Leben im Samba-Rhythmus

Brasiliens Hauptstadt Rio des Janeiro ist eine Metropole der Widersprüche und der Lebensfreude. Ein Porträt.

Stau ­ mal wieder. Wer von der Copacabana in die Innenstadt Rios will, muss Geduld haben. An der roten Ampel bilden ein paar junge Männer eine Pyramide. Der jüngste steht auf den Schultern seiner Brüder, hat die Augen verbunden und jongliert mit Tennisbällen. Noch bevor die Ampel auf gelb schaltet, springt er blitzschnell auf die Straße und hält die Hand auf. Mit einem Real sind die Straßenakrobaten hoch zufrieden. Aber nicht jeder gibt. Die meisten Cariocas, wie sich die Einwohner von Rio nennen, haben nichts zu verschenken.

Gerade mal 260 Real beträgt der Mindestlohn. Auch Luis Ignacio „Lula” da Silva der Hoffnungsträger, hat daran nur wenig ändern können. Seit zwei Jahren ist der ehemalige Metallarbeiter Brasiliens Präsident und die Armen sind mittlerweile um eine Hoffnung ärmer. Am ärmsten dran sind die Kinder, die auf der Straße ihr Leben fristen und sich ein paar Real verdienen, indem sie Autofenster waschen, Schuhe putzen oder eben ein paar Kunststücke zeigen. Diebstahl, Drogenhandel, Prostitution ­ für viele sind das die einzigen Wege aus der Armut und aus den Favelas. 600 solcher Slums sind in Rio registriert ­ nur einige haben Wasser und Elektrizität. Wie viele Menschen dort wohnen, weiß niemand so recht. Es interessiert eigentlich auch niemanden. Aber manche schaffen den Ausstieg. Das Zimmermädchen im Luxushotel, der Barmixer in der In-Kneipe, die Samba-Königin beim Karneval und Gilson Martin, der begehrte Taschen-Designer ­ auch sie sind Kinder der Favelas.
Fünf oder sechs Millionen Einwohner hat die zweitgrößte Stadt Brasiliens nach offiziellen Schätzungen. und trotzdem wirkt sie grün dank des großen Regenwaldes mitten im Stadtgebiet und der langen, weiten Strände. Wer vom Zuckerhut auf die Stadt hinunterschaut, dem gehen die Augen über vor soviel Schönheit. Die Wirklichkeit übertrifft jede Ansichtskarte: Das grüne, ins türkis changierende Meer, die schneeweißen Strände, die Buchten, die Baukastenhäuser und darüber der Corcovado mit dem riesigen Jesus, der seit fast 80 Jahren seine Arme über der Stadt ausbreitet. Die Cariocas wollten keinen leidenden Christus und importierten ihr Wahrzeichen aus Frankreich. Die einzelnen Teile für die 30 Meter hohe Statue wurden vor Ort zusammengesetzt und in Stahlbeton gegossen.
Auf Augenhöhe verblasst der Zauber. Das Bild bekommt Risse: Hässliche Fabrikbauten mit leeren Fensterhöhlen säumen die Straße vom Flughafen in die Stadt. Moderne Wohntürme und Glaspaläste drohen die Bauten aus der Kolonialzeit zu erdrücken. An der berühmten Copacabana sieht ein Hotel aus wie das andere. Nur das Copacabana Palace mit seiner blütenweißen, klassizistischen Fassade (siehe eigener Artikel) ist ein Lichtblick für das Auge. Und dennoch: Dieser Strand bis hinunter nach Ipanema ist nicht nur der berühmteste Sandkasten der Welt, sondern ein wahr gewordenes Klischee. Mit dem Song „The Girl from Ipanema” hat Antonio Carlos Jobim ihm zu Weltruhm verholfen.
Für Antonio Gomes ist der Strand am Wochenende und an Feiertagen eine Art Arbeitszimmer. Strandgänger, die sich auf seinen Stuhl legen, bekommen für 20 Real die halbe Stunde eine Shia Tsu-Massage und ein paar kluge Worte dazu. Antonio liebt Nietzsche und zitiert ihn gern. Junge Männer wie ihn trifft man am Abend im Zero Zero, derzeit Rios angesagtestem Club oder im Scenarium, einer Kneipe wie ein Bühnenbild, voll gestopft mit Großmutters Tand und echten Antiquitäten. Ein Schrank voller Puppen, Fahrräder an der Decke, Schirme über der Bar und lauter Tische voller fröhlicher Menschen. Das Geschäft brummt und der Besitzer hat nicht nur alle Stockwerke des alten Hauses in der Rua de Lavradie in seine Kneipe mit einbezogen, sondern auch das Nebenhaus.
Noch vor ein paar Jahren war dieser Teil der Altstadt von Rio verbotenes Terrain. Rotlichtviertel ist es heute noch. Wenn die Schönen der Nacht promenieren, werden in den dunklen Hinterhöfen große und kleine Deals getätigt. Das ist nicht die Welt von Sélaron. Der chilenische Künstler sitzt am liebsten auf seiner Treppe. „The Convent Stairway” führt aus der Altstadt zum Kloster Santa Tereza und ist ein Kunstwerk. 1990 begann der schnauzbärtige Chilene damit, die 215 Stufen mit Kacheln zu verschönern ­ als persönliches Geschenk an das Volk von Brasilien. Die ersten hatte er selbst in Prag gekauft, dann brachten Touristen und Freunde Fliesen aus aller Welt.
Sélaron werkelt ständig an seiner Treppe. „The great madness” (der große Irrsinn) ist ein lebendiges Kunstwerk, eines, das sich ständig verändert. Der Künstler in roten Shorts mit modischen Zöpfchen im ergrauenden Haarschopf weist mit großer Geste auf eine Fliese aus Leipzig, auf die er besonders stolz ist. „Meine Stiege ist ein globales Kunstwerk,” sagt er, „die Kacheln kommen aus 68 Ländern rund über den Globus.”
In einem Wandbild huldigt Sélaron der Schönheit der Brasilianerin. Im weltberühmten Karneval feiert sie sich selbst ­ und die Samba. Die ganze Stadt lebt im Rhythmus dieser hinreißenden Musik. In diesem Sinn sind die Sambaschulen Schulen des Lebens. Hier begann für so manches hübsche Mädchen der Weg aus der Armut. Schon die Kleinsten kokettieren mit Anmut in kurzen Röckchen und hautengen Oberteilen. Die Mama tanzt stolz mit dem Töchterchen, der Papa auch. Zuhälter in weißen Anzügen ziehen mit großem Gefolge ein. Die Samba verbindet und um Mitternacht kocht der Saal. Rund 2000 junge und alte Cariocas tanzen sich in Extase.
Jolanda ist mittendrin, lässt sich vom Rhythmus mitreißen. „Brasilien ist schon ein eigenartiges Land,” sagt die blonde Stadtführerin. „Auf der einen Seite prüde, auf der anderen freizügig. Manchmal verstehen wir uns selbst nicht.”
Zum Sonntagsgottesdienst in der Kirche Sankt Benedikt sind alle wieder da, singen voller Inbrunst und gehen auch ganz brav zur Kommunion. Zwischendurch telefoniert einer mit dem Handy, geht raus und wieder rein. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, begleitet von einer berauschenden Orgelmusik. Touristen bewundern die reichen, vergoldeten Schnitzereien des lateinamerikanischen Barock, alte Frauen beten in sich versunken vor der Madonna von Montserrat.
Anders als die verspielt wirkende Klosterkirche ist die Catedral metropolitane ein nüchternes Bauwerk. 20\x0e000 Gläubige passen in den 92 Meter hohen Kirchenraum mit einem Durchmesser von 102 Metern. Von ferne sieht die Kathedrale aus, als hätte sich ein Ableger des Zuckerhuts in die Stadt verirrt.
Fünf mal so viele Menschen wie in diese große Kirche passen in die andere Kathedrale Rios. Das weltberühmte Maracaná Stadion fasst 100\x0e000 Zuschauer. Ein Arbeiter allein würde 1860 Jahre an diesem Stadion bauen, sieben Tage die Woche. Pelé schoss hier 1969 sein 1000. Tor. Hier sang Madonna, rockten die Stones und der verstorbene Papst küsste den Fußballrasen. Auch Touristen können seit neuestem aufs Fußballfeld und sich dabei wie die Stars fühlen: Wenn sie durch den Tunnel auf den Rasen laufen, tobt das Stadion ­ per Lautsprecher.

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