus vor dem Rollfeld, ehe ein Wichtigtuer mit Walkie Talkie den Weg freigibt. Ein kleiner Nepalese, mit Taschen behangen, springt noch während der Fahrt auf. Am Rand des Flughafens exerzieren Soldaten. Gerade haben die Maoisten die Wahl gewonnen, sensationell hoch. Die politische Lage ist unsicher. 
Auf dem Flughafen schert das niemanden.  Die Maschinen starten im Minutenabstand. „Fast wie auf dem Frankfurter Flughafen“, murmelt ein Passagier.
Dann breitet sich die Stadt unter uns aus, als hätte jemand einen großen Baukasten in eine Modelleisenbahnlandschaft ausgeleert. Die Beech scheint direkt in die braunen Berge zu fliegen, über die  Terrassenfelder geschachtelt sind. Winzig klein die Hütten und Häuser. Und dann sind sie da, die weißen Giganten, unwirklich, atemberaubend. „O my God“, stöhnt die Engländerin vor mir und schlägt die Hände vors Gesicht. „How wonderful they are.” Die Stewardess geht von Platz zu Platz und erklärt geduldig, welche Gipfel gerade vor dem Fenster stehen: Der erste Achttausender Shisha Pangma, die Kuppe des Dorje-Lapka neckisch wie eine Zipfelmütze, der massige Gauri Shankar, der behäbig-breite Melungtse, dann das markante 8000er Massiv des Cho-Oyo.
Wie alle anderen darf auch ich kurz ins Cockpit. Scheinbar ungerührt steuert der Pilot ins Solu Khumbu. Dann deutet er auf eine Pyramide zwischen zwei kleineren Gipfeln: der Everest mit Nuptse und Lhotse! Aufgeregt klicken die Kameras im Flugzeug, das sich gefährlich zur Seite neigt, weil alle den ersten Blick auf den höchsten Berg der Welt werfen wollen. Nur eine Amerikanerin scheint das alles nicht zu kümmern. Die Ohren verstöpselt, liest sie in ihrem Führer. Ein paar Minuten später – da hat das Flugzeug schon gewendet -, springt sie plötzlich auf und drängt sich an ein anderes Fenster. „I nearly missed the Everest“, sagt sie fast ungläubig und starrt wie gebannt auf die gewaltige Pyramide aus Fels und Eis, die wir viel zu schnell hinter uns lassen.
Auf dem Rückflug hat die andere Hälfte der Passagiere den freien Blick auf die majestätischen Himalaja-Berge. Ganz nah kommen wir den Scharten und Eisbrüchen, den kantigen Tälern und massigen Gipfeln. Doch schon wird es wieder dunstig. Mehr und mehr verschwinden die weißen Riesen hinter einem Wolkenschleier. Und als Kathmandu unter uns auftaucht, ist der Vorhang gefallen, die Vorstellung zu Ende.
Nicht ganz. Beim Aussteigen aus der Maschine bekomme ich ein Zertifikat in die Hand gedrückt. Vor dem Bild der Buddha Air-Maschine, die dem Everest so nahe kommt wie in Wirklichkeit wohl selten, ist zu lesen: „I did not climb the everest, but I touched it with my heart  – ich habe den Everest nicht bestiegen, aber ich habe ihn mit meinem Herzen berührt." Stimmt.           

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