Der Winter lässt auf sich warten

Statt weißer Pracht wie hier auf der Zugspitze

Statt weißer Pracht wie hier auf der Zugspitze

herrscht in weiten Teilen Bayern Nebel wie hier am Chiemsee.

herrscht in weiten Teilen Bayern Nebel wie hier am Chiemsee.

 

Bei den derzeitigen Wetterverhältnissen lag die Frage nahe „Hat der Wintertourismus in Bayern noch eine Chance?“ Weil Bayern Tourismus Marketing sie gestellt hatte, war auch das positive Fazit, das Geschäftsführer Jens Huwald am Ende der Gesprächsrunde am Mittwoch im Bayerischen Hof zog, voraussehbar. Der bayerische Winter, da waren sich die Vertreter von Wintersportorten, Seilbahnen und Skilehrerverband einig, ist besser als sein Ruf und steht zu Unrecht im Schatten des Tiroler Winters.
Schuld daran, auch da herrschte Einigkeit, trügen die Medien, die Tiroler Ausbau- und Beschneiungsprogramme lange nicht so kritisch unter die Lupe nähmen wie die bayerischen, allen voran das Sudelfeld. Die heftig kritisierte millionenschwere Investition, die neben einer neuen Sechser-Sesselbahn auch den Bau eines Speichersees für 150 000 Kubikmeter Wasser und eine Aufrüstung mit bis zu 250 Schneekanonen vorsieht, mache schon deshalb Sinn, weil sie mit Sicherheit „einen Investitionszyklus“ überdauere, verteidigte Harald Gmeiner, Geschäftsführer der Bergbahnen Sudelfeld das Projekt. „Es ging darum, das Gebiet zu ertüchtigen, um dem Wettbewerb standzuhalten.“ Dass den Bergbahnen wegen der Baumaßnahmen „Umwelt-Vandalismus“ vorgeworfen wird, kann Gmeiner nicht verstehen. Schließlich sorge ein Skigebiet vor der Haustür durch eine kurze Anreise für eine bessere ökologische Bilanz. Wintersport ohne lange Anfahrtswege, würden doch über 80 Prozent der CO²- Emission eines Skitages durch die An- und Abreise verursacht.
Und eigentlich, so Gmeiner, sollten sich die Bayern doch freuen, dass in bayerische Skigebiete investiert werde. Schließlich spiele der Tourismus im Freistaat eine wichtige Rolle und der Anteil des Wintertourismus wachse stetig. Von den 84 Millionen Übernachtungen im letzten Jahr entfielen 39 Prozent auf das Winterhalbjahr, erläuterte Jens Huwald und betonte, dass die Seilbahnen im ländlichen Raum „der Motor der wirtschaftlichen Entwicklung“ seien. Der wirtschaftliche Effekt sei „deutlich höher als der eines Hallenbads“. So sichere ein Arbeitsplatz bei der Seilbahn 4,2 Arbeitsplätze in der Region. wie eine aktuelle Untersuchung des Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen
Institutes für Fremdenverkehr an der Universität München belege.
Solches Lob freut Hannes Rechenauer, den stellvertretenden Vorstand des Verbands Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte. „Die Seilbahnen ringen um Ganzjahreskonzepte“, sagte er, „aber wir brauchen den Winter“. Die Beschneiungsanlagen seien nur Mittel zum Zweck. Durch die Studie der Klimatologin Dr. Andrea Fischer von der Universität Innsbruck, die zu dem Schluss kommt, bis etwa 2050 würden sich die Bedingungen für die Produktion von Kunstschnee in Wintersportgebieten nicht wesentlich verändern, fühlt der Verband sich in seiner Politik bestärkt. Mit der neuen Studie sieht er die vom Deutschen Alpenverein (DAV) in Auftrag gegebene Untersuchung von Geografen der gleichen Universität widerlegt, die selbst bei massiver Beschneiung die Schneesicherheit eines großen Teils der bayerischen Skigebiete in den nächsten 15 bis 20 Jahren in Zweifel gezogen hatten.
Wie wichtig Beschneiung für ein Skigebiet sein kann, illustrierte Markus Müller, Botschafter für den Landkreis Cham am Beispiel der Hohenbogenbahn, die 1972 in Betrieb ging. „In diesem Jahr“, so Müller, „fuhr kein einziger Skifahrer den Berg hinunter“. Seit 2000 werde beschneit, seit 2010 zur Gänze und damit habe die ganze Region eine Aufschwung erfahren.
Auch für Max Hillmeier, Kurdirektor von Bad Hindelang, das vom Deutschen Skiverband als familienfreundlichstes Skigebiet ausgezeichnet wurde, spielt der Wintertourismus eine wichtige Rolle. Von einer Krise im bayerischen Winter will er nichts wissen. So konnte der Allgäuer Wintersportort 2013/14 ein Plus von zwölf Prozent verbuchen: „Wir hatten im letzten Winter Top-Loipen und Top-Pisten in einer weißen Winter-Kulisse.“ Allerdings hat auch Hillmeier ein Kommunikationsproblem festgestellt: „Schon 40 Kilometer weiter entfernt wussten die Menschen nicht, dass es in Bayern einen Winter gab.“ Miriam Frietsch von Oberstdorf Tourismus sieht das ähnlich. Doch Deutschlands südlichster Ort profitiere von sportlichen Großveranstaltungen, die in die ganze Region ausstrahlten, konstatierte sie zufrieden.
Weil Winterurlaub mehr ist als Skifahren bemühen sich die Wintersportorte vermehrt um alternative Angebote wie Schneeschuhtouren, Winterwandern, Schlittenfahren. Aber auch Kulinarik, Kultur und Wellness stünden bei den Winterurlaubern hoch im Kurs, hieß es unisono. „Unser Gast ist hybrid“, bestätigte Ferdinand Reb, Geschäftsführer der Tourismuszentrale Fichtelgebirge, das seit 30 Jahren mit Deutschlands größtem Schneemann Furore macht.
Natur erleben wollen viele Wintersportler in Bayern - die meisten immer noch am liebsten auf Skiern. Auf Skifahrer verzichten will aber trotz all der schönen Alternativ-Angebote kein Wintersportort. Peter Hennekes, Hauptgeschäftsführer im Deutschen Skilehrerverband, sieht in dem Sport eine Möglichkeit zeittypischen Erscheinungen wie Vereinzelung, Entfremdung, Bewegungsmangel gegenzusteuern und wirbt für das „Gemeinschaftserlebnis“. Tatsächlich wollen immerhin 35,5 Prozent der Winterurlauber in Bayern Natur erleben – und das oft im Familienverbund. „Es gibt keine Wintersportdestination, die so behutsam mit der Natur umgeht wie Bayern“, erklärte Jens Huwald den Befund. Gerade mal 23 Prozent der Pisten würden künstlich beschneit, in Südtirol seien es 92 Prozent. Und der Energiebedarf für die Beschneiung in ganz Bayern sei in etwa so hoch wie der, den ein Freizeitbad das Jahr über brauche.
Doch bei den derzeitigen Temperaturen kann auch die beste Beschneiungsanlage nichts ausrichten. Die für das Wochenende angesetzten Ski-Openings wurden um eine Woche verschoben. Nur auf Deutschlands höchstem Berg, der Zugspitze, wurde eine Piste am Schneefernerkopf offen sein, wie Verena Lothes, die Kommunikationsmanagerin der Bayerischen Zugspitzbahn versprach. Jens Huwald lassen die gegenwärtigen Wetterverhältnisse kalt. „Der bayerische Winter findet statt“, gibt er sich optimistisch.

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