Mieser Job: Vergütungsregeln machen freien Journalisten das Leben nicht leichter

Dass Zeitungsreporter der schlechteste Job der Welt ist und noch hinter dem Müllmann kommt, wie eine Umfrage in den USA ergab, mag vielleicht etwas übertrieben sein. Aber die Aussichten für die schreibende Zunft sind trübe. Da helfen auch die Vergütungsregeln wenig, zumal sie die Mehrfachverwertung von Texten zulassen. Wie kommen Reisejournalisten raus aus der Armutsfalle? VDRJ-Vorsitzender Dr. Klaus Dietsch moderierte die Diskussion, zu der Touristische Runde und VDRJ geladen hatten. 

Die Horrormeldungen reißen nicht ab. Hunderte von Journalisten stehen nach einer beispiellosen Entlassungswelle in Deutschland auf der Straße. Der DJV spricht vom größten Umbruch in der Medienbranche in den letzten 50 Jahren. Und für freie Journalisten wird der Kuchen immer kleiner, werden die Honorare immer karger. Dabei sollten doch die VVG, die verbindlichen Vergütungsregeln aus dem Jahre 2010 für mehr Sicherheit im Beruf sorgen, ihnen „einen verbindlichen und einklagbaren Anspruch auf eine angemessene Vergütung ihrer Texte sichern“, wie Klaus Dietsch zu Anfang feststellte. „Die VVG regeln Honorarhöhen, Nutzungsrechte und Modalitäten der Abrechnung und sollen mehr als nur eine Empfehlung bedeuten – sie konkretisieren geltendes Gesetzesrecht. Das gesetzliche Recht auf angemessene Vergütung.“ Viele hielten diese Regeln allerdings inzwischen für eine Totgeburt, kritisierte der VDRJ-Vorsitzende, zumal „die unbegrenzte Mehrfachnutzung nur einmal dürftig honorierter Beiträge inzwischen branchenüblich zu sein scheint“. Nicht nur beim „Themenpool“ von Stuttgarter Nachrichten und Sonntag Aktuell mit der Münchner Abendzeitung und dem Portal fernweh-aktuell auch bei der WAZ – inzwischen Funke-Gruppe.
Das konnte Fabian von Poser, der als Freelance gut leben kann, bestätigen. Ähnlich würde in den Springer-Blättern verfahren, wo Welt, Welt am Sonntag, Berliner Morgenpost und Hamburger Abendblatt sich aus einem Topf bedienten oder auch bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, wo man für acht Abdrucke oder mehr  nur ein Mal Honorar bekäme. Der Rückgang eigenständiger Reiseredaktionen – von 110 im Jahr 2003 auf 83 in diesem Jahr – sei existenzgefährdend. „Das ist für die Freien das größte Problem“, sagte von Poser, der im Übrigen die Vergütungsregeln „grundsätzlich gut“ findet, obwohl sie ihm persönlich nichts gebracht hätten. Das Problem der Vergütungsregeln sei genau dieses, dass sie „ausdrücklich so genannte Mantellieferungen ermöglichen.„Die Honorare waren schlecht und sie sind es immer noch.“ Man könne zwar auf die Einhaltung der Vergütungsregeln bestehen, laufe aber dabei Gefahr, den Kunden zu verlieren. Da heiße es „Friss oder stirb“. Der Journalist hat auch festgestellt, dass manche Verlage ihre Honorare gar nicht oder sogar nach unten korrigiert haben. So zahle das Straubinger Tagblatt seit Jahren unverändert acht Cent pro Zeile und 2,50 Euro pro Bild – und das bei einer Auflage von 136 000 Exemplaren. Bei der BZ in Berlin gebe es mittlerweile nur noch die Hälfte. Auch die renommierte WAZ sei „fernab von allen Vergütungsregeln“. Pro Geschichte bekomme man bei Tageszeitungen je nach Verlag zwischen 50 und 200 Euro. „Davon kann man nicht leben.“ Von Poser hat sich für das „Tausendfüßler-Prinzip“ entschieden, das heißt, er verkauft seine Geschichte an mehrere Abnehmer, bringt mehrere Geschichten von einer Reise mit, arbeitet für Reiseführer- und Buchverlage und vermarktet seine Fotos über eine Bildagentur. Trotzdem macht er sich Sorgen: „Wenn mir jetzt noch Reiseteile wegbrechen, kann’s schwierig werden.“ Und das ist wahrscheinlich. In den nächsten zehn Jahren, fürchtet der Journalist, könnten nur zehn bis zwölf Redaktionen übrig bleiben, die dann sämtliche Reiseteile der Republik produzieren. 
„Was am Markt los ist, wissen wir“, sagt Michael Anger, stellvertretender Bundesvorsitzender des DJV, der sich maßgeblich für die gemeinsamen Vergütungsregeln eingesetzt hat. Zwar seien nach dem Urheberrecht Vereinbarungen wie die Vergütungsregeln – 2010 für freie Textjournalisten und 2013 für Fotografen – verbindlich. Aber als Gewerkschaft könne man die Verlage „nicht zwingen, nur zügeln“. Freie Journalisten ermuntert er, sich auf die eigenen Füße zu stellen und ihre Rechte einzuklagen. Ein Verbandsklagerecht allerdings hätten die Freien als freie Unternehmer nicht. Deshalb rät ihnen Anger, sich zusammenzuschließen, wie es die Kollegen bei der Badischen Zeitung gemacht hätten und nicht „einsam im Maulwurfshügel zu verharren“. Kleine Erfolge kann der DJV-Mann auch verzeichnen. So würde jetzt bei der Saarbrücker Zeitung nach den Vergütungsregeln bezahlt und die Rheinpfalz habe schriftlich anerkannt, dass sie sich an die Weiterverbreitungsregeln halten werde. Was die Zeilenhonorare angeht, sind für Anger „leider schon 50 Cent richtig gut“. Viele große Zeitungen zahlten nicht mehr. Das liege auch daran, dass oft Nachrichten- und Reportage-Honorar gleich gesetzt werde, rügte Fabian von Poser. So könnten Verlage behaupten, sie hielten sich an die Vergütungsregeln und trotzdem Mini-Honorare bezahlen. 
Dass man trotzdem in einem schwierigen Markt überleben kann, hat Andreas Steidel erfahren, der sich nach über 20 Jahren Festanstellung, davon zwölf Jahre bei Sonntag Aktuell, 2010 neu orientieren musste. Sehr geholfen hat ihm dabei ein Übergangsgeld aus Abfindung und Existenzgründungsgeld. So konnte er auch „Dinge tun, die einem gut tun“, etwa die Ausbildung zum Schwarzwald-Guide machen. Und dann hatte er auch Glück, weil das Evangelische Gemeindeblatt einen 40-Prozent-Redakteur suchte. Da blieb er hängen. Jetzt hat er einen „Gemischtwarenladen“, wobei die Redakteursstelle das Fundament für die freie Tätigkeit bildet. Hinzu kam noch ein zweiter Auftrag für eine Gastronomiezeitung des Gemeindeblatts. „Reise in Tageszeitungen spielt für mich kaum eine Rolle“, erklärt Steidel, seine Einnahmequelle seien Geschichten aus Baden-Württemberg für Magazine. Überhaupt bilde das Ländle sein finanzielles Standbein, 90 Prozent der Themen kämen aus dem näheren Umfeld. Außerdem befasse er sich auch mit Corporate Publishing. Für den Ex-Redakteur ist sein Gemischtwarenladen eine „pragmatische Überlebenslösung“, wobei ihm Fairness „wichtig geworden ist“. Auch im Verlag müsse er „nicht zu Kreuze kriechen“. Das erleichtere das anstrengende Leben als Selbstständiger. 
Auch Hans Werner Rodrian ist selbstständig und hat bei der Süddeutschen Redaktionsgemeinschaft (srt) einen Überblick über die Entwicklung der Reiseteile und die Zahlungsmodalitäten. Für ihn sind die  Mantellieferungen der Grundfehler bei den Vergütungsregelungen, „tödlich“ für die Freien. Dieser Passus müsse raus, fordert Rodrian. DJV-Mann Anger wäre für eine Verbesserung der Regeln. Eigentlich sollte im Herbst gekündigt werden, weiß er, aber: „Ich kann’s nicht versprechen“. Verdi traut den von der Mehrheit der Verlage schlichtweg ignorierten VVG eine Lösung der Misere noch weniger zu. Bis man sich unter einer von der Gewerkschaft erwünschten rot-grünen Regierung Chancen für ein Verbandsklagerecht ausrechnet, ist man bei Verdi von der Strategie der Einzelklagen abgekommen und überweist betroffenen Journalisten die Differenz zu den Vergütungsregeln, wie VDRJ– (& Verdi-)Mitglied Stefan Rambow erfahren hat. Weitere Einschätzungen hatten sich die zahlreichen Zuhörer im PresseClub München von einer Freischreiber-Delegierten sowie von WAZ-Reise Journal-Redaktionsleiter & VDRJ-Geschäftsführer Christian Leetz erhofft, deren kurzfristige Absagen auf wenig Verständnis stießen. 

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