Tourismus und Terrorismus

„Wir leben in finsteren Zeiten“. Das war schon bei Bert Brecht so und ist heute so wahr wie damals. Nur die Hintergründe sind andere. Der Terror des Islamischen Staats trifft die freie Gesellschaft  ins Mark. Die Flüchtlingskrise spaltet Europa. Und es geschieht etwas, was seit dem Mauerfall niemand erwartet hätte: Der Kontinent mauert sich sein. All das geht auch nicht spurlos an der Tourismus-Industrie vorbei. „Dies sind entsetzliche Zeiten für die Reiseindustrie“, sagte ein Experte am Rand der ITB. Die Drohunge durch den Terrorismus verletzte die globale Reise-Gesellschaft. Für 31 Prozent der Deutschen haben laut einer Emnid-Umfrage die Anschläge unmittelbare Auswirkungen auf ihre Reisepläne. Rund 21 Prozent gaben an, keine hauptsächlich muslimischen Länder besuchen zu wollen. Jeweils zehn Prozent wollen künftig Besuche in Großstädten oder auch Flugreisen vermeiden. Acht Prozent bleiben gleich ganz zu Hause.

„Wir sind entsetzt, eingeschüchtert, verschreckt“

Auch Deutschland bietet sich als "Substitut" an.

Auch Deutschland bietet sich als „Substitut“ an.

Wie verändert der Terrorismus den Tourismus, fragte deshalb die Touristische Runde München. Zu Gast war sie diesmal wieder in der Fakultät für Tourismus der Hochschule München (siehe Foto (c) Willy Ratzinger), und die Dekanin Prof. Dr. Sonja Munz, gab zur Einführung ihre Einschätzung zum Thema ab. „Was ist Terrorismus?“ fragte sie. „Verbreitung von Schrecken? Einschüchterung?“ Das klappe schon gut: „Wir sind entsetzt und eingeschüchtert, ja auch verschreckt.“ Und diese Emotionen führten oft bei Reisen zu kurzfristigen Reaktionen. Allerdings vergäsen vor allem Touristen relativ schnell, wie das Beispiel Ägypten zeige. Und: „Man kann Reiseziele ersetzen.“
Es gebe „Substitute, darunter auch Deutschland“. Schon deshalb werde das Reisevolumen nicht unbedingt abnehmen. Doch die Dekanin sieht eine andere Gefahr, die auch mit den Warnungen des Auswärtigen Amts verbunden ist, größere Menschenansammlungen und stark frequentierte Stätten zu meiden. „Das ist ein Anschlag auf unsere Freiheit,“ warnt sie, „und das ohne dass wir Opfer eines Anschlags sind.“ So werde die Reisefreiheit beschnitten und die Bereitschaft, sich auf andere, fremde Kulturen einzulassen, schwinde.

Das allgemeine Lebensrisiko ist ein Stück weit gestiegen

Preise „jenseits von Gut und Böse“ sollen helfen, die leeren Betten in der Türkei zu füllen.

Dass der Terrorismus nicht nur den Tourismus betreffe, sondern eine globale Krise sei, stellte Mario Köpers von Europas größtem Reiseveranstalter, der TUI, fest. Die Reisebranche reagiere flexibel auf die Herausforderungen, die auch nicht neu seien. „Wir stecken den Kopf nicht in den Sand.“ Die Veranstalter könnten „sich verändernden Nachfrageströmen“ folgen, um den Wünschen der Kunden zu entsprechen. Als Ausweichziele nannte Köpers das westliche Mittelmeer, vor allem die Kanaren, Griechenland und die Fernstrecke mit „riesigen Zuwächsen“. So könnten die Schwächen, „die wir in anderen Ländern erleben“, kompensiert werden.
„Wir können und wollen niemanden zwingen in die Türkei oder nach Tunesien zu reisen,“ stellte der TUI-Mann klar. Aber „wir lassen unsere Partner nicht im Regen stehen.“ Die meisten Hotels in Tunesien und Ägypten seien geöffnet, und „wir fliegen auch – aber viele Kunden wollen nicht“. Die Auslastung läge teilweise unter 30 Prozent. Und da griffen dann marktwirtschaftliche Preise „jenseits von gut und böse“ wie etwa ein Angebot für eine Woche Türkei All Inclusive im Viersternehotel ab 199 Euro.
Köpers ist überzeugt davon, dass der Terrorismus Europa noch lange beschäftigen werde. Das allgemeine Lebensrisiko sei zwar ein Stück weit gestiegen, aber die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden, sei immer noch wesentlich größer.

„Keine Patentlösung gegen den Terrorismus“

Lanzarote, Tal der 1000 Palmen

Ausweichziele wie die Kanaren (hier Lanzarote) befriedigen nur „irrationale Ängste“.

Peter Höbel, Geschäftsführer der Unternehmensberatung für Krisenmanagement, Crisadvice, stimmte da zu und stellte den Teilnehmern rhetorisch die provokante Frage, wie viele deutsche Touristen im Vorjahr durch Anschläge ums Leben gekommen seien. Mit der „geringen Zweistelligkeit“ der Opferzahl belegte Höbel die „minimale Wahrscheinlichkeit“ für die Anwesenden, Terroropfer zu werden. Die Angst vor Terror verglich er mit der Angst vor dem Fliegen. Beide Ängste seien irrational im Vergleich zu anderen Lebensrisiken.
Für problematisch hält Höbel „die Ausweichstrategie der Reisekonzerne“, die er als falsche Risiko-Kommunikation kritisiert. Schließlich haben auch europäische und deutsche Tourismusziele schon Terror-Anschläge erlebt wie die der ETA in Spanien oder das Attentat auf das Münchner Oktoberfest 1980 – mitten im Herzen der weißblauen Hauptstadt. Eine Patentlösung gegen den Terrorismus gäbe es nicht, machte der Krisenexperte klar. Die Bedrohungslage werde wahrscheinlich eher kritischer als besser, warnte er und nannte als Beispiel die Gefahr einer „Schmutzigen Bombe“, für die es bereits entsprechende Szenarien gäbe. Nur helfe es nichts, sich zu Hause zu verbarrikadieren.
„Der Terror ist ubiquitär, er hat eine neue Qualität zu Wasser, zu Land und in der Luft.“  Darauf könne und müsse man mit höheren Sicherheitsstandards und Wachsamkeit reagieren nicht aber mit Panik. In diesem Zusammenhang sieht Höbel manche Medien, vor allem die sozialen, als „kommunikative Brandbeschleuniger“, weil sie den Terroristen in die Hände spielten, Angst und Schrecken zu verbreiten.

Umbuchungsrecht als vertrauensbildende Maßnahme

Isfahan Touristen auf dem Platz des Imams

Nicht alle islamischen Länder werden gemieden. Bei Studiosus ist der Iran ein Boom-Ziel.

„Sicherheit ist nicht nur eine Frage des Terrors“, betonte Frano Ilic, Pressesprecher des Studienreisespezialisten Studiosus. Allerdings seien 9/11 und damit die Anschläge auf das Word Trade Center die Initialzündung für den Veranstalter gewesen, das Thema Sicherheit stärker zu beachten. Seither versuche Studiosus, in den entsprechenden Ländern mit Gesprächspartnern der Botschaft, mit Kollegen vor Ort und Leistungsträgern die Sicherheitslage genau zu analysieren und differenzierte Möglichkeiten anzubieten wie etwa das kostenlose Umbuchungsrecht bis vier Wochen vor Abreise, das derzeit für Ägypten, Kenia, Madagskar, Nepal, Israel, den Sudan, Tunesien und die Türkei gelte. Für Ilic auch eine „vetrauensbildende Maßnahme“. Dass die Touristen in diesem Jahr islamische Länder generell meiden, glaubt er nicht. Dagegen spreche die Tatsache, dass der Iran bei Studiosus das beliebteste Fernreiseziel sei.

Reisewarnungen sorgen auch für Verunsicherung

Nach den Anschlägen in Istanbul wäre auch ohne explizite Reisewarnung des AA die Stornierung der Reise möglich gewesen.

Reiserechtler Prof. Dr. Ernst Führich hat in diesen eher unsicheren Zeiten eine Renaissance der Pauschalreise festgestellt, die den Kunden ein Gefühl der Sicherheit vermittle. Auch der § 651 j BGB (Wird die Reise infolge bei Vertragsabschluss nicht voraussehbarer höherer Gewalt erheblich erschwert, gefährdet oder beeinträchtigt, so können sowohl der Reiseveranstalter als auch der Reisende den Vertrag allein nach Maßgabe dieser Vorschrift kündigen.) habe Vertrauen geschaffen. Ganz im Gegenteil zu den Reisewarnungen des Auswärtigen Amts, wo „Rangeleien zwischen wirtschaftlichen Interessen und politischen Rücksichtnahmen“ Unsicherheit erzeugten.
Als „Rechtsmärchen“ wertete Führich die Annahme, dass Kunden eine Reise nur bei einer Reisewarnung des AA kostenlos kündigen könnten. Die Reisewarnung sei nur ein wichtiges Indiz neben anderen seriösen Medienberichten. So sei der Kunde etwa nach den Anschlägen von Istanbul auch ohne ausdrückliche Reisewarnung zur Stornierung der Reise berechtigt gewesen. Lob zollte der Rechtsprofessor den Reiseveranstaltern für ihre „vorbildlichen Rückholsysteme“. Schließlich könnten Terroranschläge ja auch während der Reise auftreten ähnlich wie Naturkatastrophen.

Terrorismus kann Tourismus nicht stoppen

Hamilton vor Sonnenuntergang

Die Lust am Reisen lassen sich die Deutschen nicht vermiesen. Vor allem Fernreisen boomen (hier Hamilton Island/Queensland)-.

Dass auch Deutschland ins Visier der Terroristen gelangen könnte, räumten alle Referenten ein. Einig waren sie sich auch in der Einschätzung, dass es dem Terrorismus nicht gelingen werde, den Deutschen das Reisen zu vermiesen.

Infos im Internet:
www.tourismus.hm.edu/
https://www.tuigroup.com/de-de/ueber-uns/ueber-TUI-deutschland/Sicherheit
https://www.studiosus.com/Informationen/Reisesicherheit
www.crisadvice.com
www.reiserecht-fuehrich.de

Podcast zur Runde: http://cdn-storage.br.de/iLCpbHJGNL9zu6i6NL97bmWH_-by/_-9S/9-xy9-4y/160410_0635_Fuer-Bergsteiger_Fruehlingswanderung-auf-die-Hohe-Asten-im-C.mp3

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