Das Mädchen im Eis und andere Geschichten aus Peru

Auch Arequipa hat seinen Ötzi, ein schönes Inka-Mädchen, das sich dem Betrachter in einem eigenen Museum in seinem eisigen Glassarg präsentiert. Sie wusste, dass sie sterben musste. Und dennoch ging sie weiter, immer weiter dem Opferplatz entgegen, dorthin, wo die Berge den Himmel berühren. 13 Jahre war das Mädchen alt, als es auf dem Vulkan Amputo eine Reise ohne Wiederkehr in die Götterwelt antrat. Ein
Schlag auf die Schläfe beendete das junge Leben. 500 Jahre ruhte der Körper im Schoß des Vulkans, ehe er 1995 ­ fast unversehrt ­ von dem Anthropologen Dr. Johan Reinhard geborgen wurde: "Juanita" ist Arequipas schöner Ötzi ­ eines von vielen Mysterien, die Peru, das Land der Inkas, birgt."Anrührend" findet Arequipas großer Sohn, der Dichter Mario Vargas Llosa den zarten Leichnam, der wie Schneewittchen in einem Glassarg ruht ­ eisgekühlt in einem eigenen Museum. Die 22-jährige Angela öffnet diese "time capsule" für die Besucher. In fließendem Deutsch erzählt die schöne Führerin Juanitas Geschichte ganz so als wäre es ihre
eigene. Für die Peruaner ist ihre Geschichte nicht Vergangenheit, sie leben mit ihr.

"Wir Indianer beten intensiv zu Pacha Mama, der Mutter Erde, aus der wir kommen und zu der wir zurückkehren", erzählt Alcides. Der stämmige Führer ist Aymara, von jenem Indianerstamm, der von den Inkas verdrängt und dessen Kultur lange Zeit vergessen wurde. Die meisten leben um den und auf
demgigantischen See, dessen zwei Teile vom Flugzeug aus wie ein Puma (titi) und ein Hase (caca) aussehen. Titicacasee nannten die Aymara das Gewässer, das sie nie von oben gesehen hatten. Die Umrisse hätten seine Vorfahren wohl meditierend erlebt, versucht Alcides eine Erklärung.
Die Indios, die heute auf den "Schilfinseln" leben, haben kaum mehr Zeit zur Meditation. Die schwimmenden Inseln auf dem Titicacasee sind restlos von Touristen vereinnahmt ­ auch von peruanischen. Seit rund 50 Jahren leben die Uros und Aymaras in Gemeinschaften auf 43 solchen Inseln, nachdem sie ihre
uralten Schilf-Hausboote verlassen haben. Auf dem schwankenden Boden, den sie aus Schilf gefertigt haben, stehen Häuser aus Schilf, sogar Schulen. 1963 errichteten die Adventisten die erste schwimmende Schule auf Uros Tupiri. Die Kinder malen mit Feuereifer ihren bunten Alltag und fürdie Besucher
singen sie schon mal "Alle meine Entchen". Die Mütter sind es gewohnt, dass Touristinnen sich mit ihren Babys fotografieren lassen und sitzen stoisch daneben. Der Tourismus ist eine wichtige Einnahmequelle für die Insulaner, aber nicht alles, was sie auf Decken und Tischen ausgebreitet haben, ist Handarbeit
wie die Schilfboote in Miniatur und die Wandbehänge mit Szenen der Götterwelt.

Sillustan ist ein Ort der Götter, hier wurden Zeremonien für die Toten abgehalten: Die 62 Begräbnistürme, die sich am Horizont wie gigantische Pilze oder Riesenphalli abzeichnen, sind die größte Nekropole der Prä-Inkazeit. Keramikfunde deuten darauf hin, dass Sillustan mehr als 8000 Jahre alt ist. Die große Chulpa ­ das "Grab der Eidechse" ­ die weithin als Wahrzeichen zu sehen ist, wurde jedoch erst 1400 errichtet. Archäologen fanden hier 1270 Schmuckstücke und Masken, darunter 500 Teile aus purem Gold. Erst kürzlich machten Forscher einen anderen Fund: sie stießen auf die Leiche eines zehn- bis zwölfjährigen Kindes am Boden des "Grabes der zwölf Ecken" ein Opfer für die Pacha Mama, glaubt Alcides.

Auch in Machu Picchu, der "verlorenen Stadt im Regenwald", wurden Opfermumien entdeckt. "Die Opfer glaubten an ein anderes Leben," hatte Angela gesagt, um Juanitas Tod nicht ganz so grausam erscheinen zu lassen.
Im Glauben der Inkas gab es drei Stufen des Lebens ­ die Unterwelt (Ukupacha), die Men
schenwelt (Kaypacha) und die Oberwelt (Hanagpacha) ­ und über allen stand Weracocha, der Sonnengott. Machu Picchu ist seine Stadt, hier bereiteten die Preister die Opfer für den Sonnengott und auf dem höchsten Punkt ragt das Intihuatana wie eine moderne Skulptur empor. Dieser "Pfosten der Sonne" diente
wohl astronomischen Berechnungen und lieferte Daten für die Feldarbeit.

Der Archäologe Federico Kauffmann-Doig schließt daraus, dass Machu Picchu nicht nur religiöses Zentrum, sondern auch so etwas wie eine landwirtschaftliche Versuchsanstalt der Inkas war. Der Enkel eines Ulmer Augenarztes hat sich als Ausgräber in Peru einen Namen gemacht. Er ist interessiert daran "wie al
les zusammenhängt", aber dagegen, die Mumien auszustellen. "Das ist eine Frage der Moral. Juanita wäre wahrscheinlich seiner Mei
nung.

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