Bierwallfahrt nach Altötting

Beten ist nicht Pflicht auf dieser Wallfahrt, Einkehr schon. Und das nicht erst am Wallfahrtsziel Altötting, sondern schon unterwegs. In drei Brauereien. Denn dies ist eine „Bierwallfahrt“. Premiere ist an einem geschichtsträchtigen Tag: Am 23. April vor 500 Jahren wurde das Reinheitsgebot erlassen.
Und während in ganz Bayern auf das Jubiläum angestoßen wird, macht sich ein Trüppchen von sieben Wanderern auf den Weg von Unterneukirchen nach Altötting. Ausgedacht hat sich die „Bierwallfahrt“ der Hotelier der „Traumschmiede“ Ernst Raspl. „Bier und Kirche gehört doch zusammen,“ sagt der rundliche Mann mit dem freundlichen Lächeln. Und dass es nicht Sinn der Bierwallfahrt sei, sich sinnlos zu betrinken, sondern über das Bier zur Region und zur Tradition zu finden. Das Ende letzten Jahres eröffnete Hotel „Traumschmiede“ ist ein guter Ausgangspunkt.

Memento mori und carpe diem

Es liegt direkt gegenüber der ehemaligen Pfarrkirche, die nicht nur mit einer interessanten Baugeschichte (von der Romanik über die Gotik) aufwartet, sondern auch mit einem Karner gleich am Eingang. In einer Art Regal sind da bemalte Schädel aus dem 19. Jahrhundert gestapelt. Memento mori und carpe diem gleichermaßen. Denn wer an den Tod erinnert wird, weiß auch, dass das Leben kurz ist.
Die Bierwallfahrer sind jedenfalls wild entschlossen, den Tag zu „pflücken“ und zu genießen, was ihnen geboten wird. Fritz Meyer, der sich mit einem Pilgerstock als Pilger-Führer ausweist, sorgt für die geistige Wegzehrung. Der gelernte Koch und Hobby-Kabarettist war 30 Jahre lang Trainer und kennt in Unterneukirchen Gott und die Welt. Auch jenen Zeitgenossen, der die Villa gegenüber der Brauerei Leidmann, dem ersten Ziel der Bierwallfahrt, aufs Feinste restauriert und mit seiner Waffensammlung bestückt hat, aber nicht darin wohnt. Doch bevor der 62-Jährige weiter ausholen kann, sind die Bier-Pilger schon an der ersten Station angekommen.
Vor der Brauerei erwarten Margot und Sebastian Leidmann schon die Gäste. Sie im rosa Dirndl, er in der Trachtenjoppe. Im Sudhaus der Brauerei servieren sie ein Weißwurstfrühstück zum selbst gebrauten Weißbier. Die dralle Wirtin erzählt vom Ursprung der inzwischen ältesten Weißbierbrauerei im Landkreis, der Fritz davon, dass die Weißwurst 1850 in der Münchner Wirtschaft zum Ewigen Licht durch puren Zufall erfunden wurde und mittlerweile durch Gewürze wie Muskatblüte ganz individuellen Charakter hat. Mittlerweile sind auch die letzten beiden Bierwallfahrer angekommen – passend in Landhausmode gewandet. Doch wie man Weißwürste richtig isst, wissen Dimitri und Lisa nicht so recht, auch wenn sie aus München kommen. Klassisch wäre Zuzeln, meint der Fritz. Aber er schneide die Weißwürste lieber. Schließlich soll aus dem Weißwurstessen keine Glaubenssache werden – auch nicht bei der Bierwallfahrt.

i a a u ist kein Eselschrei

Und dann lernen Dimitri und die auswärtigen Wanderer – zwei Paare -, dass sich hinter der Buchstabenfolge „a u“ und „i a a u“ kein Eselschrei verbirgt, sondern eine Bestellung: „Ein Unfiltriertes“ und „Ich auch ein Unfiltriertes“. Wirtin Margot lacht herzhaft, während das Weißbier im Glas schäumt. „Unser Bier lebt“, erklärt sie, ganz anders als die Biere, die manche Läden im Schaufenster stehen haben. Da sei Hopfen und Malz verloren: „Die sind tot.“ Denn Bier wolle es dunkel und kalt. Mathias, ein gemütlicher Typ mit Hut, rotkariertem Hemd und Kniebundhose lauscht hingerissen. Der gelernte Metallbauer ist von der Idee der Bierwallfahrt begeistert und hat seine Freunde überzeugt, mit dabei zu sein – auch der gebürtige Ukrainer Dimitri ist auf Mathias‘ Tipp hin mit der Freundin angereist. Und er freut sich über den Bierbrand vom Weißbierbock, den die Wirtin zum Abschluss kredenzt. 100 Liter Bock geben sechs Liter Brand, sagt sie. Da dürfe man „halt net geizig sein“. Dann hebt der Fritz sein Glas „auf eine genussvolle Wallfahrt“. Fünf Kilometer sind es bis zur nächsten Station, dem Bräu im Moos.

Die Kulissen für Rosendorfer-Filme sind schon da

Der Weg führt vorbei an blühenden Obstbäumen, durch grüne Felder und Löwenzahnwiesen und immer wieder zu weit verstreuten Höfen, die auf ihrem Besitz hocken wie dicke Glucken auf ihren Eiern. Natürlich kennt der Fritz den Besitzer eines schön restaurierten Hofes, wo 600 Porsche im Schuppen stehen. Und er weiß auch, dass der Vater von Papst Benedikt zeitweise Gendarm in Unterneukirchen war. Der Geburtsort des Papstes, Marktl, ist nicht weit, und die Bierwallfahrer könnten auch auf Papstspuren nach Altötting wandern. Doch die nächste Brauerei lockt. Der Fritz weist auf den grau verhangenen Horizont. Watzmann und Hochfelln könnte man bei guter Sicht von hier aus sehen, sagt er, auch die Kampenwand. Doch die Berge bleiben unsichtbar. Also erzählt der Fritz von einem Marterl, das an einen Brudermord im 17. Jahrhundert erinnert. Aus Liebe zu einer Magd hatten sich die Zwillingsbrüder gegenseitig erschossen. Es scheint, als sei dieses Land, um das die Touristenströme einen Umweg machen, reich an Geschichten. Der bayerische Regisseur Marcus Rosenmüller(„Wer früher stirbt ist länger tot“) könnte daraus wunderbare Filme machen. Die Kulissen sind schon da: Das Wildgehege beim Bräu im Moos zum Beispiel, wo die Hirsche derzeit mit Bastgeweih herumspazieren. Der Brauereigasthof im Landschaftsschutzgebiet Mörnbachtal mit dem schönen Biergarten unter Kastanien. Liebevoll restaurierte Puppenstuben und Kaufläden zeugen von der Sammelleidenschaft der Wirtin, im Keller hat sich der Bräu ein kleines Biermuseum eingerichtet. Da erzählt Eugen Münch von der Kunst des Bierbrauens und der Freude an alten Dingen. Auch dass Biertreber dem Rotwild besonders gut schmeckt, berichtet er und verrät, dass er lieber schießen lässt als selbst zu schießen. Im Wappen trägt der Bräu im Moos einen Mönch, weil einer der Vorfahren Richter in einem Mönchskloster war. Bier und Kloster – das passte immer schon gut zusammen. Und heißt es nicht: Hopfen und Malz, Gott erhalt’s?

Die Schlossherrin ist auch Bürgermeisterin

Das dreigängige Biermenü samt Bierbegleitung sollte als Stärkung reichen für die nächsten neun Kilometer bis nach Graming. Doch als es gleich nach dem Mittagessen „ziemlich gach“ (Fritz) den Buckel hinauf geht, macht die Hälfte der „Wallfahrer“ schlapp. Bei Mathias löst sich die Sohle von den Schuhen, Lisa klagt über Blasen an den Füßen, Dimitri will nicht ohne sie weiter gehen, und das Paar aus München steigt auch lieber aufs Auto um. Der Rest aber macht sich gut gelaunt auf den Weiterweg. Goldgelb leuchten ein Rapsfeld, auf dem der Kirchturm von Burgkirchen am Wald zu schwimmen scheint, drunten im Tal liegt Tüssling mit dem von zwei dicken Zwiebeltürmen gekrönten Renaissance-Schloss, wo Oliver Bierhoff sich getraut hat, wie Fritz verrät. Die Schlossherrin Stefanie von Pfuel, weiß der Guide, ist nicht nur Bürgermeisterin des Ortes und sechsfache Mutter, sie veranstaltet auch erfolgreich Schlosskonzerte. Dieses Jahr haben sich CRO und Simply Red angesagt.
Im Tal führt der Weg am Mörrnbach entlang, im schmalen Bachbett blühen Leberblümchen, ein Kuckuck ruft, in der Ferne sind die Doppeltürme der Stiftskirche von Altötting zu sehen. Schaut man in das Bächlein, mag man gar nicht glauben, dass hier ein Kind beinahe ertrunken wäre. Vielleicht war der Mörnbach im Jahr 1489 ja noch tiefer. Damals jedenfalls soll ein kleiner Junge ins Wasser gefallen und von der Strömung mitgerissen worden sein. Die verzweifelte Mutter brachte das leblose Kind in die der Muttergottes geweihte Kapelle in Altötting und betete. Der Legende nach kehrte nach kurzer Zeit das Leben in das Kind zurück. Bis heute noch glauben viele Menschen daran, dass die „Schwarze Madonna“ Wunder wirken kann.

Schwarzfahrer und Berggeist in Graming

Doch ehe die Bierwallfahrer die Tausende von Votivtafeln bestaunen können, die von diesem Wunderglauben zeugen, ist noch eine Einkehr-Station angesagt, der Graminger Weißbräu. Am Tag des Bieres ist hier der Teufel los. 21 kleine Brauereien aus dem bayerischen Umland und der österreichischen Nachbarschaft haben sich versammelt und schenken ihr Bier aus. Brauereiwirt Karlmann Detter und die drei Töchter Sabine, Iris und Birgit haben alle Hände voll zu tun. Ein bisschen Zeit nimmt sich Sabine aber schon für die Bierwallfahrer. Sie ist wie ihre Schwester Birgit Brauereimeisterin und denkt sich gerne immer wieder neue Biere aus. Aber, wenn es um möglichst originelle Namen geht, dann seien „alle miteinand“ beteiligt, erzählt die burschikose Powerfrau lachend. „Schwarzfahrer“ für alkoholfreies Weißbier zum Beispiel. Schließlich komme man auch als kleine Brauerei um den Trend „alkoholfrei“ nicht mehr herum. Während draußen eine Dudelsack-Gruppe aus Salzburg aufspielt, lassen sich die Bierwallfahrer drinnen eine deftige Brotzeit schmecken. Dazu gibt’s Weißbier in allen Variationen – vom Kirta-Weißbier bis zum dunklen Weizenbock „Berggeist“. Jetzt ist es ja bald geschafft. Noch zweieinhalb Kilometer bis zum Kapellplatz von Altötting.

Der Tod von Eding schwingt die Sense

Keiner lässt es sich nehmen, einen Blick in die Gnadenkapelle zu werfen und die „Schwarze Madonna“ aus Lindenholz zu bewundern. Ein paar riskieren sogar den Blick auf den „Tod von Eding“ in der Stiftskirche, ein bewegliches, hölzernes Skelett, das auf einem Uhrenkasten thront und die Sense schwingt. „Bei jedem Sensenschwung stirbt irgendwo auf der Welt ein Mensch,“ raunt der Fritz. Bei 7,4 Milliarden Menschen kann das schon sein. Die Bierwallfahrer drängt es trotzdem schnell wieder nach draußen. Zu nah wollen sie dem Tod doch nicht kommen, auch wenn er nur die Größe einer Spielfigur hat. Vor der Bruder-Konrad-Kirche gibt’s zur Belohnung noch ein Pilgerbier. Zurück geht es mit dem Auto. Doch vorher benetzen ein paar Wanderer noch die Augen mit wundertätigem Wasser aus dem Konradsbrunnen vor dem Kloster. Der Glaube soll ja sogar Berge versetzen…

Info: Die Bierwallfahrt von Unterneukirchen nach Altötting ist in etwa 16,5 Kilometer lang. Start ist vor dem Hotel Traumschmiede in Unterneukirchen. Von Altötting aus kommen die Teilnehmer per Shuttle zurück zum Ausgangspunkt. Das Package mit drei Einkehrstationen kostet bei einer Teilnahme von sechs bis zehn Personen pro Person 69 Euro. Ab zwölf Personen sind auch individuelle Termine möglich.
Das Hotel Traumschmiede bietet auch ein bieriges Wochenende rund um die Bierwallfahrt an mit einem viergängigen Bier-Genuss-Menü am Ankunftstag: http://www.hotel-traumschmiede.de/de/angebote/arrangements/bierwallfahrt/

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