Das Geheimnis der Imster Larven

Larven nennen die Imster die traditionellen Masken, die sich die Männer alle vier Jahre (das nächste Mal 2009) zum weltbekannten Schemenlaufen überziehen. Ein passender Begriff im wahrsten Sinn des Wortes, bezeichnet Larve doch auch den Zustand der Verpuppung bei Insekten. Und so eine Art Verpuppung erleben die Imster ja auch alle vier Jahre, wenn während der Fasnacht in dem kleinen Tiroler Städtchen die Hölle los ist. Der uralte Brauch ist mittlerweile museumsreif.
Wo andere Häuser Satellitenschüsseln haben, da finden sich in Imst Monstranz ähnliche Gebilde und wo andere Orte Kunst präsentieren, da wird hier der Fasnacht gehuldigt. Tatsächlich ist die Imster Fastnacht ein Programm fürs ganze Leben, sie macht aus den Einwohnern eine verschworene Gemeinschaft und setzt für ein paar Tage alle Regeln außer Kraft. Da kann es schon passieren, dass es auf der Kirchturmuhr eine Viertelstunde lang 12 Uhr ist, weil sich ein Hauptakteur verspätet hat. Schließlich warten die Imster vier Jahre lang auf den Augenblick des Zwölfuhrläutens. Dann erst beginnt die eigentliche Fasnacht ­ „ein emotionsgeladener Moment. Da läuft es einem eiskalt den Rücken hinunter“. Luis Schlierenbauer, der als „Roller“ selbst eine der Hauptfiguren verkörpert, erinnert sich daran, dass einmal ein Wagen zu groß war und nicht unter einem Dach hindurchfahren konnte. Da wurde dann kurzerhand das Vordach abgetragen.
Der Fasnacht in Imst kann eben nichts widerstehen. Und damit die Imster leichter über die schreckliche, die fastnachtlose Zeit hinwegkommen, haben sie seit 2000 ein Fastnacht-Museum. Gleich neben der Kirche und dem Friedhof steht das alte Mesnerhaus aus dem 18. Jahrhundert, das auch mit Hilfe der Münchner Messerschmitt-Stiftung renoviert wurde. Hinter der denkmalgeschützten Fassade mit der reizvollen Lüftlmalerei verbirgt sich ein modernes Museumskonzept, das die Imster Fasnacht für die Betrachter lebendig werden lässt und eine Ahnung davon vermittelt, mit welcher Begeisterung die Bürger beim „Schemenlaufen“ dabei sind.
So wie sich alle vier Jahre bei der Fasnacht engagieren, so engagierten sie sich auch für das Museum und schufteten 5000 bis 6000 Stunden in ihrer Freizeit. „Fasnacht ist ein unerlässlicher Bestandteil der Seelenlandschaft der Imster,“ heißt es in dem Büchlein „Museum im Fastnachtshaus Imst“. Das muss wohl so sein. Wie sonst lässt es sich erklären, dass Männer sich Masken aufsetzen, unter denen sie oft Blut und Wasser schwitzen, sich kiloschwere Schellen um die Hüften hängen und stundenlang bis an den Rand der Erschöpfung in immer gleichen Ritualen durch die Stadt tanzen und springen? „Die Leute sind mit einer solchen Begeisterung dabei, dass es fast nicht mehr auszuhalten ist,“ beschreibt der Luis den Zustand der Fastnacht-Seligen, die in einer Art Trance stundenlang sportliche Höchstleistungen vollbringen, zu denen sie im Alltag nie imstande wären.
Für das Schemenlaufen am Sonntag vor dem Faschingssonntag trainieren die Männer oft schon Monate vorher. Und die Wagenbauer arbeiten meist schon seit September an ihren fahrbaren Ungetümen. Schlierenbauer: „Alle investieren ihre Wochenenden, ihre Freizeit, aber auch viel Geld für zwei Tage Fastnacht.“ Das steckt den Imstern offenbar im Blut. Schon die Buben üben sich als Roller und Scheller, als Sackner und Spritzer, als Kübelemaja und Hexen bei der „Bubenfastnacht“, die im zweijährigen Abstand zur eigentlichen Fastnacht stattfindet und dabei hilft, dass die fastnachtlose Zeit nicht zu lang wird.
Auch wenn die Masken Frauenkleider tragen und Frauenfiguren verkörpern: Frauen haben bei der Imster Fastnacht nichts zu suchen ­ und sie haben kein Problem damit. Sie bleiben bescheiden im Hintergrund ­ stricken, nähen, häkeln. Der Lohn für solche Liebesmüh ist das „Einführen“ durch einen Kreis der Roller und Scheller. „Wenn man da jemanden vergisst, das ist fürchterlich,“ weiß Luis Schlierenbauer und erinnert sich an eine Geschichte aus den fünfziger Jahren. Damals habe man eine alte Frau übersehen, die fleißig bei den Vorbereitungen geholfen hatte. Sie habe aus Wut die Fasnacht verwünscht: „Die nächste ging als die Imster Wasserfastnacht in die Geschichte ein.“
Den Reiz dieses alten Brauchtums, das der Laienprediger Abraham a Santa Clara 1683 schon erwähnte, kann ein Nicht-Imster nur erahnen. Zum Verständnis leistet das Haus der Fastnacht, das 2003 den Museumspreis des Landes Tirol erhielt, eine ganze Menge. Die unterschiedlichen „Larven“ an der schwarzen Wand blicken den Betrachter aus leeren Augenhöhlen an, in Glaskästen werden die wichtigsten Masken samt Kostümen vorgestellt, werden ihre ritualisierten Aufgaben erklärt.
Doch richtig lebendig wird das Imster Schemenlaufen durch eine filmische Doppelprojektion, bei der auf zwei gegenüberliegenden Wänden Filme aus den Jahren 1933, 1938 und 1952 mit neuen Aufnahmen zu einer Einheit verschmelzen. Diese Projektion zeigt mehr als viele Worte, dass die Fasnacht sich im Lauf der langen Jahre treu geblieben ist. Wären die Zuschauer nicht, die Fassaden der Häuser und die Unterschiede zwischen Schwarz-weiß- und Farbfilm ­ der Betrachter wüsste nicht, welches Jahr auf der Leinwand zu sehen ist. So zeitlos ist diese Fasnacht ­ und so konsequent.
„Die Imster Fastnacht bleibt in Imst,“ sagt der Roller Luis kategorisch. Trotz Einladungen aus aller Welt will man mit dem Brauchtum nicht hausieren gehen. Wer wirklich Interesse am Schemenlaufen hat, muss nach Imst kommen, zur Fastnacht 2009, zur Buben-Fastnacht 2006 ­ oder ins Haus der Fastnacht, wo der Geist der Fastnacht das ganze Jahr über zu finden ist.
info
Tourismusverband Imst, Johannesplatz 4, A-6460 Imst, Tel. 0043/5412/6910-0, Fax -8, Internet: www.hausderfastnacht.at

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