Verortet im Wort

„Ich schreibe mit den Ohren“, hat sie in einem Interview gesagt. Das gilt vor allem für ihre Gedichte. Denn Ulla Hahn ist in erster Linie Lyrikerin, eine der erfolgreichsten. Doch auch in ihrem Romanen ist die Sprache, sind die Worte von zentraler Bedeutung. Schließlich hat die junge Ulla Hahn über Worte die Welt entdeckt und es waren Bücher, die den Aufstieg des Kellerkinds in die Großbürgerlichkeit möglich machten. Das alles konnte man schon nachlesen in den zwei autobiographisch gefärbten Romanen „Das verborgene Wort“ und „Aufbruch“, in denen die Autorin ihr Alter Ego Hilla Palm durch die harte Schule einer beengten Kindheit und Jugend in einer streng katholischen Arbeiterfamilie gehen ließ.
Jetzt also der dritte Teil mit dem Titel „Spiel der Zeit“. Als Studentin fühlt sich Hilla befreit von den Zwängen des Elternhauses und der Kirche, frei, ihr eigenes Leben zu leben. Die Wörter sind auch da ihre verlässlichen Begleiter. Sie will „in der Stadt sein wie in einem Buch“. Doch die eigene Geschichte steht ihr immer wieder im Weg, verstellt ihr den Blick. Es ist Hugo, der Kommilitone aus großbürgerlicher Familie, der ihr neue Türen öffnet, neue Erkenntnisse ermöglicht. Denn mit ihm, den ein Buckel zum Außenseiter macht, teilt Hilla die Liebe zur Sprache, zur intellektuellen Herausforderung, die auch ihre Liebesspiele würzt. Mit Hugo an ihrer Seite wagt sie sich aus dem Elfenbeinturm der Sprachwissenschaft in die Realität der 68er-Revolte, mit ihm wird sie Zeugin rauschhafter Hippie-Romantik und arroganter Großbürgerlichkeit.
Wie in den beiden Vorgängern dieses autobiographischen Romangefüges erhöht Ulla Hahn auch in diesem dicken Buch das persönliche Erleben zur universellen Erfahrung – und das vor dem Hintergrund eines radikalen gesellschaftlichen Umbruchs. „Man war dabei, ob unterm Sternenhimmel oder unterm Strobo-Light: Die Luft strotzte vor Energie, sprühte Funken, Zukunftsfunken verbrannten das Alte, entzündeten das Neue. Und das Alte war schlecht und das Neue gut, und wir würden das Alte beiseite fegen – diese Gewissheit verband uns alle.“
Der libertäre Zeitgeist spiegelt sich in der anarchischen Lust an Sprachspielereien, der revolutionäre Impetus im strengen Gefüge der bewunderten Cantos des Mussolini-Verehrers Ezra Pound. Der ganze Roman ist eine Hymne an die Sprache – und ein Tableau der eigenen Kunstfertigkeit. Da werden die Wörter erkundet und liebkost „wie unsere Körper“, die Titel der eigenen Romane beim Spiel mit „Wortsteinen“ eingestreut. Da darf die dörfliche Verwandtschaft über einen Extremfall weiblicher Emanzipation klatschen, der sich in dem Hahn-Buch „Ein Mann im Haus“ wieder findet oder Hugo eine inzwischen wohlbekannte Romanhandlung skizzieren. Da belehrt die Germanistin über „Vollendung in der Form“ und Dichtung als eine Möglichkeit, die Welt besser zu verstehen. Da werden Gedichte eingestreut („Ja, die Erde war eine Scheibe/ Wir saßen am Rand/und ließen die Beine/ ins Blaue baumeln“) und da wird in einem langen Absatz die Erzählweise gerechtfertigt. „Erzählen: zu den Farben gehen, den Gerüchen, Berührungen, an den Rhein, in den Wind, ins Vergessene, scheinbar Vergessenes, ins Unbeschriebene, Ungeschriebene, weshalb ich immer noch schreibe, ich, Hilla Palm, meine kleine Schwester, meine große. Mich herausschreiben, heraufschreiben unter die Großvaterweide, die Weide erschreiben, die Pappeln hinter den Weiden, mich suchen, dort, wo ich herkomme, und nie wieder loslassen, sesshaft machen im Wort, nie wieder vergessen, Vergangenheit nur noch in voller Gegenwart. Nichts mehr wird vergessen, was teilhaben kann an meinen Erinnerungen im Wort. Verortet im Wort.“
Solche Exkurse stauen wie ein Damm den Erzählfluss, machen ihn träge. Das muss man mögen wie man die Sprachverliebtheit der Autorin mögen muss. Wer sich aber einlässt auf diese Wortartistik, wird mit funkelnden Sprachschätzen belohnt und mit einem Entwicklungsroman, der über die Person der Hilla Palm hinaus auch eine Entwicklungsgeschichte der Bundesrepublik ist.
Info: Ulla Hahn, Spiel der Zeit, DVA, 608 S., 24,99 Euro

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