Der Spießer als Romanheld

Kann ein Spießerleben glücklich sein? Karlmann Renn, genannt Charly, ist erwachsen geworden, er hat seine wilden Zeiten hinter sich, ist glücklicher Vater und Ehemann. Eigentlich führt er ein ganz gewöhnliches Leben. Michael Kleeberg vermittelt dieses anscheinend langweilige Leben als exemplarisch und das macht er meisterhaft. Kleeberg erzählt aus den unterschiedlichsten Perspektiven, so als sitze er im Kopf des Protagonisten, aber auch so als wäre er ein neutraler Beobachter. Manchmal mischt er sich kommentierend ein, und er berichtet auch aus der Sicht von Charlys Frau Heike. Dazu kommen Rückblenden und philosophische Betrachtungen. Das alles fügt sich zu dem Mosaik eines nicht gerade aufregenden, wohl aber eines erfüllten Lebens. Oder doch nicht?
Einmal überkommt Charly ob der vielen ungelebten Möglichkeiten eine bittere Melancholie. Angesichts „dieser die Airports der Tourismuszentren überschwemmenden Zombiearmee gut abgehangener, reparierter, restaurierter, mit teuren Ersatzteilen vollgestopfter Leiber, die nun alle nochmal tun wollen, wozu sie vierzig Jahre lang keinen Mumm hatten“, verzweifelt der 42-Jährige am eigenen Lebensentwurf. Einmal macht er sich in einer Panikattacke, den Ansprüchen des Jobs geschuldet, in die Hose. Und ganz am Anfang erscheint er dem Leser fast obszön in seiner sabbernden Liebe: „Der Honigfluss ihres Haars, den der perlmuttschimmernde Ammonit ihrer Ohrmuschel teilt; o diese harmonische Helix, diese marzipanmürbe Sichel…“ Liebe gegen Jugend will Charly tauschen, und man vermutet eine junge Geliebte im Bett des Familienvaters. Doch alles ist ganz harmlos, wie es sich für „Vaterjahre“ gehört. Das Objekt der Anbetung ist die fünfjährige Tochter.
So gekonnt spielt Michael Kleeberg mit der Erwartungshaltung des Lesers. Richtig viel passiert auch nicht in Charlys recht gewöhnlichen Leben. Es gibt einen Karriereknick und eine unerwartete Chance, Golfspiel und einen toten Schulfreund, der am Leben gescheitert ist. Es gibt den Besuch der ungeliebten Schwiegermutter und einen Ausflug mit den Eltern zu den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Es gibt einen todkranken Hund, eine untröstliche Tochter und die Anschläge des 11. September. Und doch findet sich in diesem Buch ein halbes Jahrhundert: die Gräuel der Nazi-Diktatur, die Schrecken der Flucht neben der Enge der DDR, der Aufbruch im Westen gegen die Schrebergartenmentalität im Osten, die Wiedervereinigung.
„Privatleben“, „Arbeit“, „Umfeld“ – die Kapitelüberschriften wiederholen sich, auch Charly hat eigentlich nichts Neues mehr zu erwarten, keine Aufregung, kein Abenteuer. Er hat sich eingerichtet in seinem Spießerleben, lässt den versoffenen Freund in der Gosse, um sich selbst nicht zu gefährden. Das alles klingt alltäglich – und genau dieses Alltägliche ist Kleebergs Thema. Am Ende kommt doch noch der Tod ins Spiel, auch zum er gehört zum alltäglichen Leben: Während die Bilder von den einstürzenden Türmen in New York und den fallenden Menschen über den Bildschirm flimmern, kommt der Tierarzt und schläfert den Familienhund ein. Am Ende mit dem Wissen um die Dramen dieser Welt ein friedliches Familientableau. Ein weiser, lebenskluger Roman, dem man viele Leser wünschen möchte.
Michael Kleeberg, Vaterjahre, DVA, 499 S., 24,99 Euro

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