Irland im Stimmungswandel

Hier heißt alles Joyce: James Joyce der Anwalt, Kevin Joyce der Kunsthandwerker; der Supermarkt gehört einem Joyce und der Modeladen, die Reparaturwerkstätte und der Schrottplatz. Vor allem aber heißt der Fluss, der durch diese reizvolle Landschaft mäandert Joyce, und Joyce heißt auch der Rundweg über kleine Straßen mit Fuchsien- und Rhododendren-Hecken durch winzige Dörfer zwischen den grün überwachsenen Maumturk Mountains. Nur James Joyce, der James Joyce, Autor des Ulysses und der Dubliner, kommt nicht aus dieser Gegend im County Galway. Im  gleichnamigen Städtchen allerdings wurde Nora Barnacle geboren, die spätere Mrs. Joyce. Immerhin.

Man muss sich nicht durch Joyces Mammutroman Finnegans Wake durchkämpfen, um Irland und den Iren näher zu kommen. Die gleichnamige Ballade vom Baumeister Tim Finnegan, der betrunken von der Leiter fiel und bei der feucht-fröhlichen Trauerfeier wieder belebt wurde, tut’s auch. So schnell ändert sich die Stimmung in Irland: vom Trauerfall zur fröhlichen Wiederauferstehung. Sprunghaft wie das Wetter in diesem Sommer.  
Dunkle Wolken bauen sich am Himmel auf, gestaffelt, als wollten sie zum Angriff blasen. Im Rückzugsgefecht legt die Sonne einen breiten Regenbogen über den dunklen Bergrücken wie eine schimmernde Decke. Dann verschluckt das Nebelgrau alle Farben, der See wird nachtschwarz. Regen prasselt aufs Autodach wie ein Trommelwirbel, ertränkt jede Sicht. Minuten später schält sich Grün aus dem Grau, das leuchtende Rot der Fuchsien, das blendende Weiß der Häuser, ein blauer Streifen am Himmel, reflektiert im See. Die Landschaft atmet auf. So ist das Wetter in Irland, launisch wie eine Diva, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Die Stimmungen schwanken im Minutentakt.
„Dieser Sommer ist ein Winter“, schimpft  Mike im Pub Ti Coil in Galway und nimmt einen tiefen Schluck vom dunkelbraunen Guinness. Der junge Software-Entwickler aus Dublin ist mit seinem jüngeren Bruder auf Kneipentour. John arbeitet in Galway in der IT-Branche. Die Brüder haben sich vor kurzem eine halbjährige Auszeit geleistet für eine Weltreise. Motto: Jetzt oder nie. Bei der Abstimmung über das EU-Referendum haben sich beide beteiligt. Mike hat mit ja, John mit nein gestimmt. Streit hat es deswegen nicht gegeben, denn beide Brüder sind eigentlich für die EU. „Wir sind ein kleines Land an der Peripherie Europas. Wir müssen schauen, wo wir bleiben“, sagt Mike mit einem geradezu treuherzigen Augenaufschlag, und John sieht den „keltischen Tiger“ schon am Gängelband der Eurokraten. Trotzdem wissen beide, dass ein vereintes Europa überlebenswichtig ist, um in einer globalisierten Welt neben Milliardenvölkern wie China oder Indien bestehen zu können. Allerdings müsse dieses Europa, zu dem nach Mikes Meinung auch die Türkei gehört, Rücksicht auf die Charakteristika und Probleme auch der kleinen Mitgliedsländer nehmen.
Vor allem John will von Gleichschaltung nichts wissen. Deshalb büffelt er mit seinen 30 Jahren auch wieder gälisch, das er schon in der Schule gelernt hat, damals eher lustlos. Jetzt helfe ihm gälisch, seine eigene Identität zu finden, erklärt John ernsthaft. Mike grinst. In Dublin sieht man die Dinge anders als in Galway, das als Zentrum der Gaeltracht, der gälischen Kultur gilt. Im Herzen des Countys sind die Orts- und Straßenschilder in gälischer Sprache  geschrieben. Auch die Verkehrsschilder an den Sträßchen warnen auf Gälisch.
Auf diesen kleinen Straßen, die oft nur einspurig durch die einsame Landschaft mit ihren weithin verstreuten Häusern führen, muss man auf alles gefasst sein: auf deutsche Wohnmobile und italienische Motorradfahrer, auf spanische Busse und einen Konvoi irischer Beerdigungsteilnehmer, auf gewaltige Holzlaster, auf Wanderer und Radler, auf Anschluss suchende schwarzköpfige Schafe   und vom Jagdfieber gepackte Hunde. Auf und ab führen die Sträßchen, krumm und bucklig, mit unerwarteten Kurven und wenig Platz zum Ausweichen, dafür mit atemberaubenden Ausblicken in eine Landschaft, die unter dem ständig wechselnden Licht mal drohend, dann wieder lieblich wirkt. Durch Loughs schlängeln sich die Straßen und durch karge, felsige Berge, weiß gesprenkelt mit Schafen, durch Moore, getüpfelt von den weißen Zipfelmützen des Wollgrases, und dunklen Torfstich, durch sattgrüne Weiden mit schwarzen oder rehbraunen Kühen, durch kleine Wälder und Wiesen, auf denen sich Blumenteppiche ausbreiten. 
„Wir haben nicht nur eine wunderschöne Landschaft“, sagt Anne Melia von Galway Tourism, „wir haben auch freundliche Menschen und ein Super-Tourismusprodukt.“ Greens für Golfer, Outdoor-Abenteuer für Wagemutige, verschlungene Wege für Wanderer, Seen zum Schwimmen und Surfen. Am 6. September soll Galway die Hauptstadt der outdoor-adventurer werden. Dann findet erstmals das Rat Race (www.ratraceadventure.com) statt, ein neues Spaß-Event bei dem die ganze Stadt  zum Spielplatz  wird: es wird geradelt, gelaufen, gepaddelt, geklettert. Die „Ratten“ sind überall in einer der am schnellsten wachsenden Städte Irlands, im Fluss, in den Straßen und an den Hausfassaden.
Derzeit scheint das ganze County Galway ein riesiger Bauplatz zu sein. Überall entstehen neue Siedlungen, postmodern oder würfelförmig wie überall in Europa. Die meisten Häuser sind noch zu kaufen. Kein Wunder bei den Preisen. Rund um Galway sind selbst alte Hütten nicht unter 500 000 Euro zu bekommen. Dafür stehen die Verkaufsschilder an manchen Straßen Schlange. „Irlands Hochkonjunktur war zum großen Teil eine Folge des Baubooms“, ist Michael überzeugt. Der 74-jährige Engländer hat vor 20 Jahren ein Cottage am Lough Corrib erworben und liebevoll restauriert. Seither vermietet er an Touristen. Jetzt will er verkaufen, „solange man noch ordentlich Geld bekommt“. Dass der keltische Tiger derzeit lahmt, wundert ihn nicht. Viele der jungen Leute hätten sich beim Hausbau übernommen und müssten jetzt verkaufen. „Sie dachten, es ginge immer weiter aufwärts. Aber jetzt haben wir erst mal einen Abschwung.“ Die Lebenshaltungskosten steigen, die Inflationsrate liegt über dem EU-Durchschnitt. Auch das ist ein Grund für die Euro-Skepsis vieler Iren.
„Wir haben ein Problem mit den Preisen“, sagt Michael Heraram (56), der Touristen die Aran-Insel Inishmor zeigt. „Wir müssen mit Ländern wie Spanien konkurrieren, die deutlich billigere Arbeitskräfte haben.“ Mangel an Touristen herrscht auf der steinreichen Insel trotzdem nicht. Im Gegenteil. Zu den 800 Einwohnern und unzähligen Schafen gesellen sich im Sommer an manchen Tagen bis zu 3000 Touristen. Wenn die Fähren mit ihrer Besucher-Ladung im Hafen eintreffen, dann warten schon die Minibusse und Pferdekutschen. Vor den  Verleih-Stationen stapeln sich die Räder. Und alle wollen das 4000 Jahre alte keltische Fort Dún Aonghasa über den Klippen sehen. Die wenigsten haben daneben noch Augen für die schmetterlingsbunten Wildblumen auf den kargen Wiesen, die mühsam aufgeschichteten Trockenmauern und das karibikblaue Meer, das an die Klippen brandet. Michael Heraram liebt seine Insel, so sehr, dass er sich nicht vorstellen könnte, anderswo zu leben. Wozu auch? Die ganze Welt kommt ja zu ihm. Auch seine Frau Peggy, eine New Yorker Brokerin, hat er auf Inishmor kennen und lieben gelernt. Seit 18 Jahren lebt sie auf der Insel. Und New York? „Viel zu laut und hektisch“, winkt der 56-Jährige ab und blinzelt in die Sonne. Trotz der Touristenströme ist Inishmor sich treu geblieben. Wenn die letzte Fähre abgelegt hat, kehrt Ruhe auf der größten Aran-Insel ein. Dann sind die Bewohner wieder (fast) unter sich und in den Pubs erklingen gälische Lieder.
Die Iren sind ein sangesfreudiges Volk.
Am Flussufer von Galway sitzen zwei Nachwuchsmusiker und üben, die Fußgängerzone der Stadt ist eine einzige Musikmeile und an der Durchgangsstraße von  Roundstone, einem kleinen Ort in Connemara, singen drei bärtige Musikanten sich die Seele aus dem Leib. Und bei der Ballade vom trinkfreudigen Tim Finnegan und seiner Wiederauferstehung beginnt eine alte Frau mit Kopftuch zu tanzen. Bald schon wiegt sich ihre Enkelin in den Hüften.
Musik verbindet in Irland nicht nur die Generationen, sie schlägt auch die Brücke über die Jahrhunderte.
Diesen Brückenschlag zelebriert Dunguaire Castle bei mittelalterlichen Banketten. Im über 400 Jahre alten Schloss, das schon Yeats, Synge und Shaw  zu poetischen Höhenflügen inspirierte, wird nicht nur geschmaust, sondern auch gelauscht: Sagen und Gedichten, Songs und Balladen. Lord Steven, Lady Maeve und Lady Jane sind Multitalente. Schnell, freundlich und effektiv beim Servieren. Wandlungsfähig, stimmkräftig und fröhlich bei den kleinen Szenen auf der Bühne. Zu dem heiteren Kulturevent pilgern Touristen aus aller Welt. Und bei Finnegans Wake singen die Amerikaner den Refrain mit. Sie kennen das Lied gut. Denn diese ach so irische Ballade wurde erstmals 1864 in New York publiziert.  
 

                       

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