Deutschlandreise 2017

Deutschland ist ein Thema. Gerade hat sich der Spiegel in einem ganzen Heft mit der „Lage der Nation“ beschäftigt. Auch im Deutschland-Tourismus bewegt sich etwas. Von Januar bis Juni stieg laut Statistischem Bundesamt die Zahl der Übernachtungen im Vergleich zum Vorjahr um drei Prozent auf 205,1 Millionen. Die Touristische Runde in München hatte sieben fachkundige Referenten ins Paulaner im Tal geladen, um zu erkunden, wo die Stärken des Deutschlandtourismus liegen und wie die Zukunft aussieht. Die Gegenwart jedenfalls spielt den deutschen Touristikern in die Hände: Bisher beliebt Touristenziele fallen aus oder sind nicht mehr so begeht. Ägypten leidet noch immer unter der Angst vor Terroranschlägen, die Türkei unter dem schlechten Image Erdogans und Mallorca unter Überfüllung. Hinzu kommt die Renaissance von Slow Travel, die Wiederentdeckung der Heimat, das Gefühl von Sicherheit in gewohnter Umgebung und natürlich der demographische Wandel. Was aber sagen die Experten?

DTV: Mit dem Tourismuspreis Trends setzen

In Deutschland wird auch der Wassertourismus immer wichtiger. Hier: Konstanz vom Bodensee aus.

Claudia Gilles, Geschäftsführerin des Deutschen Tourismusverbands, der vor 13 Jahren den Tourismuspreis ins Leben rief, freut sich darüber, dass sich zunehmend kleine Teams an Innovationen herantrauen und Neues wagen. „Man muss den Menschen ja nicht mehr sagen, dass man in Deutschland gut Urlaub machen kann,“ ist sie überzeugt. Mit dem Tourismuspreis habe der DTV den Markt für das Thema Innovationen sensibilisiert und manche Trends gesetzt, beispielsweise als man das erste Baumhaus in Deutschland ausgezeichnet habe oder das Stammgastmarketing der Ostfriesischen Inseln. Die Zusammenarbeit mit dem ADFC und anderen Partnern zum Thema Mobilität ist eng. So sei die Initiative „Deutschland per Rad entdecken“ entstanden sowie die D3-Route durch fünf Bundesländer. Auch der Wassertourismus werde immer wichtiger. „Ich träume von einem einzigen Ticket für Reisende, die verschiedene Verkehrsmittel nutzen,“ verrät Gilles, um gleich darauf hinzuweisen, dass dazu eine passende Infrastruktur erforderlich wäre, aber auch „ein neues Kooperationsdenken zwischen Verkehrsverbünden, Mobilitätsanbietern sowie Bestellern der Verkehre“.

Baden-Württemberg: Kulinarik und Klischees

Heidelberg gehört zu den bekanntesten „Marken“ in Baden-Württemberg. (c) Achim Mende

Auch Andreas Braun, Geschäftsführer der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg ist sicher, dass im Deutschlandtourismus „viel passiert“ ist. Und das Ländle habe mit 25 Prozent den höchsten Anteil ausländischer Besucher aller Flächenländer, nur die Hauptstadt Berlin habe mit 40 Prozent noch mehr. Vor allem Schweizer und Franzosen kämen gerne über die Grenze nach Baden-Württemberg, wo sie auch kulinarisch nicht enttäuscht würden. „Bei uns hat man auch auf den Land im Wirtshaus selten Pech,“ meint Braun. Allerdings sei das Bundesland mit dem Doppelnamen, den „viele nicht einmal unfallfrei aussprechen können“, schwierig zu vermarkten. Es gäbe starke Destinationen wie den Schwarzwald, Heidelberg oder Baden Baden, die auch von den Bildern lebten, die bei der Namensnennung im Kopf der Touristen entstünden. Aber dazu kämen eben auch relativ schwache Regionen und der große Anteil von Geschäftsreisenden, was bei einem Konjunktureinbruch zum Problem werden könne. Doch Braun, der 2009 in der Finanzkrise zum Tourismus-Geschäftsführer wurde, ist überzeugt davon, dass die findigen Baden-Württemberger auch Meister im Krisenmanagement sind und mit klugen Ideen den Tourismus voranbringen. Das Thema Fahrrad etwa, das in diesem Jubiläumsjahr ganz vorne stand, habe weltweit eine gigantische Medienresonanz erzeugt und treffe heute wohl einen Nerv. E-Mobilität verhelfe zudem zu einer Aufwertung der Regionen vom Schwarzwald bis zur Schwäbischen Alb.

Schwäbische Alb:  Im Zeichen des Löwenmenschen

Für Mike Münzing, Bürgermeister von Münsingen und Vorsitzender des Verbands Schwäbische Alb Tourismus, geht es vor allem um authentischen Tourismus. Münzing, auch einer der Gründerväter des Biosphärenreservats Schwäbische Alb, das vom Bundesumweltministerium und dem Deutschen Tourismusverband als nachhaltige Tourismusregion ausgezeichnet wurde, lobt die Vielfalt des Gebiets, das immerhin 29 Städte und Gemeinden aus drei Landkreisen und zwei Regierungsbezirken umfasst, aber allzu lange im „schwäbischen Understatement“ verharrt habe. „Ein halbes Jahr Winter, ein halbes Jahr kalt – das ist die Schwäbische Alb“, dieser Spruch gelte schon lange nicht mehr, erst recht nicht mehr, seit drei Höhlen auf der Alb zum Unesco Weltkulturerbe geadelt wurden. Der „Löwenmensch“, eine der ältesten figürlichen Darstellungen der Menschheitsgeschichte, soll künftig dabei helfen, die Alb bekannter und erlebbar zu machen. Mit dem „Löwenmensch-Award“ wurde etwa ein Landwirt ausgezeichnet, der durch den Re-Import aus Russland den Alb-Linsen wieder zu neuer Wertschätzung verholfen hat. Oder auch ein innovativer Campingplatz, zugleich Archehof für vom Aussterben bedrohte Haustierrassen. An Ideen mangele es nicht, so Münzing. Allerdings erwartet er nicht, dass die Schwäbische Alb in naher Zukunft im Hinblick auf die reinen Übernachtungszahlen aus dem Schatten des Schwarzwalds tritt. Wichtiger ist ihm, dass die Region „qualitätvoll“ wachse. Zum Beispiel mit E-Mobilitätszentren oder der reaktivierten Schwäbischen Alb-Bahn, die die kostenlose Mitnahme von Fahrrädern sicherstellt.

Oberstdorf: Spagat zwischen Tradition und Fortschritt

Noch mehr Wachstum sieht man in Oberstdorf eher kritisch. In der 9500-Seelen-Gemeinde im Allgäu steigen die Zahlen der Ankünfte und Übernachtungen ohnehin von Jahr zu Jahr. 2016 waren es 2,6 Millionen Übernachtungen – eine Brutto-Wertschöpfung von 250 Millionen Euro. Für Tourismusdirektor Horst Graf „ein Segen“. Aber der Touristiker erkennt auch die Kehrseite des Massentourismus: die Gefährdung der dörflichen Authentizität, den drohenden Verlust der Traditionen. Da müsse man gegenhalten. Um den Spagat zu schaffen, bedürfe es innovativer Ideen, glaubt Graf. Manchmal müsse man sich allerdings auch damit zufrieden geben, an kleinen Stellschrauben zu drehen. Denn nicht immer ließen sich Neuerungen leicht durchsetzen. Aber Oberstdorf investiere in seine Zukunft: Über zehn Millionen Euro koste die Erneuerung der Skiflugschanze, die durch ein Erlebniszentrum ergänzt werde. Rund 30 Millionen Euro sind für eine neue Therme geplant, die anstelle des alten Bades entstehen und mit Holz, Stein und Wasser die Allgäuer Landschaft authentisch widerspiegeln soll. Zwar lasse sich an der „Nadelöhr-Position“ Oberstdorfs kaum etwas ändern, aber es werde viel getan, um vor Ort umweltfreundliche Mobilität zu fördern – durch die Offerte, kostenlos den Bus zu nutzen und günstigen ÖPNV-Angeboten bis ins Kleinwalsertal in Österreich.

Romantik Hotels:  Gelebtes Unternehmertum

Thomas Edelkamp wendet sich gegen gleichförmige Hotelkonzepte.  (c) Romantik Hotels & Restaurants

Die wichtige Rolle der Hotels im Konzert der Tourismusanbieter unterstreicht Thomas Edelkamp, Vorstandsvorsitzender der Romantik Hotels & Restaurants. Hotels sollten seiner Meinung nach authentisch und regional sein, auf keinen Fall austauschbar. Edelkamp wirbt für „gelebtes und in der Region verwurzeltes Unternehmertum“ statt „Entfremdung durch gleichförmige Hotelkonzepte“. Allerdings sieht er auch nicht das einzelne Hotel als Ziel einer Reise, sondern die Destination. Im Hotel sollten sich die Besonderheiten dieses Zielgebiets wieder finden lassen. Die vergünstigte Mehrwertsteuer für Hotels begünstige entsprechende Investitionen und sei daher gut für den Tourismus, betont er. Unter anderem hätten die Romantik Hotels Touren und Angebote entwickelt, die sowohl Genussradler wie auch Mountainbiker und viele weitere Zielgruppen ansprechen. Da gelte es, die Leistung transparent zu machen. Für die Außenwirkung wünscht sich der Experte eine Art konzertierter Aktion aller im Tourismus Aktiven wie im Sommermärchen 2006, als die Fußball-WM in Deutschland, auch vom Wetter begünstigt, für ein Hoch im Deutschlandtourismus sorgte und positive Deutschlandbilder nach außen trug.

Hotel Hubertus:  Zurück zur Natur

Heimeige Atmosphäre in der Berg-Natur:  das Hotel Hubertus in Balderschwang. (c) Günter Standl

Das Hotel Hubertus Alpin Lodge und Spa in Balderschwang wurde von Focus unter die schönsten Lodges der Alpen gelistet. Es hat sich vom kleinen Familienhotel zu einem der renommiertesten Häuser in Deutschland entwickelt. Dass es trotzdem bodenständig geblieben ist, ist für Isabel Hirt eines der Geheimnisse des Erfolgs. Bis heute lebe die Familie Saisonalität und Regionalität und sorge mit „heimeliger Atmosphäre“ dafür, dass die Gäste sich in der Berg-Natur wieder erden könnten. Mit dem neuen Konzept „holistic life“ lade das Hotel dazu ein, die Kraft der Natur zu erfahren und sich selbst ganzheitlich zu spüren. Dazu passe neben Sonnenaufgangs- und Kräuterwanderungen auch das Angebot „Funkstille“: Gäste, die ihr Handy für die Dauer des Aufenthalts abgeben, bekommen zur Belohnung einen Bergkäse. Radler und Biker finden im Hubertus nicht nur einen Radverleih, sie bekommen auch eine Einführung ins e-Biken, klare Tourenbeschreibungen und eine persönliche Beratung.

FTI: Größere Vielfalt der Kundenwünsche

Radfahren ist ein Thema – auch für Reiseveranstalter wie FTI.  

Solche Angebote machen auch für Martin Katz, Chef der Eigenanreise bei dem Münchner Veranstalter FTI den Charme des Deutschlandtourismus aus. „Das beliebteste Reiseland der Deutschen“ führe bei Veranstaltern keineswegs ein Schattendasein, betonte Katz. Im Gegenteil, bei FTI sei es 2016 sogar nach der Zahl der Gäste das drittstärkste Ziel gewesen. Katz sieht den Deutschlandurlaub als Einsteigerprodukt und als Instrument zur Kundenbindung. Viele Menschen, die sich vom Informationsdschungel im Netz überfordert fühlten, würden die Vorteile einer Veranstalter-Reise erkennen. „Wir bieten nicht nur günstige Pakete, sondern auch Sicherheit und Betreuung rund um die Uhr.“ Auch als großer Veranstalter müsse man sich allerdings auf eine größere Vielfalt der Kundenwünsche einstellen. Das gelte auch für Radler. „Diesen speziellen Zielgruppen müssen wir uns noch stärker als bisher widmen,“ ist Katz überzeugt. Im Portfolio des Deutschlandtourismus könnten Radreisen künftig eine wichtige Rolle spielen.

Infos im Internet

www.deutschertourismusverband.de
www.tourismus-bw.de
 www.schwaebischealb.de/
www.oberstdorf.de

www.romantikhotels.com
www.hotel-hubertus.de
www.fti.de

 

 

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