Ferien im Orwell-Staat

Was die beiden so unterschiedlichen Reisenden, immer unter den wachsamen Augen ihrer beiden Guides und diverser Männer vom Geheimdienst, von Eisert Struppi genannt, erlebten, füllt 318 Seiten in dem Ullstein-Taschenbuch „Kim & Struppi – Ferien in Nordkorea“. Vieles weiß man inzwischen von den häufiger gewordenen Reisereportagen aus Nordkorea. Vieles erinnert an die ehemalige DDR, aber vieles ist in seinem Größenwahn und der Menschenverachtung absolut schockierend. Noch schockierender ist die Tatsache, dass viele Firmen mit dem international geächteten Regime scheinbar gute Geschäfte machen, auch deutsche Firmen, ja selbst die katholische Kirche. Sie ließ, das hat Eisert recherchiert, einen Kinder-Animationsfilm in Nordkorea zeichnen. Dass das „bizarrste Land der Welt“ auch bizarre Touristen anzieht, hat der Autor ebenso erlebt wie den Lagerkoller, den das ständige unter Beobachtung Stehen und das Gefühl des Eingesperrtseins hervorrufen können. Vor allem der vietnamesisch-stämmigen Fotografin macht die ewige Bevormundung zu schaffen.
Während die Spannungen zwischen dem Reise-Duo auf eine Eskalation zusteuern, erzählt Eisert die spannende Geschichte, wie die Kims sich an die Macht putschten und wie die beiden Koreas immer mehr auseinander drifteten – ein literarischer Kunstgriff, der das Buch über die üblichen Reiseberichte hinaushebt. Auch die Schilderungen, was die Entmündigung schon in kurzer Zeit in den Köpfen der Touristen anrichtet und wie sich die Guides im engen Umgang verändern, sind unbedingt lesenswert.
Am Ende schunkeln Touristen und Guides in seliger Selbstvergessenheit zu der Melodie von Michael Holms Schlager „Tränen lügen nicht“. Die Rutsche hat Eisert übrigens nur im Vorüberfahren gesehen. Kennengelernt hat er ein Land wie ein fremder Planet. Und doch: „Bei allem Größenwahn und Elend, bei aller Angst und Brutalität, es leben, lieben, und lachen Menschen in Nordkorea.“
Zitat: In diesem Moment wurde mir klar,  dass sämtliche qausländischen Gäste des Folklore-Hotels Kaesong auf der Straße standen. Vor dem Tor. Mitten unter der Bevölkerung. Drinnen hallten hektische Rufe. Die Erkenntnis, ein Tabu gebrochen zu haben, äußerte sich bei uns draußen darin, dass keiner mehr weiterging. Gut fünf Meter vor dem Tor verharrten wir an der Kreuzung. Aus dem Schatten des Torbogens beobachten uns drei Struppis. Die Passanten und selbst ein Verkehrspolizist, der etwas weiter die Straße hinunter auf Verkehr wartete, versuchten, an uns vorbeizusehen. Nur die bunten Kleinen gaben ihrer Neugier nach und starrten uns aus dunklen Kulleraugen an. … Kurz darauf strömten die Reiseleiter aus dem Tor, eine Armada in schwarzen Anzügen. Mit kalter Höflichkeit trieb man uns zurück auf den Hof.

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