Abgründig: Amy Efaws „Eine Tat wie diese“

Sie ist erst 15 und steht schon vor Gericht. Devon hat ihr neu geborenes Baby in die Tonne geworfen. Nur weil es per Zufall gefunden wurde, hat es überlebt. Ist diese Devon ein Devil, ein Teufel, wie eine Mitgefangene meint?

Amy Efaw geht in ihrem eindringlichen Roman „Eine Tat wie diese“ der schrecklichen Tat auf den Grund. Devon ist ein ganz normales Mädchen, eine gute Schülerin und eine begabte Fußballspielerin, die im Tor ihre Stärke zeigt. Sie ist beliebt und verdient sich als Babysitterin ein bisschen Taschengeld. Kann so ein Mädchen ihr Baby in den Müll werfen? Anfangs möchte man am liebsten an einen unbekannten Täter glauben. Doch es war zweifellos Devon selbst, die „eine Tat wie diese“ vollbracht hat. Über die Tragweite ihres Handelns wird sich das Mädchen erst nach und nach bewusst. Sie hat die Schwangerschaft erfolgreich verdrängt, wollte nicht werden wie ihre Single-Mutter, in deren Bett sie als Kind allzu oft einen fremden Mann vorgefunden hat. Unbewusst kapselt sie sich ab, will sich niemandem anvertrauen.
Die Geburt erlebt sie als Schock, das Baby als „faltiges rotes Ding“, „Es“ macht schmatzende Geräusche und brüllt wie eine Sirene. Fast ohnmächtig vor Schmerz und Einsamkeit trifft Devon ihre Entscheidung – wie viele junge Mütter. In den USA, schreibt die Autorin in ihrem lesenswerten Nachwort, finden 45 Prozent aller Kindstötungen durch die Eltern in den ersten 24 Stunden nach der Geburt statt.
Nach der Tat verdrängt Devon auch die Geburt – bis sie vor Gericht und durch ihre engagierte Anwältin energisch damit konfrontiert wird. Da erst gesteht  sich die 15-Jährige ein, was sie getan hat, da erst wird ihr schmerzhaft bewusst, dass sie beinahe ein Leben geopfert hätte. Und sie empfindet Scham und – Schuld. Devon will ganz bewusst die Strafe auf sich nehmen und hindert ihre Anwältin daran, mit juristischen Haarspaltereien das Strafmaß zu verringern. Der Teenager ist erwachsen geworden.
Amy Efaw hat ein schwieriges Thema souverän gemeistert. Sie schreibt ganz aus der Sicht Devons, und lässt so die Leser teilhaben an ihrer Entwicklung zur Einsicht. Während sie den Plädoyers und Zeugenaussagen zuhört, wird das Mädchen von den Erinnerungen überwältigt. So bruchstückhaft wie Devon ihre Tat rekonstruiert, müssen sich auch die Leser damit auseinander setzen. Die Autorin verurteilt nicht. Dem Plädoyer des unnachgiebigen Staatsanwalts stellt sie das der klugen Verteidigerin gegenüber und die positiven Einschätzungen der Psychologin. Die Leser müssen abwägen, ehe sie ihr eigenes Urteil fällen. Leicht fällt das sicher nicht.  
Amy Efaw, Eine Tat wie diese, Carlsen, 412 S., 12,90 Euro 

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