Das Großeltern-Projekt

Neulich bei der Hochzeit des besten Freunds unseres Sohnes. Große Feier, viele Gäste, darunter auch zahlreiche Kinder und einige Babys. Manche Sprösslinge fehlten. Sie waren bei den Großeltern abgestellt worden. Andere wurden während des Festessens von der Oma herum gefahren, oder der Opa kümmerte sich darum, dass die Enkelin sich nicht langweilte. Großeltern sind gern gesehen heute. Nicht nur bei Großereignissen. Derzeit scheint großfamiliäres Kuscheln angesagt. Doch was erwarten sich die jungen Familien von den Altvorderen?

Was sollen, was dürfen Großeltern?

„Großeltern dürfen die Kinder gern verwöhnen,“ sagt mir einer der Freunde meines Sohnes. Und dann fände er es gut, wenn die Kinder von Oma und Opa lernen könnten, denn die hätten doch einen ganz anderen Erfahrungshorizont. So weit würde mein Sohn nicht gehen. Er wünscht sich keine Einmischung in die Erziehung der Eltern und denkt da wohl an seine eigenen Großeltern, deren Litaneien, dass früher alles besser war, ihm und seinen Brüdern ziemlich auf die Nerven gingen.

Nicht noch einmal im Multi-Tasking-Hamsterrad

Zwiegespräch zwischen Oma und Enkelin

Ich fühle mich auch nicht als zweite Erziehungsinstanz. Aber ich freue mich, wenn unsere Enkelin uns zeigt, wie gern sie bei uns ist. Und mir geht es wie einer befreundeten Kollegin, die ihre Enkelin gerne mal verwöhnt, aber dann auch froh ist, wenn sie sie wieder abgeben kann. „Ich will kein zweites Mal in die Mutterrolle schlüpfen,“ erklärt sie bestimmt. „Großeltern sollten was Besonderes sein.“ Natürlich würde sie helfen, wenn Not am Mann wäre. Aber das ganze Leben den Bedürfnissen der Enkeltochter unterordnen, das kommt für sie nicht infrage. Nochmal einsteigen ins Multi-Tasking-Hamsterrad ist für viele der heutigen Großmütter keine Option.

Die Großeltern von heute sind flexibler und mobiler

Wer mehrere Kinder großgezogen hat, hat gut ein Vierteljahrhundert Zeit, Geld und viel Geduld investiert und es danach verdient, auch mal ganz eigennützig an sich selbst zu denken. Das bestätigt auch der Historiker Erhard Chvojka, der über die Rolle der Großeltern in der Familienstruktur vom 16. bis zum 20. Jahrhundert geforscht hat. „Die Bandbreite des möglichen Verhaltens der Großeltern hat sich stark vergrößert,“ hat er erfahren, „vor allem deshalb, weil die Großeltern immer mehr auch im fortgeschrittenen Alter ihre Lebensentwürfe selbst in die Hand nehmen.“ Vor 60 Jahren sei das noch ganz anders gewesen. Hinzu kommt, dass Opa und Oma heute auch keiner einheitlichen Altersgruppe mehr zuzurechnen sind, und zwischen dem Verhalten 45- und 85-Jähriger eben riesige Unterschiede bestehen. Relativ junge Großmütter etwa seien nicht bereit, dem Stereotyp der Oma im Lehnstuhl zu entsprechen, aber auch ältere Frauen legten immer mehr Wert auf ihr eigenes Leben. Andererseits „nehmen die mobilen Großeltern von heute auch mal die Enkel mit auf Reisen“ – wenn beide Seiten es wollen.

Immer weniger Kinder wachsen bei Oma und Opa auf

Mama und Oma beim Baby-Baden

Dass Großeltern Kinder großziehen, ist dagegen in unserer Gesellschaft eher selten geworden. Doch wenn die Eltern sich scheiden lassen, wenn die Mutter stirbt oder – wie bei meiner Freundin – weit weg in den USA arbeitet, sind Oma und Opa sicher auch heute gefragt. Zu schaden scheint die großelterliche Erziehung nicht: Meine Freundin ist beruflich höchst erfolgreich. Auch Barack Obama, Eric Clapton, Jean Paul Sartre oder Loriot hatten später keine Probleme damit, dass sie bei den Großeltern aufwuchsen. Heute springen die Älteren vor allem dann ein, wenn beide Eltern arbeiten und es mit der Kita oder dem Kindergarten nicht klappt. Doch seit 1996 ist der Anteil der Großeltern, die Enkelkinder betreuen, laut dem Deutschen Zentrum für Altersfragen von etwa einem Drittel auf ein knappes Viertel gesunken. Das könne einerseits an den steigenden räumlichen Distanzen zwischen den Familienmitgliedern liegen, heißt es in dem Alters-Gutachten. Zugleich seien viele Großmütter mittlerweile berufstätig und hätten nicht mehr die nötige Zeit, sich um die Enkelkinder zu kümmern.  So geht’s mir auch: Noch bin ich gerne berufstätig und auch viel unterwegs. Doch wenn die Familie mich braucht, dann hat sie Vorrang.

Ein Geben und Nehmen zwischen den Generationen

Das kenne ich von meinem Vater, der im Alter noch gern verreist ist, aber sich auch immer Zeit genommen hat, wenn wir seine Hilfe brauchten. Später sind dann unsere Kinder eingesprungen, wenn bei der Betreuung eine Lücke entstanden ist. Nicht aus Dankbarkeit, sie liebten ihren Opa eben, weil sie ihn so gut kannten. Anders als die anderen Großeltern, die von vornherein klargemacht hatten, dass mit ihnen auch im Notfall nicht zu rechnen ist. Da entstand eine schier unüberbrückbare Distanz. Das war zu der Zeit, als wir Eltern waren, aber keine Ausnahme. In den 1970iger Jahren war das Verhältnis zu den Eltern eher ein schwieriges, geprägt von wechselseitigem Unverständnis. Heute sind die jungen Familien den älteren gegenüber tolerant. Man rebelliert eben nicht gegen die Eltern, deren Hilfe man gerne in Anspruch nimmt. Wer das Glück hat, hilfsbereite Großeltern in der Nähe zu haben, wird von anderen Familien beneidet, die Hände ringend nach Betreuern für ihren Nachwuchs suchen.

Intimität auf Distanz ist das neue Motto

Grillen mit der Großfamilie

Allzu oft sind die Familien durch berufliche Zwänge auseinander gerissen. Auch Multi-Kulti-Familien wie die unsere müssen sich neu orientieren. Wenn die eigenen Eltern weit weg sind, ist man doppelt froh um die Schwiegereltern. Sind doch Oma und Opa nach Eltern und Kindergarten die wichtigsten Bezugspersonen für Kinder unter sechs, wie das Deutsche Jugendinstitut in München feststellt, das sich trotzdem über die Harmonie zwischen Alt und Jung zu wundern scheint: „Wenn es Probleme gibt, entstehen diese meist zwischen Eltern und Kindern und nur selten zwischen Großeltern und Enkeln.“ Klar, schließlich sind die Eltern für die Erziehung und damit den Alltag zuständig. „Die Formel für die neue Familienharmonie lautet ‚Intimität auf Distanz‘“, konstatiert denn auch der Familiensurvey des Jugendinstituts.

Patchwork & Co – ein hilfreiches Familien-Netzwerk

Ohne die Großeltern wäre die Quote berufstätiger Mütter wohl noch geringer. Denn das Angebot von Kindergärten und Krippen ist noch lange nicht ausreichend. Da ist die steigende Lebenserwartung fast schon ein Segen ebenso wie die Stiefgroßeltern, die bei einer Scheidung zur Familie hinzukommen. So wie bei meiner kinderlosen Freundin, die durch die Heirat mit einem geschiedenen Mann ganz unverhofft Großmutter wurde – und eine stolze dazu. Die Familie hat sich zu einem weit gespannten Netzwerk entwickelt. Und die – flexibler gewordenen – Großeltern sind gewillt, auch Grenzen zu überwinden, wenn es die Betreuung der Enkel erfordert. Eine Freundin fliegt alle paar Monate zu ihrem Sohn nach Skandinavien, um dort auszuhelfen. Nicht ganz uneigennützig, schließlich sollen die Enkelkinder auch die deutsche Großmutter gut genug kennenlernen, um sie ins Herz zu schließen.

Enkel halten Oma und Opa jung

Opa ist der beste

Außerdem soll der Umgang mit den Enkelkindern jung halten. Laut einer Studie des Women’s Health Aging Projects in Australien, für die 186 Frauen im Alter von 57 bis 68 Jahren untersucht wurden, verbessert sich die Gehirnleistung deutlich, wenn die Großmütter regelmäßig Kontakt mit den Enkeln haben. Am besten schnitten die Omas ab, die einmal in der Woche auf ihre Enkel aufpassen. Klingt gut. Doch was machen ältere Frauen, die keine Enkelkinder fürs Anti-Aging haben? Ganz einfach: Sie werden Leih-Oma. Auf einem Blog schwärmt eine solche Leih-Oma von ihrem neuen Glück. Der betreute kleine Junge sei für sie eine Art Lebensretter, weil er ihrem Alltag neuen Inhalt gab.

Eltern und Großeltern werden immer älter

Denn nach der Menopause fallen viele Frauen in ein tiefes Loch, das manche in Form der „altruistisch helfen Großmutter“ überwinden, wie Eckard Voland, Professor für Biophilosophie an der Universität Gießen, es formuliert. Vielleicht, meint er, „tun Großmütter nur das, was man mit „making the best of a bad job“ bezeichnet.“ Sie machen das Beste aus ihrer Situation. „Wenn man schon mal alt wird und die eigene Fortpflanzung versperrt ist, hilft man halt den Verwandten, allen voran Kindern und Kindeskindern“ – und sorgt so für das Fortkommen der Menschheit. Denn Frauen, die sich der Unterstützung ihrer Mütter sicher sein könnten, seien eher bereit, mehrere Kinder zu bekommen.


Heute ist das oft später der Fall als früher. Nur gut, dass auch die Großeltern immer älter werden und dabei relativ fit bleiben. Meist sind sie auch großzügig – mit ihrer Zeit und mit ihrem Geld. Auch das sorgt für Sicherheit.

Lektüre:
Erhard Chvojko: Die Geschichte der Großelternrollen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, Böhlau-Verlag, Wien
Eckart Voland: Grandmothers – The Evolutionary Significance of the Second Half of Female Life, New Brunswick & London, Rutgers University Press

 

4 Kommentare
  • Heidi
    August 2, 2017

    Sehr schön, und jetzt stimmen auch die Fotos, meint die „befreundete Kollegin“, die auf dem Weg zu ihrer räumlich weit entfernt lebenden Enkelin ist.

    • lilo
      August 7, 2017

      Auf meinem Blog bin auch ich die Herrin der Bilder, Heidi!

  • Brigitte von Imhof
    August 6, 2017

    Hervorragend geschrieben, Oma Lilo! Du sprichst mir aus der Seele und vermittelst mir interessante Infos zum Thema. Wie schön, dass bei euch alles stimmt und ihr eure Großelternrolle ausleben könnt. Es ist ein unwiederbringliches Geschenk, eine einmalige Gelegenheit. Ich hatte das große Glück, mit Eltern und großeltern in einem Haus aufzuwachsen. Meine Tochter Alina hat dann die vierte Generation unter einem Dach eröffnet.
    Es gibt ja Omas, die möglichst nicht als solche erkannt werden wollen. Bei mir ist es genau umgekehrt. Ich BIN die Oma mit meinem ganzen Herzblut. Doch mein Enkelsohn Okki nennt mich Mama (wie seine richtige Mama sowie seine Urgroßmutter). Er kann „Anhänger“ sagen und „Paragleiter“ – aber nicht Oma. Kommt schon noch. Liebe Grüße, von Oma zu Oma

    • lilo
      August 7, 2017

      Freut mich, Brigitte. Ja, wir sind halt auch gerne Großeltern, aber nicht nur!

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