Risiko Reisen

Nach Naturkatastrophen und Terroranschlägen ist das Sicherheitsbedürfnis gestiegen. Sind wir ein Volk von Angsthasen? Die Touristische Runde nahm sich des Themas an und Doris Maier schreibt darüber.
Das Thema zwingt Experten zu einem Spagat: „Reisen war noch nie so sicher wie heute”, erklärt Peter Höbel, Geschäftsführer von Crisadvice, einem Beratungsunternehmen für Krisenmanagement. Und zugleich betont er: „Totale Sicherheit kann es nicht geben”. Das „Reisen in Krisenzeiten” beschäftigte jetzt die Touristische Runde in München ­ eine Vereinigung von Reiseexperten. Die jüngsten Anschläge in Ägypten und die immer wieder bebende Erde in Südostasien machen das Thema beklemmend aktuell.
Terroranschläge, Naturkatastrophen und Epidemien, wie Sars, haben in den vergangenen Jahren Reisende verunsichert. Die TUI, Marktführer unter den europäischen Reiseveranstaltern, hat auf das gesteigerte Sicherheitsbedürfnis ihrer Kunden reagiert und als erstes Reiseunternehmen ihr Krisenmanagement zertifizieren lassen.
Wie schnell werden Informationen im Krisenzentrum ausgewertet? Wie gut sind Reiseleiter in brenzligen Situationen informiert? Wie sicher sind Hotels? Diese und ähnliche Fragen wurden über mehrere Monate hinweg von der unabhängigen Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) geprüft und bewertet. „Wir haben noch Potenzial zur Verbesserung, sehen aber auch ,dass wir eine vernünftige Arbeit machen”, zieht Klaus Rütt, Leiter des TUI-Krisenmanagements Bilanz. Die Kunden müssen in Notfällen und kritischen Situationen schnell und umfassend informiert werden. „Die Entscheidung, ob er reist oder nicht, liegt aber beim Gast”, betont Rütt. Etwa 2000 Notfälle ­ darunter etwa 250 Todesfälle ­ beschäftigen die zehn Mitarbeiter des TUI-Krisenstabs jedes Jahr.
Bei der Reiseversicherung Mercur Assistance werden jährlich rund 10\x0e000 so genannte auslandsmedizinische Fälle abgewickelt. Auch Vorstandsvorsitzender Jörg Adomeit, hat allgemein ein erhöhtes Sicherheitsbewusstsein festgestellt. Im krassen Gegensatz dazu stehe allerdings die Tatsache, dass nur 30 Prozent aller Reisenden eine Auslandskrankenversicherung abschlössen. „Ein Leichtsinn”, wie Adomeit und Robert Falbusch, Leiter Marketing der Europäischen Reiseversicherung übereinstimmen. Denn medizinische Eingriffe im Ausland oder gar Rücktransporte nach Deutschland können enorm ins Geld gehen, betonen die Versicherungsexperten. Eine Tagesbehandlung in einem amerikanischen Krankenhaus koste schnell 10\x0e000 US- Dollar.
Das Auswärtige Amt übernimmt zwar zunächst die Kosten, muss aber die Auslagen wieder zurückfordern ­ so will es das Gesetz. Nichtversicherte müssen die Hälfte der Kosten selbst tragen
Seit 2003 arbeiten die großen Reiseversicherungen in Krisenfällen zusammen, „damit man sich bei Großschadensereignissen nicht auf die Füße tritt”, erklärt Adomeit. Der Tsunami in Südostasien war ein solches „Großschadensereignis”: Die Versicherungen richteten ein Krisenzentrum vor Ort ein, das auch eng mit den Reiseunternehmen kooperierte; Ärzte kontrollierten den Rücktransport der Verletzten, Helfer standen vor Ort den traumatisierten Angehörigen bei.
Sicherheitsexperte Höbel bescheinigte den Hilfskräften vor Ort ein „erstklassiges Krisenmanagement”. Verbesserungsmöglichkeiten sieht er vor allem im Informationsbereich, etwa beim Internet. So hätten fast alle Veranstalter nach der Naturkatastrophe noch die ursprüngliche Zielgebiets-Information im Internet gehabt. Bei einem Anbieter sei sogar das weggespülte Hotel Magic Lagoon in Khao Lak noch fünf Tage nach dem Tsunami buchbar gewesen\x0e.\x0e.\x0e. Sein Fazit: „Die Nachsorge muss verbessert werden”.
Dr. Gerhard Berz, Projektleiter im Bereich Risikoforschung der Münchner Rück, dem weltweit größten Rückversicherer, machte nach dem Tsunami einen ganz anderen Missstand aus: „Vorhandenes Wissen wurde nicht genutzt”. Wären typische Kennzeichen der Naturkatastrophe richtig gedeutet worden, hätten Tausende gerettet werden können. Auch daraus hat die zertifizierte TUI Konsequenzen gezogen: in den „Allgemeinen Sicherheitshinweisen” werden die Touristen jetzt auch über die Merkmale eines Tsunami unterichtet.

www.auswaertiges-amt.de, www.fit-for-travel.de

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