Gemeinsam statt einsam: Die Idee der Collaborative Consumption

Früher, da war alles anders. Oder doch nicht? In der Zeit des Wiederaufbaus war das Geld knapp aber die Lust am Reisen schon da. So reiste man eben zu Verwandten und Bekannten. Die bezogen die Ausziehcouch oder pumpten die Luftmatratze für die Gäste auf. Das alles kommt wieder. Nur, dass jetzt Fremde auf der Couch liegen oder auf der Luftmatratze, dass Unbekannte morgens beim Frühstück mit am Küchentisch oder im Speisezimmer sitzen.
Das Internet macht’s möglich. Couchsurfing ist im Trend, nicht nur bei jungen Leuten. Airbnb ist längst über die Luftmatratze hinaus gewachsen und bietet nicht nur Privatzimmer, sondern ganze Wohnungen. Das tut auch Wimdu – mit wachsendem Erfolg. Und neben diesem Trend zum Urlaub bei und mit anderen tut sich auch sonst so einiges in Richtung gemeinschaftlich erleben, wie die Touristische Runde in München zeigte. 

Collaborative Consumption heißt etwas zungenbrecherisch der Trend, bei dem es um soziale Kontakte ebenso geht wie darum, den Geldbeutel zu schonen. Tauschen statt kaufen, leihen statt besitzen. Erleben wir tatsächlich eine Verschiebung von der Ich- zur Wir-Kultur, wie es Rachel Botsman in ihrem Buch „What’s mine is yours“ beschreibt? Befinden wir uns am Übergang zu einer kollaborativen Revolution, wie sie Jeremy Rifkin vorhergesagt hat? Wird Besitz zur Bürde?
Teils, teils, meint Prof. Dr. Theo Eberhard, Dekan der Fakultät Tourismus der Hochschule München. Einerseits führe Besitz zu riesigen Produktionsmengen und sei damit eine Belastung. Andererseits gelte immer noch: Jeder will mehr und das allein. So würden „Unmengen realer Güter“ produziert, die nur darauf warteten, genutzt zu werden. Und das, obwohl es eine lange Tradition von „Wirtschaftsformen des Nicht-Besitzes“ gäbe wie die Allmenden (Flächen zur gemeinschaftlichen Nutzung) im ländlichen Raum oder auch die Maschinenringe in der Landwirtschaft. Auch bei einigen indigenen Völkern sei Besitz nicht mit Gemeinschaft vereinbar, ja werde sogar als schädlich empfunden. Schon deshalb bräuchten wir „Formen von Gemeinschaftsbewirtschaftung auch im Tourismus“. Wenn etwa Klassische Unternehmen Reisen in den Dschungel anböten, ginge das oft schief, weil die Einheimischen dann meist nur für die niedrigen Dienste ohne eigene Verantwortung herangezogen werden. Gemeinde basierte Projekte böten hier Nutzen für alle.
Aber auch in unserer Gesellschaft vollzieht sich nach Meinung Eberhards ein Wandel. So habe „neues Geld“ wie der Chiemgauer vor allem Tauschfunktion und entzöge sich dem Markt für Spekulationen. Dividende gäbe es nur im Sinn der Gemeinschaft. „Das ist ein unglaublicher Bruch in der Vorstellung“, stellt der Touristik-Professor fest. Einen ähnlichen Bruch sieht er auch im Tourismus, dessen Ökonomie bisher von den Reiseveranstaltern geprägt sei. Heute könnten Einzelpersonen ihre eigenen Reiseveranstalter werden und andere dazu animieren mit ihnen zu reisen. Damit verlören die Veranstalter ihre „Wissenshoheit“. „Der Markt wird sich verändern“, ist sich Eberhard sicher. „Wir leben in einem Umbruch.“ Das zeige sich schon beim Auto, wo die „Power unterm Hintern“ vor allem „Leute ab 40 interessiere, die sich selbst verwirklichen wollen“. 
Markus Barnikel, Geschäftsführer von Carpooling.com, sieht das ähnlich. Noch vor zehn Jahren sei das Auto ein Prestigeobjekt gewesen. Heute dagegen sei es für viele junge Leute selbstverständlich, kein eigenes Auto zu haben, „das 23 Stunden auf der Straße steht und meist vier leere Sitze hat, wenn es bewegt wird“. Nicht nur sie sind Kunden der Ride-Sharing-Plattform, die allein im Dezember 2011 eine Million Menschen von A nach B gebracht hat. Auch Geschäftsleute und Großmütter nutzten den Dienst. Carpooling.com, entstanden als studentische Mitfahrgelegenheit, ist inzwischen in 5000 Städten und 45 Ländern vertreten – und expandiert weiter. „Von Hippie zu hip“ beschreibt Barnikel den steilen Aufstieg, der dem wachsenden Bedürfnis der Menschen nach Mobilität geschuldet sei.
Mittlerweile wurde auch die Bahn integriert und innerhalb von drei Monaten stieg Carpooling.com zu einem der größten Online-Ticket-Partner der Bahn auf. Selbst airberlin und Busunternehmen findet man auf der Plattform, für den Geschäftsführer ein Zeichen dafür, wie selbstverständlich die Kunden mit dem Mobilitätsthema umgingen. Weil das Mit-Fahren auch soziale Kontakte mit sich bringe, brauche die Plattform auch keine Werbung. Sie wachse quasi durch Mundpropaganda. „Collaborative Consumption treibt uns immer weiter“, erklärt Barnikel und lobt die „unheimliche Transparenz“ und die „social currency“, die das Netz ermögliche. Niemand brauche heute mehr zu einem Fremden ins Auto zu steigen oder Fremde zu chauffieren. Im Internet seien Fotos ebenso selbstverständlich zu sehen wie die Bewertungen anderer Fahrer und Beifahrer. 
Das gilt auch für die Vermieter von Privatunterkünften. Das Konzept beruhe auf Vertrauen, erklärt wimdu-Chef Christopher Oster. Keinen Platz hätten „scheinprivate Bettenburgen“. „Die nehmen wir raus.“ Gewerbliche Anbieter fänden sich jedoch durchaus auf der Plattform („Wir haben ja den Ferienwohnungsmarkt nicht neu erfunden.“) aber eben auch Angebote „komplett von privat zu privat“. Vielfältig wie die Angebote („Jede Woche kommen 1000 Unterkünfte hinzu“) seien auch die Nutzer, die zwischen fünf und 3000 Euro für die Nacht zahlten – teilweise auch 30 000 Euro für Spezialangeboten wie ein ganzes Dorf. Bei dieser Bandbreite von der Studentenbude bis zum Schlösschen könne jeder das für ihn Passende finden, wenn er auf die website gehe. Hier erhalte er Informationen über die Unterkunft und über den Gastgeber, mit dem er möglicherweise die Wohnung teilen werde. Die Plattform führe also Mieter und Vermieter zusammen und unterstütze die Transaktion zwischen beiden. 
Und so geht’s: Der Kunde sucht das passende Quartier (und den passenden Gastgeber), im Moment der Buchung zahlt er online an die Plattform. Das Geld wird jedoch erst 24 Stunden nach dem Check-in ausbezahlt – falls doch Mängel auftreten. Bei berechtigten Beanstandungen auch nach diesem Zeitraum versuche wimdu zu vermitteln, versichert  Oster. „Im Zweifel zeigen wir uns kulant“. Immerhin ist der Vermieter gegen mögliche Schäden versichert – mit bis zu 500 000 Euro. 
Verglichen mit Carpooling und wimdu ist die Mitesszentrale eine noch kleine Plattform. Die Idee „Facebook am Esstisch“ kam den beiden Gründern und Geschäftsführern Markus Henssler und Jörg Zimmermann, „weil wir beide gerne essen und auch schon Couchsurfing ausprobiert haben“. Ziel sei „Kommunikation am Esstisch statt Chat am Computer: „Wir wollen, dass die Menschen wieder miteinander reden – am besten bei einem guten Essen.“ Aktiv werden können Gastgeber wie Gäste. Die einen, indem sie sich ihre Gäste aussuchen z.B. nach Alter, Geschlecht, Wohnort oder Interessen. Die anderen, indem sie sich für ein eingestelltes Essen bewerben. Aber: „Das letzte Wort hat immer der Gastgeber, der auch die Anzahl der Gäste und den Preis festlegt. Zielgruppe der Gründer, die für ihre Plattform noch Kooperationspartner suchen, waren eigentlich Menschen zwischen 20 und 45. Dass ausgerechnet die Gruppe über 50 so stark vertreten ist, „hat uns“, so Jörg Zimmermann, „doch überrascht“.  
Allerdings haben auch die Gründerinnen des start-ups „nectar & pulse“ eine ähnliche Erfahrung gemacht. Sie „scouten“ für ihre Reiseführer von Seelenverwandten „Locals“ mit Insider-Erfahrung. Mit Leuten über 50 hatten sie dabei gar nicht gerechnet, so Tanja Sieder. Aber gerade diese Altersgruppe zeige großes Interesse an dem Projekt. „Das sind wohl Leute, die Zeit und Geld haben und Qualität schätzen“, mutmaßt die junge Gründerin. Immerhin kostet so ein Ringbuch mit vielen Tipps und einem Travel-Tagebuch im Anhang 35 Euro. „Wir kommen vom Design“, sagt Sieder. „Da legen wir natürlich großen Wert auf die Haptik.“ Angefangen habe alles mit Stockholm und mit Freunden sowie Freunden von Freunden. Inzwischen gibt es die Bücher für neun Städte und die Anfragen von „Soul-Mates“ kämen aus aller Welt. „Wer unseren Führer nutzt, sollte das Gefühl haben, an der Hand des besten Freundes durch die Stadt zu gehen“, gibt Tanja Sieder den hohen Anspruch vor. Künftig sollen die seelenverwandten Tippgeber auch finanziell beteiligt werden. 
Denn, trotz allen Wandels, Geld regiert immer noch die Welt. Und so sind, wie Prof. Eberhard, urteilt „viele Modelle weit entfernt vom altruistischen Teilen, sondern eher coole Geschäftsmodelle.“ Wobei er nichts dagegen habe. Was ihn interessiere sei vielmehr: „Warum vermietet jemand seine Wohnung, warum geht jemand in die Privatwohnung statt ins Hotel, an den familiären Esstisch statt ins Restaurant?“ Die Erklärung schiebt er gleich nach: Der Kunde wolle näher dran sein am Produzenten, mehr teilhaben. Statt „in der Single-Wohnung sein Single-Essen zu kochen und allein zu verspeisen“, suche er „in unserer atomisierten Gesellschaft“ die Gemeinschaft. 
Für Carpooling.com-Geschäftsfüher Barnikel spielt auch das Thema Nachhaltigkeit beim Erfolg der Collaborative-Consumption-Angebote eine Rolle. Durch die Mitnahme von Mitfahrern könne man schließlich nicht nur Geld sparen, sondern auch CO². Auch wimdu-Chef Oster argumentiert ähnlich. Der Besitz einer Ferienwohnung könne auch einschränken, ja zur Belastung werden. Dann, wenn die Besitzer sich verpflichtet fühlen, jeden Urlaub im Ferienquartier zu verbringen. Hier sei Wimdu eine Chance auf mehr Freiheit. 

Vor allem für Hoteliers sind solche Plattformen eine gefährliche Konkurrenz, weil sie nicht den Zwängen unterworfen sind, die im Hotelgewerbe selbstverständlich sind. Prof. Eberhard ist überzeugt davon, dass auch der traditionelle Tourismus umdenken müsse. Das „völlig veraltete Zielgruppendenken“ müsse überwunden, neue Antworten auf die Bedürfnisse unserer Zeit müssten gefunden werden. Er jedenfalls könne gut verstehen, dass die Menschen die Austauschbarkeit standardisierter Hotelwelten satt hätten und lieber in andere kulturelle Spielwiesen eintauchten. 

4 Kommentare
  • Götz A. Primke
    Februar 21, 2012

    Sehr schöner Artikel, liebe Frau Solcher. Nur sind Ihre Links am Ende des Artikels alle kaputt und verweisen innerhalb Ihres eigenen Archives nur auf carpooling. Also nicht sehr zielführend. Der Fehler ist also in der Linkprogrammierung. Der erste Link ist (a) nicht richtig geschrieben und (b) nicht geschlossen.
    Herzlichst,
    Götz A. Primke

    • Lilo Solcher
      Februar 23, 2012

      Danke für den Hinweis. Schon geändert!

  • Susann Gäbler
    April 27, 2012

    Sehr schöner Artikel ! Mir sagte bisher nur das klassische Couch-surfing was. Danke für die Informationen 🙂 Da kann der nächste Abenteuer-Urlaub kommen.

    • Lilo Solcher
      Mai 14, 2012

      Alternative Reisearten gibt’s inzwischen jede Menge. Auch dank Internet. Da müssen sich die Veranstalter warm anziehen, wenn sie mithalten wollen.

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